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Gilgamesch

Kurdische Mythologie

Dem Epos nacherzählt

ganzen Landes sein Eigen werden und Ziegen und Schafe Zwillinge und Drillinge werfen. Ischtar, die Göttin der Fruchtbarkeit, konnte das versprechen, es stand in ihrer Macht. Schroff wies Gilgamesch ihre Liebesbeteuerungen zurück. Er hielt ihr vor, wie es sechs ihrer früheren Geliebten erging, die ohne Ausnahme ihren schändlichen Künsten zum Opfer gefallen seien; er schalt sie eine schlechtschließende Tür, einen Schuh, der seinen Besitzer drücke, Erdpech, das die Hände besudele, einen undichten Wasserschlauch und noch anderes mehr. „Wenn ich mich auf deine Reden einließe“, schloss er, „dann erginge es mir ebenso übel wie all den anderen. Dafür danke ich!“
Ischtar kochte vor Wut; sie stieg zum Himmel empor zu ihrem Vater Anu und zu ihrer Mutter Antum und beklagte sich bitterlich über Gilgameschs Betragen. Doch Anu bewahrte die Ruhe und erwiderte: „Du hast ihn wohl herausgefordert? Ihm deine Liebe angeboten? Stimmt das? Dann hast du es dir selbst zuzuschreiben, wenn er dir all deine Zauberkünste vorhielt!“ Ischtar aber gab das Spiel noch nicht so schnell verloren und drohte: „Vater, schaffe mir den Himmelsstier herbei, damit er Gilgamesch töte! Und weigerst du dich, so werde ich die Türen der Unterwelt zertrümmern und die Toten heraufführen, dass sie die Lebenden fressen!“ Schwer lastete die Drohung auf Anu. Wenn Ischtar in Zorn geriet, war sie fähig, sieben Jahre Hungersnot herbeizurufen und alles Wachstum auf Erden verdorren zu lassen. Aber auch Ischtar war sich dessen wohl bewusst, dass sie vorsichtig sein musste. Sie versprach, hinreichend für Getreide zu sorgen und Gras für das Vieh bereitzuhalten, wenn ihr Vater ihr den Himmelsstier überließe.
Da gab Anu nach und schenkte ihr den Stier – welcher Vater kann je seiner erwachsenen Tochter etwas versagen? -, und sie nahm das gewaltige Tier an einer Kette mit auf die Erde hinunter nach Uruk. Dort verbreitete sein Erscheinen furchtbaren Schrecken unter der Bevölkerung, denn sogleich fielen sechshundert Männer seinem Schnauben zum Opfer. Dann stürzte er sich auf Enkidu. Der packte ihn bei den Hörnern, aber der Stier schüttelte ihn ab. Da rief Enkidu Gilgamesch zu Hilfe, und indessen er den Stier am Schwanz festhielt, schlug ihm Gilgamesch den Kopf ab. Dann schnitten sie ihm das Herz aus dem Leibe, legten es ehrfurchtsvoll Schamasch zu Füßen und warfen Ischtar ein Stück Stierfleisch ins Gesicht. Und die Leute sangen in den Straßen Uruks:
„Wer ist der Herrlichste unter den Männern?
Gilgamesch ist der Gewaltigste unter den Männern.“
Nach einem großen Freudenfest im Palast legten sich Gilgamesch und Enkidu zum Schlafe nieder. Enkidu träumte, die Götter hätten seinen Tod bereits beschlossen, weil er mit Gilgamesch Chumbaba und den Stier getötet und obendrein die heilige Zeder gefällt habe. Bald lag Enkidu schwer krank danieder und hatte weitere Träume. Ein Mann erschien ihm, der hatte ein seltsames Aussehen und forderte ihn auf mitzugehen in das Land ohne Rückkehr, ins Reich der Toten herrscht. Enkidu merkte daraus, dass er nun sterben müsse. Der Kummer quälte ihn, tatenlos ohne Ruhm sein Ende erwarten zu sollen, statt als Held draußen im Kampfe zu fallen.
