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Republik Mahabad

Elf Monate Republik

Erdöl und kalter Krieg machen den Traum von der kurdischen Un­abhängigkeit zunichte.
Die Szene war fast die gleiche wie auf dem berühmten Gemälde, auf dem die sowjetische Historienmalerei Lenin im Jahr 1917 die Okto­berrevolution verkünden lässt. Auf dem Vier-Lampen-Platzin Mahabad hatten Arbeiter am Vortag ein mächtiges Holzgerüst aufgebaut, das nun mit Tüchern in den rot-weiß-grünen Farben der kurdischen Flagge umhüllt war. Rund um den Platz waren Masten errichtet, und die Fahnen der Demokratischen Partei Kurdistans, der ehemaligen Komala, geschmückt mit dem Wappen der aufgehenden Sonne, knatterten im Wind des klaren Wintertages. Am Vortag hatte es ge­schneit, und in schmutzigem Weiß lag der Schnee noch auf den Stra­ßen und den flachen Dächern der umliegenden Häuser. Es war der 23. Januar 1946. Im kurdischen Kalender war es der zweite Tag des Monats Rebandan, und im Kalender der Geschichte wurde es der erste Tag der ersten und bislang einzigen kurdischen Republik.
Am späten Nachmittag hatten sich Tausende versammelt: Bürger und Handwerker aus Mahabad sowie Fürsten und Krieger der umliegen­den Stämme, der Gawurk, der Mamash und Mangur, der Herki und der Begsadeh. Die meisten von ihnen trugen die typische Männer­tracht des Nordens, die Pluderhosen und weitgeschnittenen Jacken aus selbstgewebtem erdbraunen Stoff, mit bunten blumengemuster­ten Leibbinden gegürtet, darüber das Lederkoppel mit eingeklinkten Patronengurten und dem riesigen zweischneidigen Kurdendolch. Viele hatten die rot-weiß oder schwarz-weiß gescheckten Kaffyehs, wie man sie auch im Irak kennt, als Turban auf dem Kopf. Weiter aus dem Norden waren die Vertreter der Shikaks und der Dschalalis angereist, mit ihren weitgeschnittenen Reithosen nach Kosakenmanier und ihren starren Übermänteln und hohen Filzkappen ein düsterer Kontrast zur lebendig bunten Aufmachung der anderen Stämme.

Die Stadtleute hatten zur Feier des Tages ihrem Auftreten in europäisch geschnittenen Anzügen wenigstens mit dem Turban einen kurdisch­ islamischen Akzent aufgesetzt.
Eine Delegation von Mitgliedern der Demokratischen Partei holte ihren Führer aus seinem ebenfalls mit Wimpeln geschmückten Wohnhaus ab und geleitete ihn auf den Platz der vier Lampen. Ghazi Muhammad hatte eigens für diesen Anlass eine besondere Kleiderzu­sammenstellung gewählt: In Täbris hatte er sich von einem auf Uni­formen spezialisierten Schneider eine sowjetische Generalsuniform fertigen lassen, die er nun zum ersten Mal trug.

Die Generalsmütze allerdings war ihm von kurdischen Freunden, denen allzu viel An­klänge an die Sowjetunion nicht geheuer erschienen, noch ausgere­det worden. Zur Uniform einer kommunistischen Armee trug der Ghazi deshalb den weißen Turban seines religiösen Amtes. Den schweren, unförmigen Mantel, den er noch über die Uniform gezo­gen hatte, legte er ab, als er das hölzerne Podium erstieg. Die versammelte Menge verstummte, als der Parteiführer das Wort ergriff. Als einzigen Abgesandten der Sowjets konnte er am Rand des Platzes den mit der Betreuung der Kurden beauftragten Führungsof­fizier Yermakov ausmachen, der dort auf einem amerikanischen Jeep sitzend das Geschehen beobachtete.

Qazi Muhammad
Qazi Muhammad
Ghazi Muhammad sprach kaum 15 Minuten. Kurz und bündig stellte er vor seinen Zuhörern noch einmal fest, dass die Kurden ein eigenes Volk mit eigener Geschichte, Sprache und Kultur seien, das in seinem eigenen Land wohne und nun endlich auch über einen eigenen Staat verfügen wolle. Aus diesem Grund verkünde er hier und heute die Kurdische Republik von Mahabad.

