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Mem und Zin

Kurdische Mythen und Märchen

Seit dem Beginn des 20. Jahrhunuderts wird Ahmad-i Chanis „Mam u Zin“ als kurdisches Nationalepos, sein Verfasser als frührer kurdischer Nationalist gerühmt. Zum Beweis werden gewöhnlich die folgenden Verse angeführt, die im Vorwort („Unser Leiden“, derd-e ma) zur eigentlichen Geschichte stehen:

„Wenn es nur Eintracht gäbe unter uns,
wenn wir nur einem zu gehorchen hätten,
würde er zu Knechten machen
die Türken, Araber und Perser allesamt.
Wir würden unsere Religion und unsern Staat vollenden
Und Wissenschaft und Weisheit erlangen…“

Die Charakterisierung Chanis als nationalistischer Dichter ist jedoch ahistorisch und anachronistisch, weil sie außer Acht lässt, dass die Verwendung der Begriffe Nationalismus und Nation nur unter ganz bestimmten Bedingungen der Neuzeit, namentlich ab der Französischen Revolution sinnvoll ist. Im Gegensatz zu den zitierten Versen ist dem eigentlichen Stück weitaus weniger Aufmerksamkeit geschenkt worden. Daher soll die Handlung kurz zusammengefasst werden (Mam u Zin ist 1992 in der Türkei in türkischer Sprache verfilmt und auf Kurdisch synchronisiert worden).

Die Geschichte trägt sich in Botan zu. Am Neujahrstag (kurd. Newroz) haben sich die beiden jüngeren Schwestern des Herrschers (Emir), Zin und Siti, als Männer verkleidet. So können sie unerkannt in der Stadt herumspazieren und sich die Männer anschauen, die sie gerne heiraten würden. Sie treffen auf als Mädchen verkleidete Jünglinge, denen sie ihre Ringe schenken. Die jungen Herren sind Tadschin, der Sohn eines Ministers, und Mam, ein Schreiber am Hof. Als sie die Namen auf den Ringen der Mädchen sehen, bemerken sie, dass es sich um die Prinzessinnen handelt. Mam ist von Sehnsucht erfüllt nach Zin, deren Ring er trägt. Tadschin versucht ihn zu überzeugen, dass sie, die im Rufe der Stärke stehen, keine Schwäche zeigen dürfen. Aber Mam erklärt, dass er seine Stärke und Tapferkeit verloren hat und durch die Liebe zu Zin aufgezehrt wird. Inzwischen haben die Schwestern erfahren, dass die zwei Ringe nun Mam und Tadschin gehören.
Weil Mam ihm Leid tut, vertraut sich Tadschin seinen Brüdern und einflussreichen Freunden an, die sogleich seine Heirat mit Siti arrangieren. Ihre Strategie baut darauf, dass Mam alsbald um die Hand von Zin halten kann. Nach der Hochzeit gibt Tadschin dem Emir den Rat, seinen Türhüter Bakr, den er für niederträchtig hält, zu entlassen. Dieser wiederum versucht sich an Tadschin zu rächen. Es gelingt ihm, den Emir zu überzeugen, dass Tadschin die Stellung des Emirs usurpieren wolle. Der Emir, der große Stücke auf Tadschin hält, zweifelt zunächst daran. Als Beweis für Tadschins Arroganz führt Bakr an, dass Tadschin die Schwester seiner frisch angetrauten Frau, Zin, Mam versprochen habe. Durch eine List erreicht Bakr, dass Mam seine Liebe für Zin gegenüber dem Emir preisgibt. Dies scheint Bakrs Verschwörungstheorie zu bestätigen. Der erzürnte Emir lässt Mam einkerkern und in Ketten legen. Das Leiden der beiden Liebenden beginnt. Erst kurz vor ihrem Tod werden sie sich wieder sehen.

