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Dr. Vet. M. Nuri Dersimi

Zur Person - Ein asylsuchender Kurde*

Geboren und aufgewachsen auf einer sonnigen Weide des Orients, wo ich gelebt, geliebt und für mein Recht und Dasein gekämpft habe, bin ich jetzt ein Vagabund, da ich mit einem Herzen voller Kummer in der Fremde habe Asyl suchen müssen.2

I
Auf der Bahnstation in der Stadt Elazig, “Osttürkei”, präzis zwei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkrieges. Nuri Dersimi - das heißt Nuri, der aus dem Dersim, der in Tunceli umbenannten kurdischen Region nördlich von Elazig, stammt - verabschiedet sich unter Tränen von seinen Freunden. Der Stadtbehörde wie auch den Bauern auf seinem Gutshof hat er mitgeteilt, daß er zu einer medizinischen Behandlung nach Istanbul reise. Daß er endgültig flieht, wissen nur seine Freunde und Selvi, seine Frau. Nach tristen Tagen der Reisevorbereitung hat das Ehepaar zu Hause voneinander Abschied genommen, wobei Selvi in Ohnmacht gefallen ist. Völlig aufgelöst gelangt sie dann doch noch zum Bahnhof. Ihr Mann dringt auf sie ein, sich zusammenzunehmen, da es von Zivilpolizisten wimmle, die Verdacht schöpfen könnten.
Nuri Dersimi kommt nach langer Zugfahrt in Istanbul an, wo er im Hotel Elazig absteigt. Es gehört dem Armenier Ovadis, vermutlich ein Überlebender der Deportationen und Massaker, die ab 1915 Elazig und das ganze östliche Kleinasien von den Armeniern entvölkerten. Der Angestellte bei der Réception informiert Nuri Dersimi darüber, dass Zivilpolizisten stündlich nach ihm fragen. Dersimi läßt sein Gepäck im Hotel stehen und steigt im Sirkeci-Bahnhof in den Zug nach Edirne ein. Er hat die Absicht, vorzeitig bei einem griechischen Bahnhof auszusteigen, um schließlich bei einem europäischen Staat Asyl zu beantragen. Als er bei der Station des Dorfes Makri den Zug verlassen will, begegnet er Sabri, einem alten Freund, der ihm dringend von seinem Vorhaben abrät, da er Gefahr laufe, auf Grund der türkisch-griechischen Übereinkünfte ausgeliefert zu werden. Also kehrt er nach Istanbul zurück. Neues Ziel: das unter französischem Mandat stehende Syrien, wo er hofft, Asyl zu erhalten, da er meint, Frankreich habe echte Sympathien für die Kurden.

Dersimi reist nach Mersin und dann nach Adana. Um bei der Geheimpolizei jeglichen Verdacht zu zerstreuen, gibt er in Adana ein Telegramm nach Elazig auf, in welchem er seine baldige Rückkehr nach einem Abstecher über Mardin, wo er Vieh kaufen wolle, mitteilt. Der Express-Zug nach Mardin fuhr damals über syrisches Gebiet.       In diesem Zug überquert er am 11. September 1937 die damalige türkisch-syrische Grenze bei Islahiye Richtung Aleppo. Von nun an beginnt ein Versteckspiel, denn auch die französischen Mandatsbehörden pflegten Kurden auszuliefern, um sich Scherereien mit Mustafa Kemal Atatürk, dem starken Mann in Ankara, zu ersparen.

Zum Glück hat sich der Flüchtling kurz nach Adana seinem freundlichen, perfekt osmanisches Türkisch sprechenden syrischen Gegenüber anvertraut: “Ich bin der Tierarzt Nuri aus dem Dersim”. Jener, der Advokat Kâmil Sinno, Rechtsvertreter der Erben des einstigen Sultans Abdulhamit, öffnet eine Zeitung aus Istanbul und zeigt Nuri das Foto von Seyit Riza, dem mächtigen Dersimer Stammesführer, der sich gegen die rigorose Politik Ankaras offen zur Wehr setzt. Die Zeitungen schreiben, daß die Militäroperationen im Dersim mit unverminderter Härte fortgeführt werden. Nuri, der Rizas enger Vertrauter war, kann seine Emotion nicht verbergen.
Kâmil Sinno hilft ihm, schadlos die ersten Zollkontrollen zu überstehen. Das Exilabenteuer beginnt in Aleppo, anfänglich unter falschem Namen und der falschen Herkunftsbezeichnung Kürtdagli anstatt Dersimi, um eine syrisch-kurdische Identität  vorzutäuschen (ein kurdisches Gebiet der Provinz Aleppo hieß so, seine Bewohner sprachen damals ebensowenig arabisch wie Nuri).
Er ist auf der Suche nach einer Öffentlichkeit, die zuhört, was im Dersim vor sich geht. Aber wer kann und will schon zuhören in einer Zeit, in der Autokraten wie Hitler, Stalin, Atatürk, Mussolini und Franco das Geschehen diktieren? Mit dem Völkerbund, an den der Heimatlose sich wenden will, gehen sie um, wie es ihnen paßt. Und die USA stehen abseits. So getraut sich der Völkerbund immer weniger zu handeln.