Und er danke dem kurdischen Volk, dass es vertreten durch das Zentralkomitee der Partei, ihn zum Präsidenten ausgewählt habe.
So kurz die Ansprache auch war, fand Muhammad doch die Zeit, um der »ruhmreichen Sowjetunion« für die moralische und materielle Unterstützung zu danken, die den Kurden schon zuteil geworden oder zumindest in Aussicht gestellt war. Außerdem beglückwünschte er die »aserbaidschanischen Brüder«, die jüngst ebenfalls die Unab­hängigkeit erlangt hatten und den Kurden helfen würden, wie sie sich auch umgekehrt jederzeit auf kurdische Hilfe verlassen könnten.

Als Ghazi Muhammad, nun offizieller Präsident der soeben gegründeten Republik, das Podium verließ, mischten sich in den Beifall der Menge fünf Ehrensalven von 300 kurdischen Kriegern.

Für die Russen immer Wodka im Haus

Schon kurze Zeit später zeigte sich allerdings, dass die Proklamation der Kurdenrepublik und die Beschwörung der »aserbaidschanischen Brüder« ein wenig voreilig gewesen war.

Ghazi Muhammad hatte den Zeitpunkt der Gründung nicht mit den sowjetischen Beratern ab­gestimmt, und von Moskau oder Baku aus war offenbar den aserbaidschanischen Genossen in Täbris noch nicht beigebracht worden, dass die Kurden sich mit russischer Billigung ein beträchtliches Stück aus dem Territorium der Autonomen Republik Aserbeidschan als ei­genen Staat herauszuschneiden gedachten.

Kaum zwei Wochen nach der festlichen Veranstaltung auf dem Vier­-Lampen-Platz kam es zu den ersten Reibereien. Zwei prominente Mitglieder der Demokratischen Partei Kurdistans, die gerade in Täbris, der aserbaidschanischen Hauptstadt, Besorgungen machten, wurden von Dr. Samadov, einem als Arzt in das dortige sowjetische Krankenhaus eingebauten Führungsoffizier, in wenig freundlicher Weise befragt, warum die Kurden ihre Unabhängigkeit erklärt und eine Regierung gebildet hätten, ohne vorher die endgültige sowjeti­sche Erlaubnis einzuholen.

Tags darauf wurde sogar Ghazi Muhammad nach Täbris zitiert und mit den gleichen Fragen konfrontiert. Der Präsident erklärte, Yermakov sei ständig über alle kurdischen Vorbereitungen im Bilde gewe­sen, und er habe ja auch von seinem Jeep aus der Proklamation der Unabhängigkeit als Zeuge beigewohnt. Yermakov konnte jedoch darauf hinweisen, dass er keine Genehmigung zur Ausrufung der Re­publik erteilt habe.

Aber der mit der obersten Leitung der Operation in Kurdistan be­traute General Salim Atakchiov hatte entweder entsprechende Wei­sungen aus Moskau oder genügend Vollmachten, sich von Ghazi Muhammad überzeugen zu lassen. Der General brachte den wüten­den Aserbeidschan-Premier Pishevari zum Schweigen, und er sank­tionierte den kurdischen Schritt.
Der in den fünfziger Jahren für die UNO mit Kurdenfragen befasste Diplomat Derek Kinnane wusste in einem Buch zu berichten, Salim Atakchiov habe durch einen Telefon­anruf seine Antwort an Ghazi Muhammad vorher mit Moskau abge­stimmt.

Dem frisch gebackenen kurdischen Präsidenten wurde jedenfalls schmerzlich bewusst gemacht, dass die Regierung von Mahabad die Feindseligkeiten Teherans sowie Aserbeidschans und vielleicht auch anderer Staaten nur mit der Unterstützung einer Großmacht durch­stehen konnte. Nach Lage der Dinge konnte allein die Sowjetunion diese Großmacht sein.

Nur aus Furcht, die Russen zu verstimmen und sie als Schutzmacht zu verlieren, hatte der Ghazi zunächst über­haupt den Gedanken der Unterordnung Kurdistans im Territorium der neuen aserbaidschanischen Republik erwogen. Und nur die Be­harrlichkeit seiner politischen Umgebung sowie die Gewissheit, in Mahabad mit einer streng kurdisch-nationalistischen Elle gemessen zu werden, war dafür verantwortlich, dass Muhammad hart blieb, und so hatte er nun auch die endgültige sowjetische Zustimmung zur Republik von Mahabad erreicht.

Das Verhältnis zwischen der kurdischen Führung und den russischen Ziehvätern der Republik blieb jedoch immer sehr förmlich. Der Ghazi konnte sich mit dem so ganz anderen Auftreten und Lebensstil der Sowjets nicht anfreunden.