Gilgamesch rief die Ältesten und Vornehmsten von Uruk an Enkidus Sterbebett und erzählte ihnen von den großen Taten, sie sie beide gemeinsam vollbracht hatten. Als er dabei die Hand auf des sterbenden Bruders Herz legte, fühlte er, dass es zu schlagen aufgehört hatte. Da brüllte er einem Löwen gleich und warf sich trauernd und schreiend über die Leiche Enkidus, raufte sich die Haare und zerfetzte sein Gewand. Fassungslos trauerte Gilgamesch sieben Tage und sieben Nächte mit herzzerreißender Klage über den Tod seines Freundes und Bruders. Und die Angst packte ihn, dass ihm das Schicksal bestimmt sein könne, und er bäumte sich wild auf gegen den Gedanken des drohenden Sterbens. Gilgamesch wollte nicht sterben.
Da gedachte Gilgamesch seines Ahnen Utnapischtim, der dem Tode entgangen und nicht gestorben war. Die Götter hatten ihn an die Mündung der Ströme versetzt, und dort wollte Gilgamesch ihn nun bes Gilgamesch war König von Uruk. Er besaß übermenschliche Kräfte, kannte die tiefsten Geheimnisse und verrichtete große Taten. Die Zeit vor der großen Flut ward er kund, unermesslich waren sein Wissen und seine Weisheit. Einen weiten Weg ging er in die Ferne, leidvoll war seine lange Wanderung, beschwerlich die Fahrt. Gilgamesch war zu einem Drittel Mensch, zu zwei Dritteln Gott, und er suchte das ewige Leben. Ein großer Herrscher war Gilgamesch, die Mauern von Uruk ließ er erbauen, alle übertraf er – aber ewiges Leben fand er nicht.
Wie ein Tyrann herrschte er über Uruk, und als die Götter Kenntnis davon bekamen und die gequälten Untertanen sie um Hilfe baten, erschuf die Muttergöttin Aruru dem Gilgamesch in Enkidu ein Ebenbild, dass es ihn im Zaume halte. Enkidu tat ungebärdig wie ein wildes Tier, dein Leib war von Haaren bedeckt. Er lebte bei den Tieren auf dem Felde und fraß Gras wie das Vieh.
Einst erblickte ein Jäger Enkidu, und vor Schreck erstarrte sein Herz. Er eilte zu seinem Vater und rief: „Unter den Tieren ist ein wesen, das mir Schrecken einjagt. Gewaltig stark ist es, ich wage mich nicht heran. Es lässt mich nicht jagen – was soll ich tun?“ Da riet ihm der Vater. Zu Gilgamesch zu gehen und ihn zu bitten, er möge ihm ein Mädchen mitgeben, das den Tiermenschen verführe; dann würden ihn die Tiere meiden. So eilte der Jäger zu Gilgamesch, und der gab ihm ein Mädchen mit, das er Enkidu bringen sollte. Er führte sie an die Wasserstelle, wohin Enkidu zu kommen pflegte. Sobald das Mädchen ihn erblickte, warf sie ihr Kleid ab, und ergab sich dem Unhold. Sieben Tage lang behielt er sie bei sich, dann ward er ihrer überdrüssig und gesellte sich wieder den Tieren zu, die aber vor ihm zurückwichen. Da ließ sich Enkidu zu Füßen des Mädchens nieder. Sie riet ihm, mit ihr nach Uruku zu Gilgamesch zu gehen. „Ihr beide“, so sprach sie, „ihr seid ja mehr Götter denn Menschen, ihr gehört zueinander.“ Enkidu war bereit; inzwischen war nämlich in ihm der Plan gereift, seine Kräfte mit Gilgamesch zu messen und selbst König von Uruk zu werden. So machten sie sich auf den Weg. Unterwegs kam dem Mädchen der Gedanke, dass Enkidu menschlicher aussehen müsse. Sie nahm ihr Oberkleid ab und legte es ihm an, damit sein haariger Körper bedeckt sei. Dann führte sie ihn zu den Hirten und zeigte ihm, wie sie aßen, damit er auch dieses ordentlich lerne. Aber Enkidu blieb lieber bei seinen Gewohnheiten, Gras zu fressen wie die Tiere und, anstatt wie ein Mensch zu trinken, seinen Durst an den Eutern der Kühe zu löschen. Doch es gelang ihr schließlich, ihm beizubringen, wie man Brot isst und Bier trinkt, bis er Gefallen daran fand, auch seinen haarigen Körper betastete und einsah, dass er so nicht bleiben könne. Er salbte sich mit Öl wie ein Mensch und bekam allmählich ein menschliches Aussehen.