Nuri Dersimis erste Exiltätigkeiten sind also diplomatischer und publizistischer Art und drehen sich um den Ethnozid3im Dersim der 1930er Jahre. Bereits drei Tage nach Überqueren der türkisch-syrischen Grenze, am 14. September 1937, gibt er in Aleppo einen zweiseitigen französischen Brief an den Völkerbund in Genf auf, der dort am 19. September eintrifft. Adressaten desselben Textes sind die Außenministerien Großbritanniens, Frankreichs und der USA.

Er ist mit “Seyid Riza” unterschrieben, ganz augenscheinlich mit derselben Handschrift wie auf der Rückseite des Umschlages der Absender, Noureddine Youssuf, notiert wurde. Ein Schrei der Verzweiflung, mit Tipp- und Rechtschreibefehlern, ungeschickten Formulierungen und eben einer Unterschrift und einem Absender, die nicht stimmen können. Und dennoch ein Schreiben, dessen traurige Wahrheit vernimmt, wer Ohren hat zu hören. Depuis des années le gouvernement Turc tente d’assimiler le peuple kurde et dans ce but opprime ce peuple, interdisant les journaux et les publications de langue Kurde, persécutant les gens qui parlent leur langue d’origine, organisant des émigrations forcées et systématiques… Depuis trois mois une guerre atroce sévit dans mon pays. Malgrés l’inégalité des moyens de combat… Les prisons regorgent… les intellectuels sont fusillés, pendus ou exilés… Eugène Henri Vigier, politischer Berater  beim Völkerbund schreibt in einer Randbemerkung vom 24. September: “I propose no action.” “D’accord” steht darunter in der Handschrift des Schweizers Edouard Rodolphe de Haller, Direktor der für die Mandate zuständigen Sektion. No action, ignorieren, nicht darauf eintreten.

Am 20. November 1937, zwei Tage nach Seyit Rizas Hinrichtung, wendet Nuri Dersimi sich im Namen der Dersimer Stammesführer4 nochmals an den Völkerbund in Genf. …nous nous trouvons aujourd’hui dans l’obligation de faire appel encore une fois à votre institution, suprême cour de justice du monde, de l’humanité et de la civilisation. Der sechsseitige Brief endet mit einem Appell und fordert die Entsendung einer Untersuchungskommission. Nous, populations de la région de Dersime, demandons à la S.D.N. [Société des Nations] de montrer l’intérêt urgent que mérite notre cause qui est une parcelle de la grande cause humaine dont elle a la charge, de désigner ainsi une commission du genre exposé plus haut et de prendre des mesures efficaces empêchant l’extermination en masse de notre nation.

Der Völkerbund hat dieses Schreiben am 3. Januar 1938 erhalten. Es trägt in den Randbemerkungen auf der ersten Seite die Spuren von drei Lesern. Vigier: “Cette lettre est datée de Dersime, elle a été mise à la poste à Damas et l’expéditeur, d’après le verso de l’enveloppe, est Kotcho Agha5… Alexandrette. Je propose de n’y pas donner suite.” Walters, der Vize-Generalsekretär, am selben Tag: “I agree. Mandates SN [Société des Nations] for information. I do not think any question of the minorities Treaty arises, since this is in any case not a «non-Moslem minority»”. Haller, eine Woche später: “Lu [gelesen]”. Der Völkerbund verweigert also auf höchster Hierarchiestufe das Gehör mit der - formell stichhaltigen - Argumentation, das Minderheitenproblem der Dersimkurden betreffe die Minderheitenklauseln im Vertrag von Lausanne (1923) nicht, da es sich um eine muslimische Minderheit handle. Das Ganze stelle also eine interne Angelegenheit der souveränen Türkei dar.6