Sein Sohn, der ihn wie erwähnt auch ein­mal nach Baku begleitet hatte, erinnerte sich noch 1979, dass die Rus­sen häufige Besucher in dem großen Haus Muhammads am Sauj-­Bulaq-Fluss waren: »Sie kamen zu allen möglichen Tageszeiten und manchmal auch mitten in der Nacht. Sie lärmten durch die Gegend, stiegen auf das Dach, trampelten herum und verlangten lautstark nach Essen und Trinken. Obwohl mein Vater natürlich keinen Alko­hol trank, hatte er für die Russen immer Wodka im Haus.«

Noch im Februar 1946 kamen die ersten zugesagten russischen Hilfssendungen in Gang. In zwei Transporten wurden den Kurden, nachdem sie schon requirierte Gewehre der persischen Gendarmerie erhalten hatten, 5000 Waffen aus Beständen der Sowjetarmee über­geben - Gewehre, Maschinengewehre sowie Armeepistolen tsche­chischen und amerikanischen Ursprungs.

Auch ein Rundfunksender wurde installiert, der bald seine Sendun­gen in kurdischer Sprache täglich von 16 bis 22 Uhr aufnahm. Es war der erste kurdische Rundfunk überhaupt. In vielerlei Hinsicht diente er dem späteren Geheimsender »Radio Freies Kurdistan« der sechziger und siebziger Jahre zum Vorbild.

Selbst an die komplette Ausstattung für ein Musikkorps hatten die Sowjets gedacht, das nun unermüdlich kurdische Kampflieder und schnell komponierte Märsche spielte sowie vor allem die National­hymne, die der Dichter Wenis Rauf Dildar in Mahabad geschrieben hatte.

Bei allen öffentlichen Anlässen, in Rundfunksendungen und bei den ersten Veranstaltungen und Aufmärschen der soeben gegrün­deten regulären kurdischen Armee tönten nun die russischen Instru­mente.

Hauptmann Saladin Kasimov drillt die Kurdenarmee

Ghazi Muhammad hatte in der Zwischenzeit ein Kabinett gebildet, dem auch sein Bruder Saif, der bis zum Zweiten Weltkrieg ein hoher persischer Gendarmeriekommandeur gewesen war, als Verteidi­gungsminister angehörte.

Der Regierung ging es jedoch nicht nur um die Schaffung eines funktionierenden Militärapparates zur Verteidi­gung der Staatsgrenzen insbesondere gegen zu erwartende militäri­sche Anstrengungen Teherans, sondern auch darum, ein zuverlässi­ges Machtinstrument in die Hand zu bekommen, das im Inneren ein Gegengewicht zur Stärke der kriegerischen und unberechenbaren Stämme bot.

Aus diesem Grunde hatte Präsident Ghazi Muhammad das Amt des Verteidigungsministers mit seinem Bruder als einem Mann seines be­sonderen Vertrauens besetzt, und aus dem gleichen Grund wirkte er auch persönlich bei der Auswahl der zukünftigen Kommandeure und Offiziere mit. Für den Kern der Armee hatte man am grünen Tisch ein eigenartiges Missverhältnis von 70 Offizieren und nur 40 Unterof­fizieren festgelegt, die zusammen die zunächst 1200 Sarbaz, einfache Soldaten, führen sollten.

Bei den Offizieren konnte Ghazi Saif auf ein Dutzend meist junger Männer zählen, die ihre Ausbildung in der Ar­mee des benachbarten Irak erhalten hatten und die ihrer kurdischen Nationalität und der Begeisterung für den nationalen Aufbruch ihres Volkes wegen dort desertiert waren, um sich den Streitkräften der jungen Republik anzuschließen. Die Masse der Offiziersstellen allerdings besetzten die Ghazis mit ihren Vertrauensleuten aus dem städti­schen Bürgertum Mahabads.

Im März traf überdies mit Hauptmann Saladin Kasimov ein sowjeti­scher Berater in Mahabad ein, der, der neuen Armee bei der Ausbil­dung ihrer Kader helfen sollte. Nach dem berühmten Sultan des Mit­telalters benannt, war der Hauptmann selbst sowjetisch-kurdischer Herkunft und wurde in der Mahabad- Armee mit dem Rang eines Obersten bekleidet in einem beziehungsreichen Wortspiel bald all­gemein nur Kakagha genannt, nach den kurdischen Worten Kaka = älterer Bruder und Agha = hochmögender Herr.