Sie begegneten einem Manne, und der erzählte ihnen vom Leben der Menschen und von der Ordnung der Gemeinschaft; er erzählte, dass jeder Mann seine eigene Frau habe und die Geschlechter nicht in wilder Paarung lebten. Die beiden gelangten nach Uruk, und sobald sie sich auf dem Marktplatz sehen ließen, liefen die Bürger der Stadt zusammen und fanden, dass Enkidu, wenn er auch kräftiger gebaut sei, doch an Gestalt dem Gilgamesch recht ähnlich sehe. „Er kommt vom Felde“, sprachen sie ängstlich, „und lebte mit den Tieren; sicher wird er der Stärkere sein!“ Sie fürchteten sich wie kleine Kinder. Sowie Gilgamesch die ungeschlachte Gestalt des wilden Enkidu sah, entbrannte der Kampf. Sie packten einander und brüllten auf wie wilde Stiere, Türpfosten zerschmetterten sie, und es gab großen Lärm. Zuletzt erlag Gilgamesch dem Wildling, doch Enkidu war ritterlich, und beide wurden Freunde. Enkidu kannte Gilgamesch als König von Uruk an, und der führte ihn zu seiner Mutter und bat sie: „Nimm diesen Starken an Sohnes statt an, er ist mächtig wie der Himmel. Er hat weder Vater noch Mutter, er wurde als Wildling in der Steppe geboren.“ Da nahm Gilgameschs Mutter Enkidu als Sohn an und sprach zu ihm: „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich geboren. Ich bin deine Mutter, dieser ist dein Bruder!“
Diese freundlichen Worte rührten Enkidu so, dass ihm die Tränen in die Augen traten; doch Gilgamesch fühlte, wie unbehaglich ihm zumute sein musste, er ahnte, dass Enkidu seine ungestüme Kraft in der Stadt nicht ausleben könne und sich nur schwer eingewöhnen werde. Darum machte er ihm einen verlockenden Vorschlag: im Zedernwald wohne ein dämonisches Wesen, der Halbgott Chumbaba; er brüllte wie die Sintflut, Feuer speie sein Mund. „Den wollen wir töten!“ Endiku aber fürchtete den Dämon, er meinte, jener sei unüberwindlich, weil der Gott Enlil ihm den Zedernwald zur Bewachung anvertraut habe. Da beschloss Gilgamesch, nur mit einem Beil bewaffnet ohne Endiku zu gehen, und trieb seinen Spott mit ihm, er fürchtet wohl den Tod, dabei wisse er doch genau, dass er ohnehin sterben müsse, denn das ewige Leben hätten die Götter doch nur sich selber vorbehalten.
Da ließ Enkidu sich überreden, mit Gilgamesch gegen Chumbaba auszuziehen, und beide begaben sich zu einem guten Waffenschmied, der ihnen riesige Waffen schmiedete. Beile, Schwerter, Keulen. Jeder trug sechshundert Pfund Waffen - so schwer waren diese.
So marschierten sie zum Stadttor hinaus, wo die Bewohner von Uruk sich versammelt hatten, um den beiden Helden zum Abschied zuzujubeln. Gilgamesch sprach zu ihnen: „Ich ziehe aus zum Kampf gegen den Riesen Chumbaba, von dem alle Welt spricht; ich werde ihm zeigen, wer ich bin, und das Land soll von meinem Ruhme widerhallen!“ Die Ältesten Uruks warnten jedoch: „Du bist noch jung, Gilgamesch, daher weißt du nicht, was du tust, und unterschätzest die Gefahr. Unmöglich ist es, Chumbaba zu widerstehen!“ Aber Gilgamesch kniete nieder, hob die Hände zu der Sonnengottheit Schamasch empor und flehte ihn um eine glückliche Rückkehr an.
Darauf ließ er sich die Waffen umhängen, und von den Segenwünschen des Volkes begleitet zogen sie davon. Das Volk rief Gilgamesch nach, er möge Enkidu vor sich hergehen lassen, der kenne den Zedernwald, wo Chumbaba hause; er könne ihn warnen, wenn Gefahr drohe. Auch Enkidu sprach ihm Mut zu und gelobte, voranzugehen. Gilgamesch aber wollte zuvir noch seine Mutter aufsuchen. Er teilte ihr seine Absicht mit und bat sie, bei Schamasch Fürsprache für ihn einzulegen, damit er seinen Plan mit Erfolg segne und ihn unversehrt wieder zurückbringe.