Gleichgültigkeit der europäischen Diplomatie oder auch zynischer Opportunismus. Das britischen Außenministeriums gab in der Reaktion auf das Schreiben Dersimis seinem Botschafter in Istanbul folgenden Tip7:
                                       
               Wir haben das Gefühl, daß wir einen guten Eindruck erwirken würden,
               wenn wir die türkische Regierung inoffiziell wissen ließen, daß wir ihm
               [dem betreffenden Schreiben] keinerlei Beachtung geschenkt haben.


Nui Dersimis im Rückblick auf seine damaligen Aufrüttelungsversuche: Heyhat! Gerechtigkeit, Erbarmen und Hilfe an Unterdrückte sind Ideale, die es seit Moses und Jesus Zeiten gibt. Aber sie werden nur scheinheilig vorgeschützt, nicht angewandt.
Zum Exil gehören viele Ortswechsel (vor allem in den ersten Jahren), existentielle Unsicherheit, Heimweh sowie intensive Kontaktsuche und -pflege mit Exilkurden und Exilarmeniern. Hinzu kommt die Bedrohung, an die Türkei ausgeliefert oder durch gedungene Mörder umgebracht zu werden. Dazwischen wieder Angebote, in die Heimat zurückzukehren. Dersimi traut diesen nie. Meist ist Baytar (Tierarzt) Nuri, wie man ihn oft nennt, publizistisch oder lehrend tätig; zwei Jahre lang amtiert er als Hoftierarzt in Jordanien, bis ihn der jordanische König aus diplomatischen Gründen fallen lässt
Ohne Feride, seine zweite Frau, eine kurdische Lehrerin aus Aleppo, würde er das Exil kaum aushalten. Du bist mein Weggefährte in Leid und Schmerz, aber auch in der Hoffnung geworden8 . Ein Jahr nach seiner Ankunft in Syrien hat er sich mit ihr verlobt, ein weiteres Jahr später sie geheiratet.

Gerne würde er der Einladung des in Paris etablierten kurdischen Gelehrten Kamuran Bedirhan - ein Spross der berühmten Familie Bedir Khan - folgen. Mit Hilfe eines Arztzeugnisses, das Feride die Notwendigkeit einer ärztlichen Behandlung im Ausland attestiert, hofft er ein Visum für sich und seine Frau zu erhalten. Sein Gesuch hat jedoch keinen Erfolg.
1973 stirbt er in Aleppo eines natürlichen Todes, ohne seine Heimat je wiedergesehen zu haben.

II
Nuri Dersimi hat im März 1892 (oder 1893) im kleinen Dorf Agzunik9westlich von Hozat, dem Hauptort des Sandschaks Dersim, den Fuß in diese vergängliche Welt gesetzt, wie er selber schreibt. Er verlor sehr früh seine Mutter, genoß jedoch die Fürsorge eines sehr zärtlichen Vaters und wohlwollender kurdischer Familien.
Sein Vater Milla Ibrahim war Lehrer, Dichter, Sänger und Saz-Spieler und amtierte, wie schon Nuris Großvater, eine Zeit lang als Sekretär des Seyit Ibrahim, des Vaters von Seyit Riza, dem Führer der Scheich Hasanan-Stämme im West-Dersim. Viele Abgänger der Schule von Milla Ibrahim in Agzunik, darunter zahlreiche Söhne von Stammesführern, studierten später in Istanbul und wurden militante kurdische Patrioten. Die meisten von ihnen kamen vor 1938 ums Leben. In jener und ähnlichen Schulen wurde im Gegensatz zu den osmanischen Staatsschulen (und den damals zahlreichen Missionsschulen) auch Kurdisch unterrichtet.