Im Laufe des Frühjahrs wurde die kleine Armee aufgestellt und dann täglich hart gedrillt. Gefechtsausbildung, Schießen mit Gewehr und Maschinengewehr sowie Handgranatenwurf gehörten zu den regel­mäßigen Übungen.
Ein paar Dutzend Rekruten wurden auch in Schnellehrgängen als Fahrer der von den Russen gelieferten Kraft­fahrzeuge ausgebildet.
Allerdings fiel immer bescheidener aus, was die Sowjetunion an Mili­tärhilfe für den von ihr mitinitiierten Staat noch bereitstellte. An Fahrzeugen beispielsweise blieb es bei zehn Militärlastwagen russi­scher Bauart, zehn amerikanischen LKWs und zehn Jeeps; zusam­mengenommen nicht einmal ein Tropfen, den die Sowjets aus dem gewaltigen Materialstrom ableiteten, der während des Zweiten Welt­krieges aus den USA geflossen war.

Auch die von den Kurdenführern schon bei ihrem zweiten Besuch in Baku ganz obenan auf die Wunschliste gesetzten schweren Waffen wurden nie geliefert. Weder Panzer, die Ministerpräsident Baghirov vor ein paar Monaten mit allen brüderlichen Eiden versprochen hat­te, noch Geschütze erreichten je die Armee von Mahabad.

Selbst die zugesagten panzerbrechenden Waffen entpuppten sich bei ihrer Lie­ferung als nichts anderes als gewöhnliche Brandflaschen, sogenannte Molotow-Cocktails.
Bei den kurdischen Militärs gab es lange Ge­sichter. Aber immer dringendere Anfragen nach mehr und schwe­reren Waffen wurden von russischer Seite mit immer neuen Vertrö­stungen abgespeist.

Auch die erwartete finanzielle Hilfe kam nicht zustande. Und selbst der kurdische Wunsch nach einer stärkeren Radiostation, deren Sen­dungen im Gegensatz zu der bereits von den Sowjets gelieferten über das unmittelbare Staatsgebiet von Mahabad hinausdringen und auch die Kurden des Irak und der Türkei hätten erreichen können, wurde nicht zur Verfügung gestellt.

Offenkundig war Moskaus Schwung gebremst, war die Begeisterung für das kurdische Experiment erlahmt. Noch aber machten Ghazi Muhammad und sein Kabinett sich nicht deutlich, dass die Gründe, die, die Russen zu dieser unerwarteten Zurückhaltung bewogen, letztlich auch Gründe sein würden, die über die Zukunft der Kurden­republik entschieden.

Eine verdammt demoralisierende Wirkung

Immer stärker entwickelte sich Mahabad zum Mittelpunkt des kurdi­schen Erwachens, immer mehr wurde die Stadt zu einem Zentrum, das wie ein Magnet immer weitere Kräfte an sich zog. Aus den Bergen und den umliegenden Regionen kamen die  Fürsten und Stammeshäuptlinge in die Stadt, um den Streitkräften des neuen Staates ihre Krieger anzubieten.

An die 12 000 Mann waren bald um und vor allem südlich von Mahabad, nahe der Grenze zum feindlich geson­nenen Persien, versammelt.
Der Stamm der Shikaks stellte 1300 Mann Kavallerie, die Tahir Khan, der Sohn des legendären und in der Gegend von Mahabad 1930 in einem persischen Hinterhalt umgekommenen Simko, befeh­ligte. Die verschiedenen Fraktionen der Herki brachten 1000 Reiter und 700 Mann Infanterie aus den Bergen.

Auch der alte Haudegen Hama Rashid, der sich noch vor ein paar Jahren in der Gegend von Saqqez und Baneh mit persischen Truppen herumgeschlagen hatte, stieß mit 300 Reitern zu dieser Armee aus kurdischen Stammeskrie­gern. Allen Stammeskontingenten wurde von der regulären Armee ein Verbindungsoffizier beigegeben, und auch ihre Versorgung übernahm Mahabad.

Der Kampfwert dieser Truppen war freilich höchst unterschiedlich. Westliche Reisende hatten zwar in romantisierenden Berichten im­mer wieder von brillianten Reiterkunststücken der kurdischen Stam­meskrieger berichtet, die auch noch meisterhaft mit der Lanze umzu­gehen vermochten. Und tatsächlich hatte die kurdische Kavallerie schon bei vielen Gelegenheiten gegen reguläre Einheiten Erfolge davongetragen.