Die Mutter war bekümmert über das Vorhaben ihres Sohnes, legte ihr königliches Gewand an, gürtete sich, setzte die königliche Haube auf, besprengte sich mit geweihtem Wasser, opferte Weihrauch, stieg hinauf auf das Dach ihres Palastes und hob dort bittend die Hände zu Schamasch empor. Sie sprach eine Beschwörungsformel und befahl Gilgamesch in die Obhut der Mondgöttin Sin und der Sterne.
Darauf machten sich die beiden Helden schwerbewaffnet auf den Weg; sie kamen schnell voran, und zu einem Weg von anderthalb Monaten brauchten sie nur drei Tage. Sie erreichten den Rand des Zedernwaldes, wo Chumbaba einen Wächter aufgestellt hatte. Wiederum sank Gilgamesch der Mut. Enkidu aber ermunterte ihn: „In Uruk hast du gesagt: wir wollen Chumbaba töten! Warum zögerst du jetzt? Chumbaba trägt in der Regel sieben Mäntel, durch die keine Waffen hindurchdringen. Gerade jetzt hat er sechs davon abgelegt, jetzt ist er verwundbar!“ Und sogleich stürmte er auf den Wächter los, der jammernd flüchtete und Chumbaba herbeirief. Gilgamesch jedoch war todmüde und fiel in Schlaf; er hatte Unheil verkündende Träume. Chumbaba fand dann im Kampf mit Enkidu und Gilgamesch den Tod, wie sehr er auch um sein Leben bat und versprach, Gilgamesch als Knecht zu dienen.
Nachdem Enkidu und Gilgamesch Chumbaba besiegt hatten, fällten sie die heilige Zeder und kehrten nach Uruk zurück. Die Göttin Ischtar, die ein Auge auf Gilgameschs Schöneheit geworfen hatte, trachtete danach, ihn in ihren Tempel zu locken und seine Geliebte zu werden. Sie versprach ihm allerlei herrliche Dinge: in einem goldenen Wagen von Sturmwinden gezogen solle er dahinfahren; Könige und Fürsten sollten seine Füße küssen, die Erträge desuchen und fragten, wie auch er dem Tode entrinnen könne.
Lange musste Gilgamesch wandern, viele Prüfungen musste er bestehen, und beschwerlich war sein Weg. Durch undurchdringliche Finsternis hindurch kam er schließlich in den Garten der Götter. Der stand voller Bäume auf denen statt der Früchte Edelsteine hingen. Gilgamesch durchschritt diesen herrlichen Garten und gelangte an ein Meer. Dort saß die Göttin Siduri auf ihrem Throne. Sie erschrak, flüchtete in ihr Haus und verriegelte es von innen, da sie Gilgamesch für einen bösen Geist hielt. Als er aber drohte, er werde das Tor einschlagen, öffnete sie und stand ihm Rede und Antwort.
Gilgamesch erzählte Siduri von seinen Taten, von seinem verstorbenen Freund Enkidu und von dessen Tod. Auch sprach er ihr vom Ziel seiner Wanderung und fragte nach dem Wege zu Utnapischtim. Siduri warnte ihn; noch niemand außer dem Sonnengott Schamasch habe je das große Meer überschritten, das Wasser des Todes; so könne auch Gilgamesch nicht hinüber und zu Utnapischtim gelangen. Sie fügte hinzu:

„Das Leben, das du suchst,
du wirst es niemals finden;
die Götter bestimmten den Tod
dem Menschen zum Ende des Lebens,
als einst sie den Menschen erschufen.
Das Leben behielten sie sich!“

Siduri riet Gilgamesch, er solle doch lieber das Leben genießen, solange er es noch habe, er möge Feste feiern und sich mit Tanz und Musik vergnügen, denn gar zu bald, ach, komme der Tod. Aber Gilgamesch kannte kein Zurück und hörte kaum auf ihre Worte. Unverrückbar stand ihm sein Ziel vor Augen: Utnapischtim und das ewige Leben. Als Siduri dies erkannte, hatte sie Mitleid mit ihm und wies ihm den Weg zu Urschanabi, dem Fährmanne Utnapischtims.