Der kleine Nuri ging bei seinem Onkel Milla Hasan im armenisch-kurdischen Dörfchen Sorpiyan, das zwischen Hozat und Mazgirt lag, erstmals in die Schule. Die reguläre Primarschule besuchte er dann von 1899 an in Hozat, wo sein wiederverheirateter Vater sich ein Haus hatte bauen lassen. Da dieser die Qualität der Sekundarschule in Hozat als ungenügend einstufte, schickte er seinen Sohn in die Militärschule von Elazig, wo er bei seinem Onkel, dem Polizisten Hüseyin, wohnen konnte. Aber Nuri ertrug die Disziplin, die dort herrschte, sehr schlecht und hatte unerträgliches Heimweh. Der Vater begab sich sogleich nach Elazig, um ihn an einer anderen Sekundarschule der Stadt anzumelden. Ein Jahr später, 1905, stellte der fürsorgliche Vater fest, daß es seinem Sohn auch da nicht wohl war und entschloss sich daher, mit der ganzen Familie nach Harput umzuziehen, das wenige Kilometer oberhalb von Elazig liegt. An der Sekundarschule von Harput begann Nuri Fuß zu fassen, so daß die Familie zwei Jahre darauf wieder nach Hozat ziehen und den Sohn beim Onkel und später im Internat der Schule lassen konnte.
Hier traf er gleichgesinnte junge Kurden und gründete mit ihnen zusammen einen kurdischen Schülerverein. Da es zu Ausschreitungen mit jungtürkisch gesinnten Schülern kam, wären Nuri und seine Freunde um ein Haar von der Schule verwiesen worden, hätte sich nicht die Gesamtheit der kurdischen Schülerschaft für sie eingesetzt. Solche Auseinandersetzungen gehörten in die aufgeheizte Atmosphäre der Jahre nach der jungtürkischen Revolution vom Sommer 1908. Anfänglich war die Begeisterung über die neu gewonnene Rede- und Versammlungsfreiheit groß. Allgemeine Verbrüderungsszenen fanden statt zwischen Christen und Muslimen, Armeniern, Türken und Kurden. Danach begannen sich die verschiedenen Ethnien und vor allem die millet immer deutlicher zu mobilisieren und profilieren, zumal sie mit Grund befürchteten, die jungtürkische Partei “Einheit und Fortschritt” verstehe unter dem Programmpunkt “Einheit” vor allem Türkisierung sowie Zentralisierung nach französischem Vorbild (selber taten sie allerdings auch herzlich wenig für den Weiterbestand der osmanischen Vielvölkergemeinschaft, im Gegenteil). In fast allen Städten des Reiches entstanden jungtürkische Klubs, aber auch Klubs der Minderheiten, so zum Beispiel in Harput und Elazig. Der sehr aktive kurdische Klub von Elazig zählte anfangs 1909 rund 400 Mitglieder10.

Zur eigentlichen Hauptstätte kurdischer Aktivitäten wurde damals allerdings Istanbul. Hierher begab sich Nuri im Jahre 1911, um zu studieren. Nach einem herzzerreißenden Abschied von seinem Vater schloß er sich einer Karawane an, welche ein Angehöriger des unbewaffneten und zugleich unantastbaren Derwisch Cemal-Stammes nach Trabzon ans Schwarze Meer führte. Von da ging die Reise mit dem Schiff weiter nach Istanbul. Nach langem Hin und Her wurde der junge Mann schließlich bei der Veterinär-Hochschule zugelassen, worüber der Vater nicht sehr erbaut war.
Er kam bald in Kontakt mit den zahlreichen Dersimer Binnenmigranten, die in der Reichshauptstadt ihr Auskommen als Arbeiter und Bedienstete suchten. Da Stammesrivalitäten auch hier noch die Beziehungen zueinander prägten, setzte sich Nuri dafür ein, seine Dersimer Landsleute unter dem gemeinsamen religiös-kulturellen bzw. politischen Dach des Alevismus und des kurdischen Patriotismus zusammenzubringen. Zu diesem Zweck organisierte er Cem-Zusammenkünfte11.
Die kurdischen Studenten waren wenig zahlreich, umso intensiver ihre Beziehungen, ihr Patriotismus, ihre Diskussionen und Träume. Istanbul zählte nach Dersimis Angaben damals ungefähr 150 kurdische - Nuri war der einzige aus dem Dersim - sowie einige tausend armenische sowie albanische Studenten, daneben eine türkische Mehrheit von etwa 20’000 Studenten. Hinzu kamen Griechen, Bosniaken, Lazen, Tscherkessen…
Nuri knüpfte Kontakte zu frisch gegründeten kurdischen Organisationen, wie dem kurdischen Studentenverein und dem kurdischen Verein für Aufstieg und Fortschritt. Deren Träger waren Söhne der kurdischen Oberschicht, denen gegenüber Nuris Herkunft sich sehr bescheiden ausnahm. Diese kleine, in der überwiegenden Mehrheit sunnitische Elite, von denen einige auch ein paar Studienjahre in Europa absolvierten, kam in Berührung mit der europäischen Aufklärung, dem Positivismus und nationalstaatlichem Denken. Sie politisierte enthusiastisch und begann eigene kurdische Visionen zu entwickeln. Es gelang ihr aber nicht, ihre politischen Überzeugungen und Ziele - ein selbständiges und einheitliches Kurdistan - wirklich unter das eigene Volk zu bringen, das seit Generationen durch Stammes- und Religionskonflikte aufgespaltet war. Das grundsätzliche Problem der Versöhnung der alevitischen und sunnitischen Kurden, das Nuri Desimi am Herzen lag, wurde in diesen intellektuellen Kreisen kaum wahrgenommen.