Aber seit gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts das Repetiergewehr den Infanterieeinheiten eine schnelle Feuerfolge erlaubte und damit der angreifenden Kavallerie weitgehend ihre Überlegenheit nahm, mussten sich auch die kurdischen Kampfeinhei­ten umstellen. Nun genügten nicht mehr verwegene Reiterkunst und Wagemut, jetzt mussten straffe Disziplin und überlegene Führung Er­folge bringen.

Und das gerade machte die von den Stämmen gestell­ten Einheiten in ihrem Kampfwert so unterschiedlich. Immerhin hatten einige Stämme und ihre Führer neue Taktiken ent­wickelt, die den regulären Truppen der jeweiligen Gegner schwer zu schaffen machten. Der bereits zitierte persische Offizier und Histori­ker Hassan Arfa, der zwischen 1920 und 1960 immer wieder gegen rebellierende Kurden eingesetzt wurde, berichtet in seinen Memoi­ren sehr eindrucksvoll über diese Kampfweise:

»Obwohl die große Mehrheit der Stammeskrieger immer noch auf den robusten kleinen Kurdenpferden angriff, kämpften sie doch nicht mehr mit den typischen Reiterwaffen, der Lanze und dem Schwert, sondern sie suchten den Nahkampf und verwendeten dann auch ihre gefährlichen Dolche. Beim Angriff stürmten sie gewöhnlich in offener Schlachtordnung so schnell und so nah wie möglich an den Feind heran, saßen ab und kämpften mit ihren Gewehren und Pisto­len weiter. Manchmal stürmten sie auch zu zweit auf einem Pferd heran. Dann saß nur einer ab, arbeitete sich von Deckung zu Dec­kung vor, feuerte, während der zweite eilends wieder nach hinten ga­loppierte, um bald wieder mit einem anderen Kämpfer heranzupre­schen. Ich habe auch erlebt, dass diese Männer heranbrausten und ohne zu zielen feuerten, einfach um unsere Soldaten in Furcht und Schrecken zu versetzen und sie zu demoralisieren. Ihre übliche Tak­tik war, ihre Feinde durch die Besetzung aller umliegenden Hügel und Erhebungen einzuschließen und dann immer weiter herabzustei­gen und so den Ring enger zu ziehen, bis zur Vernichtung oder Kapi­tulation ihrer Feinde.«

»Obwohl ich«, so erinnert sich der persische Kurdenjäger, »1921/22 gegen die Shikaks kämpfte, 1927 gegen die Marivani und 1942 gegen Hama Rashid, war ich nur einmal Zeuge eines Angriffs mit ausge­sprochenem Nahkampf, und das war am Morgen des 24.Juli 1922 während der verzweifelten kurdischen Attacken auf die Stellungen des Pahlevi- Infanterieregiments.
Mit unaufhörlichen Schlachtrufen griffen sie an ähnlich wie die Araber, die beispielsweise bei den al­gerischen Angriffen gegen die Franzosen pausenlos ihr Yu, Yu, Yu skandierten. Die kurdischen Frauen fielen in dieses Schlachtgebrüll ein, sobald die Kämpfe in die Nähe von Dörfern oder Lagern führ­ten, und das hatte eine verdammt demoralisierende Wirkung.«

Hilfe aus dem benachbarten Irak

Als erfahrenste, schlagkräftigste und disziplinierteste Truppe unter den 12 000 Stammeskriegern galt nun allen Beobachtern, und das wurde auch von den nachfolgenden Ereignissen bestätigt, jenes Kontingent, das unter der Führung Mulla Mustafa Barzanis stand. Der energische und bislang begabteste militärische und politische Kopf der irakischen Kurden hatte im heimischen Barzan- Gebiet, im Nordirak nahe der türkischen Grenze gelegen, gerade wieder ein­mal eine Revolte gegen Bagdad und die verbündeten britischen Streitkräfte durchgefochten.

Die Unruhen waren im April 1945 aus­gebrochen. Im September hatten sich Barzanis hervorragend trainier­te Einzelkämpfer vor dem Druck überlegener irakischer Kräfte und nach dem rücksichtslosen Einsatz von Bombenflugzeugen der Royal Air Force zurückziehen müssen. Der Ausweg ins benachbarte Kur­dengebiet der Türkei schien Mulla Mustafa wegen der von ihm schon früher mehrfach erlebten Kampfkraft und Kurdenfeindlichkeit der türkischen Armee wenig ratsam.

