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Prinz Kamuran Ali Bedirxan (Bedirkhan)

Wegbereiter der kurdischen Diaspora in Europa

Verfasserin: Birgit Ammann

In den 1930er Jahren entstand in Berlin einer der allerersten kurdischen Romane - unbemerkt selbst von nachkommenden kurdischen Literaturhistorikern. Sein Verfasser Kamuran Bedirkhan war eine Persönlichkeit, die in ihrer Kosmopolität und Internationalität zusammen mit wenigen anderen, die Fundamente für die kurdische Diaspora bildete. Zu seiner Zeit war er in Europa aufgrund seiner hohen Bildung, seines großen Erfahrungswissens und nicht zuletzt seines passionierten Engagements ohne jeden Zweifel die höchste Autorität in allen kurdischen Fragen – sei es historischer, linguistischer, ethnologischer oder politischer Natur.

Kamuran Bedirkhan entstammte einer der prominenten kurdischen Fürstenfamilien, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts uneingeschränkt über große Teile kurdischen Siedlungsgebietes herrschten und in ihren Burgen und Palästen prunkvoll Hof hielten. Ihre Nachkommen erhalten adeliges Standesbewusstsein durchaus aufrecht und werden häufig zeit ihres Lebens mit dem kurdischen Titel Mîr angesprochen. Kamurans Großvater war der legendäre Regent des im äußersten Osten der heutigen Türkei gelegenen Fürstentum Botan. Sein Mittelpunkt war das heute unmittelbar an der Grenze zum Irak gelegene, zum Provinzstädtchen heruntergekommene Cizre. Der Fürst war in Allianz mit den Osmanen zeitweise Waffenbruder des späteren Generalfeldmarschalls Helmuth von Moltke. Gleichzeitig gilt er als einer der frühen kurdischen Vordenker in Sachen Nationalismus. Der Fürst hatte vierundzwanzig Kinder mit mehreren Frauen, so dass die Schar seiner Nachkommen heute kaum überschaubar ist.