1912 besuchte der angesehene Dede Molla Hidir seine Dersimer Landsleute in Istanbul. Er gründete mit ihnen den Verein der Freunde Kurdistans, dessen Sekretär Nuri wurde. Die Behörden schickten bald darauf Molla Hidir in den Dersim zurück und lösten den Verein auf. Auch Nuri war gezwungen, vorübergehend die Hauptstadt zu verlassen. Er begab sich in seine Heimat, wo er von Stamm zu Stamm reiste und den Führern seine Erfahrungen und Ideen mitteilte.
Seine letzten beiden Istanbuler Jahre waren geprägt von der Verhärtung des politischen Klimas. Die Regierung griff immer mehr zu diktatorischen Maßnahmen und suchte in der Türkisierung12Rettung vor dem zunehmenden Reichszerfall. Im selben Zug verschärften sich interethnische Spannungen. In den Hörsälen kritzeln die einen “ Es  leben die Türken!”, die anderen “Es leben die Kurden und Kurdistan!” auf die gleichen Wandtafeln.
Nuri schreibt, das Studentenleben in Istanbul sei die schönste Zeit seines Lebens gewesen. Es war das Ende seiner Jugend.

III
Der Krieg stand vor der Tür.
Ich war im letzten Jahr der Veterinär-Hochschule, als man den unseligen Ersten Weltkrieg erklärte. Ein geheimes türkisch-deutsches Abkommen wurde am 2. August  unterzeichnet.13
Der massgebliche Kern des jungtürkischen Komitees (Enver, Talaat u.a.) ließ sich vom deutschen Reich willig in den Krieg ziehen. Die beiden Reiche waren militärisch und wirtschaftlich bereits stark verflochten. Enver und seine Gesinnungsgenossen dachten, das Osmanische Reich, dessen Rettung sie sich - wie sie meinten - verschrieben hatten, könnte sich im Schatten des Krieges der Kapitulationen14, des Schuldenregimes15sowie der von der ausländischen Diplomatie durchgesetzten armenischen Reformen entledigen. Sie hegten die diffuse Hoffnung, “die islamische Welt vom fremden Joch zu befreien”.