Und überdies übte die Kunde von den kurdischen Unabhängigkeits­bestrebungen um Mahabad - in einem weder von britischen noch so­wjetischen Truppen besetzten und von der persischen Armee weitge­hend entblößten Raum, magische Anziehungskraft auf den nach politischer Entfaltung drängenden Barzani aus.

So war es bald be­schlossen: Mit 3000 Waffenträgern, von denen die 1200 besten dem persönlichen Befehl Mulla Mustafas unterstanden, und mit den da­zugehörenden Frauen und Kindern im Tross zogen die Barzanis noch rechtzeitig vor dem hereinbrechenden und alle Bewegungen er­schwerenden Winter über die persische Grenze. Insgesamt waren es an die 12 000 Menschen, die dem Kurdenführer in ein Exil folgten, das der politischen Bewährung dienen sollte.

Den Barzanis hatten sich mehrere kurdische Offiziere der Irak- ­Armee angeschlossen, die aus Begeisterung über die nationale Erhe­bung von ihren Einheiten dersertiert waren. Zu ihnen gehörte auch Hauptmann Abdul Aziz Gilani, der älteste Sohn des bis dahin ein­flussreichsten irakischen Kurdenfürsten Scheich Abdullah.

Vor dem Auftreten Ghazi Muhammads in Mahabad hatte man allgemein die Abdullahs als die zukünftigen Führer der kurdischen Sache be­trachtet.
Zu befürchtende Rivalitäten zwischen den beiden um die Führer­schaft konkurrierenden Familien wurden von den Russen ohne Zö­gern auf das gekonnteste ausbalanciert: Kaum war Hauptmann Aziz mit den Barzanis in Mahabad eingetroffen, wurde er auch schon für eine gehobene Ausbildung an einer sowjetischen Militärakademie ausgewählt und damit vom Zentrum des Geschehens entfernt.

Die russischen Drahtzieher versprachen sich davon doppelten Nutzen: Einerseits konnte Aziz nun die Kreise Ghazi Muhammads, auch wenn er es gewollt hätte, nicht mehr stören. Andererseits hatte man mit dem prominenten Offiziersschüler auch das geeignete Unter­pfand für das Wohlverhalten von Scheich Abdullah im Irak.

Gleichzeitig sorgte die sowjetische Regie dafür, dass auch der zwei­fellos mit charismatischer Ausstrahlung begabte Barzani nicht zu schnell an Einfluss gewinnen konnte. Während des letzten Besuches der Kurdenführer in Baku hatte sich Baghirov in dunklen Andeutun­gen darüber ergangen, Mulla Mustafa wechsle möglicherweise in britischem Auftrag über die Grenze nach Persien, um das Experiment von Mahabad im Sinne Londons zu beeinflussen und die Gründung eines eigenen Kurdenstaates zu verhindern.

Mit hoher Intelligenz und dem den Großmächten damals wie heute eigenen ruchlosen Um­gang mit den Lebensinteressen kleinerer Völker hatte das russische Einflussschach also seine Bauern verschränkt ins Feld gebracht. Objektiven Beobachtern hätte allerdings schon damals auffallen kön­nen, dass einer dieser Bauern mit untrüglichem Instinkt und angebo­renem taktischem Wirklichkeitssinn das Spiel durchschaute und für sich zu nutzen verstand.

Kaum war nämlich der »britische Agent« Barzani in Mahabad angelangt, galten seine ersten Antrittsbesuche den sowjetischen Beratern und Offizieren. Sie waren es, die, die Un­abhängigkeit der Republik von Mahabad garantieren würden, oder auch nicht.

Mulla Mustafa setzte also auf die russische Karte. In mehreren Ge­sprächen suchte er die sowjetischen Offiziere davon zu überzeugen, dass er ihr Mann sei. Kritikern einer zu engen Allianz mit der Sowjet­union pflegte er zu antworten, nur diese könne den Bestand einer kurdischen Republik garantieren.

Das Argument, die USA und Großbritannien würden sich niemals mit der Existenz eines Kurden­staates von Rußlands Gnaden abfinden, konnte ihn nicht überzeu­gen. Erst einige Monate danach, als es zu spät war, ging ihm auf, nach welchen Gesetzen sich das Schicksal der Republik von Maha­bad entschied.

Sein Hauptquartier richtete der im März 1946 zu einem von insge­samt vier Generälen der kurdischen Armee ernannte Mulla Mustafa in einem Gebäudekomplex im Zentrum Mahabads ein, der heute ein einfaches Hotel beherbergt.