Kamuran kam 1895, fünfundzwanzig Jahre nach dem Ableben seines legendären Großvaters in Damaskus zu Welt. Sein Vater war Amin Ali, einer der zahlreichen Söhne des Fürsten. Etliche Bedirkhanis seiner Generation hatten bereits in den achtziger Jahren kurdische Unabhängigkeitsbestrebungen betrieben, ein Teil der Familie fühlte sich jedoch auch dem Kemalismus verpflichtet und sozialisierte sich türkisch. Ab dem neunten Lebensjahr besuchte Kamuran gemeinsam mit seinen Brüdern Djeladet und Süreya sowie etlichen Cousins das französischsprachige Lyzeum in Galatasaray, der besten Schule im damaligen Konstantinopel. Im Oktober des Jahres 1905 fand dieser Schulbesuch ein abruptes Ende. Nach einem ungeklärten Anschlag auf den Präfekten von Konstantinopel wurde die Familie nach Isparta, nördlich von Antalya und zwei Jahre später nach Beirut verbannt. Hunderte Familienmitglieder der Fürstenfamilie wurden ihrer Ämter enthoben und in die Verbannung geschickt. 
1908 kehrte die Familie zurück nach Konstantinopel und unterstützte zunächst die jungtürkische Bewegung, um zum Sturz des letzten Sultans, dem „Blutigen“ Abdülhamid beizutragen und gleichzeitig kurdische Autonomiebestrebungen zu betreiben. Kamuran schloss das Gymnasiums ab und absolvierte während des Ersten Weltkrieges ein Jurastudium. 1919 nach dem endgültigen Zusammenbruch des Osmanischen Reiches gründeten die Brüder Kamuran und Djeladet die Gesellschaft zur Wiedervereinigung der Kurden und reisten gemeinsam mit dem britischen Major E.W. Noel mehrere Monate durch kurdische Gebiete, um dort die Stimmung der Bevölkerung bezüglich kurdischer Unabhängigkeit zu eruieren. Der Friedensvertrag von Sèvres aus dem Jahr 1920 hätte den Kurden den Weg zur Unabhängigkeit ebnen sollen, er trat jedoch nicht in Kraft. Bereits im Herbst 1922, also noch vor der internationalen Anerkennung des türkischen Nationalstaates flohen die Brüder Djeladet und Kamuran nach München, wo sie auf zwei ihrer bereits in Deutschland lebenden Brüder stießen. Wirtschaftlich ging es den Brüdern schlecht und sie mußten sich neben dem Studium mit verschiedenen Hilfsarbeiten über Wasser halten. Jedoch unternahmen sie ausgedehnte Ausflüge ins Münchner Umland und zeigten reges Interesse an Kultur und Politik der Weimarer Republik. Djeladet entwickelte während der Münchner Jahre, seine spezielle, auf das Kurdische zugeschnittene Variante des lateinischen Alphabets weiter, die er angeregt durch gemeinsame Sprachstudien mit dem Engländer Noel erarbeitet hatte und die er später bis zur Perfektion weiterentwickelte.
Nach Abschluss seiner externen Promotion an der Universität in Leipzig folgte Kamuran seinem Bruder Djeladet nach Beirut. Eine Rückkehr in die 1923 gegründete türkische Republik, wo die Kurden inzwischen zu Bergtürken erklärt worden waren, ihre historischen Wurzeln negiert wurden, ihre Sprache verboten und ihre überlieferten Familien- und Ortsnamen abgeschafft worden waren, erschien undenkbar.
1927 gründeten die Bedirkhanbrüder gemeinsam mit anderen Sinnesgenossen die Organisation Xoybun (Unabhängigkeit). Sie war Trägerin des kurdischen Ararat-Aufstandes, der als unmittelbare Fortsetzung des berühmt, berüchtigten Scheich Said Aufstandes zu verstehen ist.
Bis Ende der vierziger Jahre lebte Kamuran überwiegend in Beirut, arbeitete als Anwalt und engagierte sich politisch und publizistisch. So gaben er und sein Bruder Djeladet in den dreißiger und vierziger Jahren verschiedene Zeitschriften zunächst in der arabisch-persischen Schriftvariante, später in lateinischer Schrift heraus. Im Jahr 1935 erscheint in Berlin Kamurans Gedichtband Schnee des Lichts in deutscher Übersetzung. Er hielt sich mehrmals und ausgedehnt in Berlin auf, wo er allein 1936 dem Sprachforscher Karl Hadank fast ein ganzes Jahr lang als Informant diente. In dieser Zeit verfasste er auch den eingangs erwähnten Roman Der Adler von Kurdistan, der 1937 im Potsdamer Voggenreiter Verlag erschien. 1938 veröffentlichte er den Band Elfabeya Min (Mein Alphabet), von 1943 bis 1946 gab er die Zeitschrift Roja Nû (Der Neue Tag) heraus.
Seit 1947 war Kamuran Dozent für Kurdisch an der Ecole Nationale des Langues Orientales Vivantes in Paris und gründete bald darauf ein kurdisches Studienzentrum.
1951 starb sein Bruder Djeladet, den er als seine große Stütze und seinen Meister in dem gemeinsamen Kampf beschrieb.1953 veröffentlichte er ein kurdisches Lehrbuch mit dem Titel „Le Kurde sans Peine“ zu deutsch „kurdisch ohne Mühe“. Im Jahr darauf heiratete er die polnische Adelige Nathalie d’Ossovetzky, die ihn in seiner Arbeit intensiv unterstützte und mit der ihn eine besonders innige Beziehung verband. 1970 emeritierte er im Alter von 75 Jahren und unternahm noch zahlreiche Reisen mit seiner Frau, die 1975 unter tragischen Umständen starb. Die Ehe der beiden war kinderlos geblieben. Kamuran Bedirkhan starb 1978 in Paris. 

Kamurans Roman - der erste Roman eines Kurden in einer europäischen Sprache überhaupt - steht voll und ganz im Zeichen zeitgenössischen, aus heutiger Sicht kriegs- und kampfverherrlichenden Nationalismus. Liest man thematisch vergleichbare Werke berühmter Zeitgenossen Kamurans, wie etwa die des Griechen Nikos Kazantzakis (Freiheit oder Tod) oder des Serben Ivo Andric (Die Brücke über die Drina) wird dieser Zeitgeist deutlich. Die Erzählweise bedient verschiedene Klischees, Mythen und Wunschvorstellungen nationaler Bewegungen, die bis heute Gültigkeit haben, kritisiert sie jedoch auch in nicht unerheblichem Maße. Geradezu bewegend aktuell sind pankurdische Träumereien von einem liberal geführten, wirtschaftlich blühenden Land ohne religiöse oder sprachliche Unterschiede.
Kulturelle Details beschreibend wird im Stil eines Abenteuerromans an historische Figuren und Handlungen angeknüpft, die im Leben des jungen Kamuran eine Rolle gespielt hatten. Der Protagonist ist ein Städter, der sich über den Kontakt zu einem Cousin einem Aufstand unter der Führung Jado Aghas, des Adlers von Kurdistan anschließt und in der Ich-Form über die Ereignisse berichtet. Bei Jado Agha handelte es sich um eine historische Figur mit dem Ruf eines Sozialbanditen. Er spielte bei dem historischen Aufstand am Berg Ararat eine Nebenrolle – wie Kamuran selbst, der den Aufstand über die Organisation Xoybun logistisch und ideell unterstützte. 
Teile des Nachwortes lesen sich für aufgeklärte Generationen nur unter Schmerzen: „Wir sind Arier, betonen die jungen Kurden, die in den Städten des Landes den Ton angeben, die an den europäischen und amerikanischen Universitäten studierten und für die Freiheit des Landes arbeiten. Nachkommen der Meder, älteste nachweisbare arische Reinrassigkeit bestätigen die Gelehrten. Der Augenschein überzeugt auch den Laien. Rein sind die Sitten der Kurden, frei schreiten ihre unverschleierten Frauen durch die Dörfer, stolz ist die Haltung, edel der Schnitt der scharfen Gesichter. Von seltener Lebendigkeit im trägen Orient sind ihre Bewegungen. Die Kultur der Jahrtausende liegt in ihrem Blut.“