Man vernahm in Istanbul, daß die Türkei an der Seite Deutschlands am Weltkrieg teilnehme. Eine große Aufregung machte sich breit. Die Welt ging einer großen Katastrophe entgegen. Die Schüler der obersten Klasse wurden zum Militär eingezogen. Wir wurden sofort zur Istanbuler Kriegsschule geschickt. Ich tat Dienst auf dem normalen Exerzierplatz. Zwei Monate verbrachte ich als gemeiner Soldat, danach machte das Kriegsministerium bekannt, daß alle Medizin-, Veterinärmedizin-, Zahnmedizin- und Pharmaziestudenten sich bei den Behörden zu melden hätten. Ich und meine Freunde meldeten sich deshalb beim Veterinärinspektorat des Kriegsministeriums. Ich wurde dem Transportbataillon in Beykoz/Istanbul zugeteilt und tat also eine Weile in meinem Beruf Dienst beim Veterinärhauptmann Mustafa Bey in Beykoz. Nach drei
Monaten wurde ich durch eine offizielle Anordnung des Kriegsministeriums dem Veterinärinspektorat des IV. Heeres unterstellt und im Range eines Ersatzoffiziers dem Regionalinspektorat in Erzincan zugeteilt. Ich nahm den Weg über die anatolische Landstraße, um zu meinem neuen Dienstort zu gelangen.
Da die Gegend ganz kurdisch, und zwar alevitisch-kurdisch war, schloß ich innert kürzester Zeit Bekanntschaft mit der kurdischen Jugend und wurde von ihr geliebt. Ich erfreute mich des ausgesprochenen Wohlwollens des Obersten im Generalstab Ali Riza Bey, des Schwiegersohns des Regionalspektors Hacit Vahit Bey von Erzincan. Er sprach mich immer zärtlich als kurdischen Sprößling an. Im Viransehir-Quartier von Erzincan mietete ich bei Ölçekçi Halil, einem aus Dersim ausgewanderten Verwandten, ein Zimmer. Von hier aus tat ich meinen Dienst. Mit dem ganzen alevitisch-kurdischen Quartier stand ich in regem Austausch. Der in der Region von Erzincan sehr einflußreiche Führer des Balaban-Stammes, Gül Aga, dessen ausgesprochenes Wohlwollen ich genoß, verlieh mir Prestige, als wäre ich sein Sohn. Zugleich pflegte ich am Fuße des Sultan Seydi-Berges ständigen, engen Kontakt mit Küçük Aga, dem Führer des Göçikyan-Stammes, mit Mehmet Efendi, dem Führer des Kuresan-Stammes, mit Deve von den Führern des Pilvenk-Stammes, mit Ali Çavus aus dem Dorf Koris und mit den Hayrettin-Agas. Indem ich enge Verbindung mit Kalabyan, Schadan und all den übrigen Stämmen sowie mit den Familien des Mehmet Efendi aus dem Geschlecht des Kesmekurlu Aguçan knüpfen konnte, die großen geistigen Einfluß auf diese Stämme hatten, war ich innert Kürze in der gesamten Umgebung von Erzincan bekannt. Auch mit Dersim blieb ich in Verbindung.

Ich war mir bewußt, daß ich der stetigen Kontrolle von Sagirzade Halet Bey aus Kemah, dem Bevollmächtigen der Vereinigung für Einheit und Fortschritt unterworfen war. Aber indem ich vorsichtig vorging und meine Bemühungen um die kurdisch- nationale Sache mit der äußerst sorgfältigen Erfüllung meiner offiziellen Pflicht verband, gelang es mir immer, vom Veterinärdirektorium des Regionalinspektorates, das sich in Erzincan befand, Belobigungsschreiben zu erwirken.
Mein ganzes Wollen war darauf ausgerichtet, die kurdischen Stämme Dersims und seiner Umgebung vor dem großen Verderben [eines Kriegseintrittes] zu bewahren. Denn das Verhängnis, dem die kurdischen Stämme von Erzurum, Hakkari, Van und Bitlis in dieser wirren Zeit ausgesetzt waren - Mord, Zerstörung, Umsiedlung, Verarmung -, zerriß einem gänzlich das Herz. Es war unvorstellbar, die Tränen zurückzuhalten angesichts der unzähligen Gruppen kurdischer Flüchtlinge in ihrem furchtbarem Elend. Ich kann sagen, daß das Bitterste, was ich in meinem Leben je mitansah, sich aus den in obgenannter Region erlebten überaus schmerzlichen
Begebenheiten zusammenfügt.


Der Generalissimus Enver, der Mitte Dezember 1914 in Erzurum das Kommando der III. Armee übernommen hatte, glaubte an einen raschen Sieg gegen die Russen an der Nordostfront und an einen weiterführenden glorreichen Feldzug, der dem “Türkentum” den Kaukasus und damit die Verbindung zu den zentralasiatischen Turkvölkern erobern sollte. Zwei Wochen später erlitt er eine vernichtende Niederlage - nur ein Bruchteil der anfänglich rund hunderttausend Soldaten überlebten. Schlechte Ausrüstung und Führung, vor allem aber Schnee, Hunger und Typhus bereiteten der Offensive der III. Armee in den Bergen des Allahüekber bei Sarikamis ein rasches Ende .