Jafar Abdul Javid, dem ich 1979 dort be­gegnete und dem das Hotel gehörte, wusste noch von der einstigen Atmosphäre zu berichten: »Die Barzanis hatten ein ganz anderes Auftreten als die Kurden von Mahabad.
Sie waren viel selbstbewuss­ter, absolut siegessicher und hatten überhaupt keine Bedenken im Hinblick auf die Zukunft. Sie waren sich der Tatsache völlig bewusst, dass sie mit ihren erfahrenen Kriegern die Elite der Armee der Repu­blik darstellten, aber dennoch empfanden wir ihr Auftreten nicht als arrogant.«

Mulla Mustafa hatte auch darauf geachtet, einen Teil seiner Streit­macht mitten im Zentrum des Geschehens bei sich zu haben. Von Präsident Ghazi Muhammad erwirkte er die Zustimmung, 1000 Leu­te seiner Gefolgschaft in der Stadt unterzubringen.

Die übrigen Stammeskrieger sowie die Frauen und Kinder wurden auf die Dörfer und Ebenen südlich und westlich Mahabads aufgeteilt. Der Barzani-Clan selbst bezog in dem Ort Nagadeh Quartier einer trostlosen Ansiedlung, die im Schicksal der Barzanis 30 Jahre später noch einmal eine Rolle spielen sollte.

Im Frühjahr 1975 floh der nun über 70 jährige Kurdenführer von seinem irakischen Stammessitz und Hauptquartier erneut nach Nagadeh, nachdem der von Henry Kis­singer und Richard Nixon inspirierte und dann schmählich im Stich gelassene Kurdenkrieg der Jahre I974 und 1975 zusammengebro­chen war. Barzani gewährte mir damals, aller Illusionen beraubt und im Bewusstsein seines Scheiterns nach mehr als einem halben Jahr­hundert fast ununterbrochenen Partisanenkampfes gegen Iraker, Türken und Perser, das letzte Interview, das er vor seiner schweren Krebskrankheit und seinem Tod einem Journalisten gab.

Diese Meister des Gebirgskrieges

Im März 1946 jedoch war Mulla Mustafa der kämpferischste und ungeduldigste aller in Mahabad versammelten Kurdenführer. Wäh­rend im Laufe jenes Monats bedingt durch Organisation und Aus­bildung, die Truppe der Republik erst langsam Gestalt annahm, drängten die Barzanis ungestüm auf die Auseinandersetzung mit der persischen Armee, die am Südrand des Kurdenstaates in Saqqez, Zerdesht und Baneh Verbände zusammengezogen hatte oder Stütz­punkte unterhielt.

Ziel der Kurden war es, mit militärischen Kräften nach Süden auszugreifen, um auch die unter iranischer Herrschaft und unter britischer Besatzung verbliebenen Stammesbrüder in den Provinzen Kurdistan und, noch weiter im Süden, in Kermanschah zu befreien und der Republik anzuschließen.

Als Ende April zwei Bataillone der persischen Armee bei Saqqez in das Territorium der Republik eindrangen, um dort bewaffnete Auf­klärung zu betreiben, stellten ihnen Barzanis trainierte Bergkrieger eine der in jahrzehntelangen Scharmützeln mit türkischen und iraki­schen Verbänden erprobten Fallen.

»Diese Meister des Gebirgskrie­ges«, wie sie nach leidvollen Erfahrungen der britische Militärgou­verneur des Mandatsgebietes Irak, Generalleutnant Sir Rowan­ Robinson, nannte, konnten stunden- oder auch tagelang bewegungs­los in ihren Stellungen und Posten im Hinterhalt ausharren, so lange, bis die ganze feindliche Truppe in der Falle saß. Sie griffen nur an, wenn sie aus guter Deckung heraus schießen und so ihre Verluste niedrig halten konnten.

Im Niedrighalten der Verluste liegt das Ge­heimnis unserer Kriegsführung«, fasste mir gegenüber ein paar Jahr­zehnte später ein kurdischer Bataillonskommandeur an der Ruwan­duz- Front die oberste Maxime dieser Taktik zusammen.

Das bekamen nun auch die leichtfertigen Perser zu spüren. Nachdem sie sich bei Quahrawa in trügerischer Ruhe zur Rast niedergelassen hatten, brach der kurdische Angriff über sie herein. Die Perser erlit­ten schwere Verluste und zogen sich fluchtartig wieder nach Saqqez zurück.