Gilgamesch gelangte zu Urschanabi und erzählte auch ihm seine Geschichte und seine Absicht. Und Urschanabi ließ sich herbei, ihm zu helfen. Beide setzten in einem Boot über das Wasser des Todes und landeten am jenseitigen Ufer. Indessen stand dort Utnapischtim und sah ihrer Überfahrt in stummer Verwunderung zu. Er wusste nicht, ob es ein Gott oder ein Mensch sei, der da auf diesem Wege zu ihm komme. Nach der Landung erzählte Gilgamesch Utnapischtim seine Geschichte. Er schilderte ihm den Tod des Freundes und wie sehr er selbst Angst vor dem Tode habe.
Wenig tröstlich klang Utnapischtims Antwort: „Das ewige Leben ist dem Menschen nicht bestimmt. Dem irdischen Leben ist eine begrenzte Frist gesetzt, ewig ist nur der Tod für den Menschen. Schon bei der Geburt wird über den Tod beschlossen, und keiner kann seinem Ende entrinnen.“ Da entgegnete ihm Gilgamesch: „Und du? Du siehst nicht viel anders aus als ich, und doch bist du dem Tode nicht verfallen! Warum soll dies nicht auch mir gelingen?“
Da erzählte Utnapischtim, wie er das ewige Leben erhalten habe. Es war nach der großen Flut geschehen, in der die Menschheit vernichtet worden war: „Nachdem die ganze Welt verödet war, stieg Ea zu mir und meinem Weibe in die Arche, segnete uns und sprach: ´Zuvor war Utnapischtim nur ein Mensch; von nun an sollen er und sein Weib uns Göttern gleich sein. Sie sollen wohnen an der Mündung der Ströme!´
Dann brachten die Götter uns hierher. Doch wer vermag die Götter bewegen, mit dir ein Gleiches zu tun?“ Utnapischtim wollte Gilgamesch helfen. Gilgamesch solle sieben Tage und sieben Nächte wachen, um zu zeigen, dass er des ewigen Lebens fähig sei. Denn ewig leben heiße ewig wachen, nie müde werden, nie schlafen. Da setzte sich Gilgamesch in ruhende Stellung nieder und versuchte, die Probe zu bestehen. Doch wie sehr auch Utnapischtim und sein Weib versuchten, ihn durch magische Mittel wach zu halten – er wurde doch schläfrig und müde, und bald übermannte der Schlaf ihn vollends. Damit hatte er die Probe nicht bestanden und die Möglichkeit verspielt, das ewige Leben doch noch zu erlangen. Utnapischtim aber war ärgerlich und sprach zu seinem Weibe, indem er auf den Schlafenden deutete: „Das ist nun der Mann, der ewiges Leben begehrt!“
Am siebten Tag weckte Utnapischtim Gilgamesch und sorgte dafür, dass dieser sich wusch und neue Kleider anlegte. Dann verabschiedete er ihn: „Ich will dir ein Geheimnis offenbaren. Es wächst ein dorniges Kraut, das sticht wie die Dornen einer Rose. Kannst du dich dieses Krautes bemächtigen, dann kehre getrost nach Hause zurück!“
Gilgamesch begab sich mit Urschanabi auf den Rückweg. Mitten auf dem Meere sprang er aus dem Boot Urschanabis, tauchte bis zum Grunde des Meeres zu Apsu hinunter, zum Ort des verborgenen Lebens, und von dort holte er sich das Kraut, von dem Utnapischtim gesprochen hatte. Der Name dieses Krautes aber war: Als Greis wird wieder jung der Mensch! Damit tauchte er wieder zu Urschanabis Boot empor und erreichte so wohlbehalten das Ufer, um von dort nach Uruk zurückzukehren. In Uruk wollte er das Kraut mit allen Menschen teilen, damit alle im Alter wieder jung würden und so dem Sterben entgingen.