An der Nordostfront starben innert Kürze all die jungen kurdischen Männer, die am Krieg teilnahmen, den Heldentod. Sie gehorchten den Angriffsbefehlen, die die beiden grausamen Paschas Enver und Talaat ausgaben. Hunderttausende von ihnen gingen in den Schneestürmen bei Erzurum und in den Allahhuekber-Bergen zugrunde. Unsere Herzen weinten Blut. Auf den Straßen irrten erbarmenswerte kurdische Frauen und Kinder umher, die den Tod grüßten16.
Ein furchtbarer Typhus wütete im Heer. Im Jahre 1915 verloren täglich Hunderte von Kurden unterwegs ihr Leben. Die von der Front desertierenden Soldaten steckten die Dörfer mit der Krankheit an. Um es kurz zu sagen, eine schwarze Sintflut brach über Kurdistan herein. Kurdistan wurde durch und durch zu kriegsversehrtem Gebiet, und die fliehenden Mädchen und zu Witwen gewordenen Frauen sangen weinend Klagelieder gegen die Deutschen. Während ich an ihren Tränen Anteil nahm, habe ich damals diesen Wehgesang einer greisen Kurdin gehört:


Deutscher, Deutscher
Warum hast du nicht für das Recht gesorgt
Dein Haus sei verflucht, Deutscher
Du hast unsere Männer umgebracht
Dein Haus verfalle dem Untergang, Deutscher
Du hast unsere Männer ausgerottet17

Zusammenfassend kann ich sagen, daß in dieser Zeitspanne ganz Kurdistan Blut weinte, ausgenommen Dersim. Hunger, Krankheit, Verelendung, Flucht, Deportation, Tod: solch grausame Fittiche breiteten sich über Kurdistan aus. Eine Gruppe deportierter Kurden nach der andern wurde auf den Straßen zum Hunger- oder Krankheitstode verurteilt. Das kurdische Volk, das als ein treues Volk den Türken jahrhundertelang Grenzwächterdienste geleistet hatte, sah sich mit der Deportation belohnt. Um der türkischen Existenz willen haben sie heldenhaft den Tod gegrüßt. Ihre eigene Existenz haben sie zugunsten der türkischen Unabhängigkeit geopfert. Wie die spätere nahöstliche Geschichte es dokumentiert, hat die türkische Regierung diesen Opfermut nicht mit Dankbarkeit, sondern mit Verrat belohnt; den Tatbeweis dafür hat sie erbracht, indem sie die Hamidiye18 -Regimentskommandanten und andere junge Kurden [in der Anfangszeit der Republik] grausam erschossen oder aufhängten.
In jenen dunklen, schrecklichen Zeiten hat - mit Ausnahme der östlich gelegenen Gebiete von ?emdinan, Kuziçan und teilweise von Kigi - kein türkischer und kein russischer Soldat weder Ost- noch West-Dersim betreten. Dersim hat seine Existenz behauptet und ist unberührt geblieben von den Kriegsgreueln. Greuel, Hunger und Krankheit haben ringsum ihre scheußlichen, schrecklichen Fittiche über das arme kurdische Volk ausgebreitet.
Ich hatte es mir gänzlich zur Devise gemacht, angesichts der traurigen Zustände die kurdischen Stämme Dersims und seiner Umgebung von diesem Unheil fernzuhalten und alles zu unternehmen, so auch heimlich Propaganda zu betreiben, damit sie sich ja nicht am Krieg beteiligten. Da die Dersimer die Katastrophe vor ihren Augen durchaus wahrnahmen, hielten sie sich in keiner Weise an die Befehle der türkischen Regierung, nutzten die Unzugänglichkeit ihres Gebietes mit den schwer besteigbaren Gebirgspässen voll aus und verhinderten jegliches Eindringen sowohl der russischen als auch der türkischen Armee in ihrem Bereich. Diese außergewöhnliche Sachlage verblüffte die türkischen Regierung; sie wurde auf die Situation der Dersimer aufmerksam und plante, Dersimer Milizeinheiten zusammenzustellen und in den Krieg zu führen. Mit dieser Absicht führte die türkische Regierung mit Dersim etwas im Schild. Aber die Dersimer hatten die katastrophale Situation erkannt und waren entschlossen, sich nicht am Krieg zu beteiligen. Die türkische Regirrung getraute sich nicht, sie mit Gewalt einzuziehen und an die Front zu schicken.
Mit dem Fortgang des Krieges wurden weite Gebiete Kurdistans vom türkischen Heer zur Kriegszone erklärt. Das kurdische Volk litt schweren Schaden. Die Dersimer hingegen haben ihre Heimat vor den beiden kriegführenden Parteien bewahrt und sind vom Krieg unversehrt geblieben. Da die türkische Regierung diese Situation als im Widerspruch zu ihrem politischen Kalkül ansah, hielt sie es um jeden Preis für nötig und zwingend, die Dersimer zugunsten der Türken in den Krieg zu treiben. Natürlich habe ich es nicht unterlassen, meinen Vater, Seyit Riza und die anderen Stammesführer über die Sachlage zu informieren. Ich hatte stets genügend Verbindungsmöglichkeiten zwischen Erzincan und Dersim. Erzincan kann man eigentlich als einen Teil von Dersim betrachten.


