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Pîvaz u Sîro

Kurdische Mythen und Märchen


Es waren einmal zwei Brüder; der eine nannte sich Pîvaz (Zwiebel), der andere Sîro (Knoblauch). Da sie das Alter erreicht hatten, um ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, wollten sie ihr Vaterhaus verlassen und sich irgendwo nach Arbeit umsehen.

Obgleich sein Bruder ihn warnte, zieht Pîvaz als erster los. Er geht vier Tage lang der Nase nach ins Blaue hinein. Am Abend des vierten Tages bemerkt er am Hang eines Gebirges ein stattliches Haus, das von mehreren Nebengebäuden umgeben ist. Pîvaz, der schon sehr müde ist, rafft sich auf und geht auf das Tor zu. Hier, denkt er, wird es sicher Arbeit für mich geben. Er packt den Türklopfer und klopft damit an, so kräftig er kann. Die Tür öffnet sich.
Es erscheint ein Mann von riesiger Größe, mit Schultern und Armen wie ein Holzbauer, einem struppigen Bart und langen Haaren. Er betrachtet Pîvaz mit durchdringendem Blick. Dann fragt er ihn mit Donnerstimme nach seinem Begehr.

Pîvaz ist völlig verschüchtert; er stammelt:“ Ich komme von weither und suche Arbeit.“

„Nun, und auf was für Arbeit verstehst du dich?“

„Auf jede, gang gleich welche.“

Der Riese scheint etwas besänftigt. „Wenn es so ist“, sagt er, „so habe ich Arbeit für dich. Ich stelle aber Leute nur unter diesen Bedienungen ein: erstens, jeder von uns verspricht, dass er sich nie und über nichts beklagen wird, geschehe, was will; zweitens: wer zeigt, dass er sich ärgert, und aufbegehrt, muss zulassen, dass der andere ihm einen Fetzen Haut aus dem Rücken schneidet.“

Pîvaz nimmt diese Bedingungen an.

„Wohlan dann, komm herein und ruhe dich diese Nacht aus. Zeitig morgen früh werde ich dir angeben, was du zu tun hast.“ Pîvaz folgte ihm auf den Gutshof. Dort empfangen ihn die Frau und die Tochter seines Herrn sehr unfreundlich; sie setzen ihm ein fauliges, gärendes Getränk vor und weisen ihm für die Nacht ein stinkiges Lager im Stall an. Am Morgen, vor Sonnenaufgang, reißt ihn sein Arbeitgeber aus dem Schlaf:“ Du wirst mir dir Schafe zum Fressen führen, aber nur auf die beste der Weiden; du wirst meine zwei Ochsen anschirren und mit ihnen ackern, aber nur auf der Stelle, auf die mein Hund sein Geschäft gemacht hat. Zu Mittag wird dir meine Tochter deine Brotzeit bringen, einen Eimer mit Joghurt und einen Fladen Brot; aber, wenn du den Joghurt isst, darfst du den Rahm nicht anrühren, und wenn du das Brot isst, die Kruste nicht zerbrechen, und wenn du abends heimkommst, musst du mir noch ein Bündel Holz mitbringen, aber nur ganz sauberes, das die Vögel nicht beschmutzt haben. Hast du verstanden?“

„Ja, ja, gewiss“, sagt der gehorsame Pîvaz. Dann holt er die Schafe und die zwei Ochsen aus dem Stall, schirrt den Wagen an, pfeift dem Hund und macht sich auf den Weg. Am Weideplatz fallen die Schafe über die saftigen Kräuter her; Pîvaz wartet darauf, dass der Hund sein Geschäft macht. Es wird zehn Uhr. Endlich löst sich der Hund, und zwar auf hartigem Granitgestein. Pîvaz fängt sogleich an, den Felsen zu pflügen. Er treibt seine Ochsen an, hin und her, her und hin; er stürzt sich auf den Dorn des Pfluges. Was nützt es? Die Pflugschar lässt Funken sprühen: das ist das ganze Ergebnis. Aber Pîvaz gibt nicht auf; er bemüht sich, Stunde um Stunde, den steinernen Boden zu pflügen. Bis es Mittag wird, ist er ganz erschöpft. Die hübsche Tochter seines Herrn bringt ihm, wie ausgemacht, einen Eimer mit Joghurt und einen Fladen Brot; sie wirft ihm einen spöttischen Blick zu und geht höhnisch lächelnd davon.

Pîvaz ist so hungrig wie ein Wolf; aber er sieht keine Möglichkeit, seinen Hunger und Durst zu stillen, ohne dass er die Sahne und die Kruste beschädigt. Er begnügt sich daher mit dem Anblick der Speisen. Müde und mit leerem Magen muss er noch nach Holz suchen; und zwar nach Holz, das nicht nur trocken ist, sondern auch sauber. Um davon ein Bündel zu finden, muss er den Wald kreuz und quer durchsuchen. Als er spät abends heimkommt, kann er sich kaum noch auf den Beinen halten; er möchte schreien und weinen, aber er denkt an die Abmachung und schweigt still.

„Nun, ist alles gut gegangen?“, fragt ihn der Gutsherr.

„Sehr gut, sehr gut.“

„Du bist mir doch nicht böse?“

„Nein, gar nicht; warum sollte ich böse sein?“

So geht es den zweiten Tag, den dritten Tag. Am Abend des vierten Tages kann sich Pîvaz nicht mehr beherrschen und macht seinem Ärger Luft. „Was sehe ich? Du beklagst dich? Du bist zornig?“

„Was sonst! Und wie!“ schreit Pîvaz.