»Die Barzanis gaben ihnen den Marschbefehl«, kommentier­te UN-Diplomat Derek Kinnane spöttisch. Das gleiche Schicksal bereiteten Barzanis Peshmerga auch einer an­deren Einheit, die unter Führung des in Sanandadsch als Kurde gebo­renen persischen Hauptmanns Khosravi stand. Als diese Einheit am 20. Mai eine Aufklärungsabteilung Barzanis im Raum von Saqqez stellen wollte, schlugen die Kurden zu.

Wieder hatten die Perser hohe Verluste, auch Hauptmann Khosravi fiel. Als Beobachter der Vorgänge um Mahabad urteilte der US-Diplomat Eagleton nüch­tern: »Die Kampfmoral der in diesem Raum stationierten iranischen Truppen sank noch um einiges tiefer.« Insgesamt 5000 Mann hatten die Perser unter dem persönlichen Be­fehl des Generalstabschefs, Generalmajor Razmara, versammelt.

Un­terstützung durch Panzer, Artillerie und Luftwaffe stand zur Verfü­gung. Demgegenüber hatten die Kurden an die 13 000 Krieger zwischen Saqqez und der irakischen Grenze aufgeboten, darunter Barzanis Elitetruppen. Allerdings verfügten sie nur über wenige Ge­schütze, über keinerlei Panzer und Luftstreitkräfte.
Und was ihre russischen »Freunde« an ursprünglich zugesagten Panzervernich­tungsmitteln geliefert hatten, stellte sich zur großen Enttäuschung, wie erwähnt, als primitive Molotow-Cocktails heraus.

So musste ungewiss bleiben, wie eine Entscheidungsschlacht zwischen den kurdischen und persischen Verbänden letztendlich ausgehen mochte.

Zunächst allerdings schienen sich friedliche Lösungen anzu­bahnen - oder spielten die Perser, die nun nach dem Ende des Zwei­ten Weltkrieges - nach langer Besetzung durch Briten und Sowjets - erst wieder darangingen, ihre eigene Souveränität wiederherzustel­len, nur auf Zeitgewinn?

Jedenfalls empfing Generalmajor Razmara eine gemischte kurdisch­aserbaidschanische Kommission, um mit ihr über die Offenhaltung der Verbindungswege zu den persischen Garnisonen in Baneh und Zerdesht zu verhandeln. Der kurdische Verhandlungsleiter hatte ein paar Tage vorher die Öffnung dieser Straßen arrangiert, aber die Perser legten Wert auf die schriftliche Anerkennung des freien Ge­leits zu ihren Garnisonen.

Am 3. Mai kam die Vereinbarung tatsäch­lich zustande: Den Kurden sollte eine ständige Vertretung in Saqqez zugestanden werden. Sie dagegen verpflichteten sich, ihre Verbände bis auf drei Kilometer nördlich der Stadt und vier Kilometer von den Verbindungsstraßen zurückzunehmen. Das Dokument bedurfte al­lerdings noch, darauf bestanden die kurdischen Unterhändler, der Ratifizierung durch die Regierung der Republik von Mahabad.

Man sah darin kurdischer seits eine Art Anerkennung der dort geschaffe­nen Tatsachen. So blieb es einstweilen beim Aufmarsch beider Seiten. Die geplante kurdische Offensive nach Süden wurde von der Führung in Mahabad gegen Barzanis Drängen zurückgestellt.

Die Republik von Mahabad - ein »Musterländle« ?

In der Republikhauptstadt hatte sich inzwischen der neue Staat wei­ter konsolidiert. Und er entwickelte sich ganz anders als die durch und durch stalinistisch geprägte Nachbarrepublik von Aserbei­dschan. Während dort Verstaatlichung, Polizeiherrschaft und Gesin­nungsterror um sich griffen, entfaltete sich in Mahabad zum ersten Mal in der kurdischen Geschichte ein wirtschaftlich und politisch freies Leben dieses Volkes.

Die Regierung finanzierte sich aus Steuern, die Demokratische Par­tei aus ihren Mitgliederbeiträgen sowie aus Spenden der auf sichtbare Loyalitätsbeweise bedachten reichen Familien und Stammeshäuptlin­ge. Der Basar blühte unter dem Handel mit teilweise aus dem Irak geschmuggelten und bis nach Täbris, ja selbst nach Teheran verkauf­ten Gütern. Eine im Januar in Aserbeidschan aufgenommene Staats­anleihe war von den Kurden bereits in Form von Zucker aus der Raf­finerie in Miandoab zurückgezahlt worden. Die Bürger der Republik konnten, ganz im Gegensatz zu denen in Aserbeidschan nach Be­lieben ein und ausreisen.

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