Kamuran hat sich vor allem in seinen journalistischen Arbeiten von den Nazis immer wieder und in überzeugender Weise distanziert. Jedoch lassen seine Nähe zu bestimmten Personen in Deutschland und auch bestimmte Formulierungen vermuten, dass er in jungen Jahren, möglicherweise wenig über den kurdischen Horizont blickend, eine gewisse Sympathie für die nationalsozialistische Ideologie empfand. 
Ein bereits 1946 erfolgter offizieller Besuch in Israel spricht dafür, dass es keine weitergehenden Verstrickungen mit den deutschen Nazis gegeben hat.

Den Bedirkhanis ist über mehrere Generationen die stete Wiederholung von Flucht und Exil, Rückkehr und Hoffnung gemeinsam. Seit dem Exil des letzten Fürsten und seines Clans in Chania auf der damals noch osmanischen Insel Kreta haben seine Nachfahren überall und nirgends gelebt und finden sich noch heute in allen Ecken der Welt. Begriffe wie ‚der Fluch der Fremde’, die ‚Sehnsucht nach Heimat’, das Beklagen von Verlusten spricht aus ihrem Nachlass und prägt bis heute Generationen. Den Enkeln des Fürsten wurde als Kindern in Istanbul ein sehr starkes kurdisches Nationalgefühl anerzogen. Sie hatten sich mit einem Land befasst, das sie nie gesehen hatten. Bei der ersten Begegnung war Kamuran so gerührt, dass er – wie er selbst es ausdrückte - kaum wagte, den Boden mit den Füßen zu betreten. 
Verpflichtung für seine virtuelle Heimat und für seine Leute empfand Kamuran Bedirkhan sein Leben lang. Zusammen mit seinem Bruder Djeladet spielte er eine Schlüsselrolle bei der Latinisierung kurdischer Schrift und der Pflege kurdischer Literatur. Allein bis 1968 veröffentlichte er an die hundert Arbeiten. Danach erschienen weitere Lyrikbände, Unterrichtsmaterialien, Dokumentationen und politische Artikel, die sich immer wieder und nahezu ausschließlich um die kurdische Frage drehten. Im Laufe seines langen Lebens war er Gründer, Mitbegründer, Schirmherr und Sprecher zahlreicher großer und kleinerer, lang- und kurzlebiger Organisationen und Institutionen, die sich der kurdischen Frage verschrieben hatten. Mehrfach trug er kurdische Anliegen den Vereinten Nationen vor.
Kamuran Bedirkhan zeichneten Eigenschaften aus, die die Diaspora ausmachen; er hatte Kontakte sowohl in alle Teile Kurdistans als auch zu Migranten in und aus sämtlichen Herkunftsregionen. Seine Tätigkeit am Pariser Institut zog Studierende an, die den Kern einer Kettenmigration bildeten. Durch seine Arbeit an einem standardisierten Kurdisch verbesserte er Kommunikation, Selbstbewusstsein und Identitätsmomente. Er wirkte brachte kurdische Migranten aus unterschiedlichen Herkunftsstaaten, aus unterschiedlichen Ländern und unterschiedlichen Milieus zusammen. Er interessierte sich für die Studenten der sechziger Jahre ebenso wie für die Arbeiter der siebziger Jahre, für viele war er ein Vorbild und Hoffnungsträger. Er hat nahezu alle Länder Europas, weite Teile des Mittleren Osten und mehrmals die USA bereist, beherrschte zahlreiche Sprachen und bewegte sich souverän in unterschiedlichen Kulturen – eine Integrationsfigur im weitesten Sinne.
Dieser Artikel erschien 2003 in: Das kurdische Berlin, Die Ausländerbeauftragte des Senats (Herausgeberin), Berliner Gesellschaft  zur Förderung der Kurdologie (Konzeption). Der Artikel erscheint hier mit Genehmigung der Verfasserin.

Publiziert am: Donnerstag, 29. Dezember 2011 (6660 mal gelesen)
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