Unterwegs kam Gilgamesch an einem Teich vorbei, und es gelüstete ihn, darin zu baden. Und er legte das Kraut mit seinen Kleidern am Ufer des Teiches nieder und badete. Eine Schlange aber roch den Duft des Krautes und kam herbeigekrochen. Sie fand das Kraut bei Gilgameschs Kleidern, nahm es weg und fraß es. Alsbald warf sie ihre Haut ab und verjüngte sich. Als aber Gilgamesch vom Baden kam und sich ankleidete, merkte er, dass das Kraut verschwunden war. Da wurde er zunächst zornig und dann sehr traurig. Er brach in lautes Jammern aus, denn nun war auch die letzte Möglichkeit, den Tod zu umgehen, dahin. Seine lange und mühsame Wanderung war vergeblich gewesen, und er kehrte unverrichteterdinge als Sterblicher nach Uruk zurück. Weinend betrat er seine Stadt.
Eines Tages erschien Gilgamesch der Geist seines toten Freundes Enkidu und sprach zu ihm: „Warum sitzest du so traurig? Wenn du zu mir kommen willst, darfst du kein reines Hemd anziehen, dich nicht mit Öl salben und keine Waffen mitbringen, sonst umringen sich sofort alle, die von deinen Waffen getötet worden sind. Keine Schuhe darfst du tragen, Weib und Kind darfst du nicht zum Abschied küssen.“ Da bat Gilgamesch die großen Götter Enlil, Sin und Ea, Enkidu zu erlauben, dass er aus der Unterwelt heraufsteige. Enlil und Sin hörten nicht auf die Bitte und gaben keine Antwort, aber Ea wies Nergal, den Gatten Ereschkigals und Herrn des Totenreiches, an, Enkidu heraufzubringen.
So waren Enkidu und Gilgamesch wieder zusammen. Sie umarmten einander vor Freude, und Gilgamesch bat Enkidu, ihm zu erzählen, wie es ihm drunten im Lande ohne Wiederkehr ergehe. Und Enkidu antwortete: „Ich kann es dir nicht sagen, mein Freund, ich kann es dir nicht sagen. Würde ich es dir sagen, so müsstest du den ganzen Tag weinen. Gewürm frisst mein Leib wie ein altes Kleid!“ Darauf musste Enkidu mit Nergal wieder in die Unterwelt zurückkehren, und auch für Gilgamesch schlug die Stunde des Todes. Gilgamesch musste sterben, er hatte das ewige Leben vergeblich gesucht, denn die Götter haben es sich selbst vorbehalten, und der Menschen Los ist, dahinzugehen von dieser Welt.

Das Leben vor Gott

(aus dem Gilgamesch-Epos)

Utnapischtim belehrt seine Kinder:
Deinem Feinde vergilt nicht Böses,
dem, der dir böses zufügt, vergilt Gutes!
Deinem Feinde lass Gerechtigkeit widerfahren;
Gib Speise zu essen und Trank zu trinken;
Strebe nach Wahrheit, versorge und erwache Ehre!
So freut sich sein Gott über einen solchen Mann;
Es gefällt Schamasch, und er vergilt ihm mit Gutem …
Verleumde nicht, sondern rede Freundliches;
Böses spricht nicht, sondern rede Gutes!
Wer verleumdet und Böses redet, dem wird Schamasch vergelten,
er wird nach seinem Kopfe trachten.
Reiße deinen Mund nicht auf, hüte deine Lippen!
Was du in deinem innern hast, sprich es nicht gleich aus!
Wenn du jählings sprichst, möchtest du es (vielleicht) später zurücknehmen,
Schweigen zu lernen, darauf solltest du deinen Sinn richten.
Täglich huldige deinem Gotte
mit Opfer, Gebet und würdigem Weihrauch.
Gegen deinen Gott sollst du Herzensneigung haben;
Das ist es, was der Gottheit zukommt.
Gebet, Flehen und auf das Angesicht fallen
sollst du täglich darbringen.
Dann werden deine Kräfte gewaltig sein,
und im Überschwange wirst du mit Gott auf rechtem Wege sein.
Bei deiner Unterweisung schau auf die Tafel:
Gottesfurcht erzeugt Wohlergehen,
Opfer verlängert das Leben,
und Gebet löst die Sünde.
Wer die Götter fürchtet, den verachtet auch sein Gott nicht;
Wer die Anunnaki fürchtet, verlängert sein (Leben).
Mit Freund und Genossen rede nichts (Schlechtes),
Gemeines rede nicht, (sprich) Gutes.
Weisheiten der Völker", Parkland Verlag

Publiziert am: Donnerstag, 01. Juni 2006 (9910 mal gelesen)
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