„Gut, gut. Du weißt ja, was wir ausgemacht haben. Geh und leg dich auf meinen Operationstisch!“

Wie immer gehorcht Pîvaz auch diesmal und lässt sich einen Fetzen Haut aus dem Rücken schneiden. Am Morgen wird er entlassen; er schleppt sich heim. Zu hause erzählt er seinem Bruder Sîro, was ihm passiert ist; er bittet ihn:“ Räche mich!“

„Habe ich dich nicht gewarnt?“ fragt Sîro. „ Warum bist du als erster fort? Du hast nicht auf meinen Rat gehört und musst nun die Folgen tragen. Aber sei ruhig, ich werde dich rächen.“

Sîro geht zu dem gleichen Gutsherrn und wird zu den gleichen Bedingungen angestellt.

Am nächsten Morgen beobachtet er, während die Schafe um ihn herum weiden, wie der Hund sein Geschäft auf dem Felsblock verrichtet. Er nimmt daraufhin seinen Bogen, zielt und erledigt den Hund. Zu Mittag kommt das Mädchen und bringt ihm zu essen; er demütigt sie mit dem Befehl, den Acker zu pflügen. Dann macht er ein Loch in den Boden des Eimers und saugt den Joghurt von unten heraus: so bleibt der Rahm unberührt. Er bringt es auch fertig, das Brot zu essen, ohne dass er die Kruste beschädigt. Um bei der Sache mit dem Holz macht es ihm wenig aus, ob es von den Vögeln beschmutzt wurde oder nicht. Daher kann er in kurzer Zeit ein großes Bündel zusammenraffen.

Das Mädchen hat seinem Vater von Sîros Betragen berichtet. Der Riese merkt, dass er es mit einem gefährlichen Burschen zu tun hat und dass er es riskiert, sich schinden zu lassen.

Am Abend fragt ihn Sîro:“ Nun, Meister, wie stehts?“ Darauf knurrt der:“ Ganz gut, ganz gut.“ „Ich hoffe, du bist mir nicht böse?“

„Nein, gar nicht, im Gegenteil; ich bin sehr zufrieden mit dir.“ „Na also!“ sagt Sîro in höhnischem Ton. „Ich bin sicher, wir werden uns gut verstehen.“

In der Nacht belauscht Sîro seinen Herrn; er hört, wie er mit seiner Frau flüstert:“ Dieser Junge ist nicht wie die andern, wenn wir hier bleiben, wird er zuletzt meine Haut bekommen. Wir müssen noch diese Nacht fliehen! Steh auf, nimm alles, was du an Kostbarem besitzt, und backe uns auch einen Vorrat Brotfladen. Wir werden weit gehen müssen; am besten brechen wir schon gegen Morgen auf.“

Die Frau gehorcht ihrem Mann; die Fladen werden in einen großen Sack gestopft. Aber Sîro hat alles beobachtet; er geht hin und leert heimlich den Sack, kriecht hinein und näht die Öffnung von innen wieder zu. Noch ehe es tagt, lädt der Mann den Sack auf seine Schultern; sein Weib nimmt den Koffer mit ihren Wertsachen in die eine Hand, die Tochter an die andere. So schleicht sich die Familie aus dem Haus. Nach einigen Stunden kommen Vater, Mutter und Tochter an einen Fluss. Sie wollen hinüber, aber die Brücke wird von einem riesigen wilden Hund bewacht, der wutschnaubend und zähnefletschend auf sie losgeht. Der Gutsherr ist vom eiligen Laufen außer Atem. Den Tod vor Augen, bekommt er auf einmal Bedenken.“ Es war falsch“, sagt er,“ dass wir vor Sîro geflohen sind; wir hätten uns mit ihm einigen sollen. Er ist ein braver Bursche; ich bin sicher, wenn er hier wäre, würde er uns diesen Köter vom Leibe schaffen.“ Sîro hat jedes Wort gehört und schreit laut aus dem Innern des Sackes:“ Da bin ich! Macht den Sack auf und lasst mich machen!“ Die Familie glaubt an ein Wunder: der Sack wird schleunigst geöffnet. Sîro packt einen festen Knüppel und stürzt sich auf den Hund; es ist ein Kampf auf Leben und Tod. De Hund verbeißt sich in Sîros linke Hand, aus der ein Blutstrom hervor schießt. Doch der mutige Sîro zieht mit der Rechten einen Dolch und stößt ihn in die Eingeweide des Tieres, das auf der Stelle tot umfällt.

Nun könnte seine Herrschaft die Flucht fortsetzen; aber dazu hat niemand mehr Lust.“ Hör mir gut zu“, sagt der Gutsherr zu seinem Knecht.“ Du bist ein patenter Kerl; ich gebe mich besiegt. Lass mich dir einen Vorschlag machen: du darfst wählen- entweder nimmst du meine Haut, oder ich gebe dir die Hand meiner Tochter. Als mein Schwiegersohn wohnst du bei uns, mein Hab und Gut sind fortan dein und du kannst nach Belieben darüber verfügen!“

„Ich wähle letztere“, erwidert Sîro,“ aber unter der Bedingung, dass mein Bruder Pîvaz, dem du einen Fetzen Haut genommen hast, auch bei uns wohnen darf!“

„Einverstanden!“

Der Vater drückt den jungen Mann gerührt an sein Herz; Frau und Tochter umarmen ihren Retter. Dann treten alle zusammen den Heimweg an. Ein paar Tage danach trifft Pîvaz bei ihnen ein, und bald darauf heiratet Sîro die Tochter des Gutsherrn. Sie wurden glücklich miteinander. Der boshafte Riese, heißt es, wurde auf seine alten Tage noch sanft wie ein Lamm.

 

 


Kurdische Märchen, Luise-Charlotte Wentzel

Publiziert am: Samstag, 04. März 2006 (10816 mal gelesen)
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