Mam und Zin verzehren sich nacheinander. Ihr Leiden führt sie auf eine mystische Suche nach reiner, geistiger Liebe. Ihre Sehnsucht wird zu einem Streben nach dem Tod, um so eine Vereinigung mit Gott herbeizuführen. Unterdessen warten Mams Freunde und Zins Schwester hilflos auf den emir, damit er seine Fehler wiedergutmacht. Schließlich drängt Tadschins Bruder darauf, den Emir unter Gewaltanwendung zur Freilassung Mams zu zwingen: „Entweder befreien wir Mam mit Gewalt oder wir opfern unser Leben“. Sie bedrängen den Emir, Mam freizulassen und drohen damit, ihn zu befreien. Der Emir fürchtet einen Aufstand und macht sie glauben, er gebe ihren Forderungen nach. Wahrheit hat Bakr ihn schon überredet, Mam zu töten. Als der Emir seine Schwester besucht, um sie in seinen Plan gegen Mam einzubeziehen, findet er sie sterbenskrank vor. Er ist bestürzt, als er das Leiden erkennt, das er über die beiden gebracht hat, und voller Bedauern über seinen Betrug an seiner Schwester und Mam. Die Nachricht, dass Mam dem Tode nahe ist, gibt Zin neue Kraft. Sie versichert ihrem Bruder, dass sein Mitleid und seine Reue ihre Seele befreit hätten, so dass sie ihren Körper verlassen und zu Mams Seele fliegen könne. Sie bittet ihren Bruder, ihr Begräbnis mit einem Fest zu feiern, so prächtig wie die Hochzeit ihrer Schwester. Er möge auch Einsamen, Armen und Unterdrückten helfen sowie Dichtern und Künstlern, die „wie eine Kerze brennen“, um ihre Mitmenschen zu erleuchten. Kurze Zeit später wird Mam aufgefordert, sich zum Emir zu begeben, weil er ihn freilassen wolle. Aber Mam weigert sich, „ein Diner, Sklave oder Gefangener von jemand anders außer Gott zu sein“. Im Tode sind die Liebenden vereint. Am Ende tötet Tadschin Bakr, um Mams Leiden zu rächen.

Mam ist eine heroische Gestalt, da er sein Leben für seine Liebe zu Zin und seine Ehre opfert. Er wird gewöhnlich als ein Symbol eines versklavten, unterworfenen Kurdistans angesehen; die Geschichte soll zeigen, wie die Nation gerettet werden kann. Sämtliche Personen in der Geschichte sind Kurden und symbolisieren Stärken und Schwächen des Volkes. Die Liebesgeschichte findet auf einer geistigen Ebene statt, sie stellt das Verlangen nach der Vereinigung mit Gott dar (unio mytica). Aber genauso wichtig sind Liebe, Loyalität und Verantwortung der Menschen untereinander. Tadschin und sein Bruder werden als tapfere und ehrenwerte Leute dargestellt, die bereit sind, ihr Leben für einen Freund zu opfern, aber auch als leichtgläubig, indem sie vom Emir Gerechtigkeit erwarten. Der Emir ist im Prinzip ein guter Mann, der aber zulässt ,dass Bakr einen Keil zwischen ihn und sein ihm ergebenes Volk treibt. Bakr missbraucht das Vertrauen des Emirs. Er ist getrieben von kleinlicher Eifersucht, Rache und Rivalität, alles Eigenschaften, die Ahmed-i Chani an anderer Stelle des Werkes als Hindernisse für Eintracht und Glück unter den Kurden erwähnt. Sowohl durch Spiritualität als auch Weltlichkeit bietet das Stück nicht nur muslimischen, sondern auch säkular gesinnten Bestrebungen für ein Kurdistan einen Fundus idealer Typen: der Dichter als Patriot; Helden, die bereit sind, für ihre Ideale ihr Leben zu opfern; ein Herrscher, der nach anfänglicher Verblendung durch das Leiden von Mam und Zin erleuchtet wird. Bakr ist der innere Feind, der Verräter. Außer ihm werden die Gestalten im Epos als edle Charakter dargestellt, die in einem Staat vereint leben, abhängig von der Loyalität und der Hingabe eines jeden, um das Wohl der Gemeinschaft zu erreichen. Gegen ein Kurdistan ohne Freiheit und Gerechtigkeit – verkörpert durch Mam bzw. sein Leiden – setzt der Autor ein Land, das sich vereinigt gegen die Übeltäter erheben muss: „Die Welt wird unterworfen für den Menschen durch Schwert und Tugend.“
Die Kurden; M.Strohmeier, L.Yalcin- Heckmann

Publiziert am: Samstag, 04. März 2006 (22030 mal gelesen)
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