      Und nochmals greift Dersimi - typisch für seinen Stil, der die ihm wichtigen Punkte mehrfach variiert - dasselbe traumatische Geschehen mit wenigen Ergänzungen auf:

Die Typhus-Krankheit im Heer und in den Dörfern überdeckte ganz Kurdistan mit schwerem Leid. Zu Tausenden litten kurdische Waisenkinder, deren Väter im Krieg umgekommen waren, Not an Nahrung und Kleidung vor den Mauern ihrer Häuser und Hütten, bis sie schließlich dem Hunger erlagen. Die Mütter, die ihre Kinder, die Frischverheirateten, die ihre Gatten verloren - sie alle kleideten sich ständig schwarz. In allen Häusern der Dörfer lagen die Kranken umher wie Strohmatten. Täglich verendeten Dutzende in jedem Dorf. Es gab niemanden mehr, der hätte Gräber schaufeln können. In den letzten Monaten des Jahres 1915 schneite es meterhoch. Die aus dem Osten fliehenden und in den Gebieten von Varto und Hinis Unterschlupf suchenden kurdischen Flüchtlinge strömten bis nach Diyarbakir und Elazig.
Ich hatte ununterbrochen Kontakt und Nachrichtenverbindung mit den Dersimern. Meine prophylaktischen Bemühungen, sie vom Krieg fernzuhalten, hatten nichts mit Verrat zu tun. Da ich Kurde bin, erachtete ich es einfach als Gewissenspflicht, das Leben meiner Volksgenossen zu bewahren. Der Heereskommandant Enver Pascha, der Großwesir und Talaat Pascha gaben bekannt, daß sie in Elazig ein Treffen planten. Kein einziger Stammesführer aus dem Dersim leistete der Aufforderung zu kommen, Folge. Allein, weil Sagiroglu Sabit Bey aus Kemah, der Vali von Elazig, ständig insistierte, gaben sich der Führer des Karabal-Stammes Kongozade Mehmet sowie der Führer des Abbasan-Stammes, Miço Aga, dazu her, nach Elazig zu gehen, um sich im Namen von West-Dersim mit Enver Pascha zu treffen.


Baytar Nuri wurde auch Zeuge des Mordes am armenischen Volk in Ostanatolien. Diesen organisierte die jungtürkische Clique sozusagen als gewaltsames Gegenstück zum armenischen Reformwerk, das am Vorabend des Krieges beschlossen worden war, und begründete ihn mit strategischen Notwendigkeiten - eine politisch unverläßliche ethnische Gruppe sei nicht weiter in Frontnähe zu dulden - beziehungsweise, zynischer, die Zivilbevölkerung sei vor den Kriegsauswirkungen zu bewahren. Eine wichtige Rolle spielte die von Enver schon kurz nach Kriegsausbruch gegründete “Spezialorganisation” (Teskîlât-i Mahsûsa), der Propaganda-, Spionage-, Sabotage- und Mordaufträge anvertraut wurden.

Die von der Vereinigung Einheit und Fortschritt und insbesondere von den Paschas Enver und Talaat kurz vor dem Ersten Weltkrieg hastig ins Leben gerufene Spezialorganisation, mit einem andern Namen “Orientalische Angelegenheiten”, stand unter dem Kommando von Süleyman Askeri. Während des vierjährigen Krieges, ja sogar bis zum Waffenstillstand führte die Spezialorganisation alle geheimen Begehren der Vereinigung Einheit und Fortschritt aus. Auch der Mord am armenischen Volk wurde durch diese Organisation eingefädelt. Es gehörte zu den offenkundigen Programmpunkten dieser Organisation, alle Muslime auf der Welt unter eine Fahne zu vereinigen, d.h. dem Panislamismus Genüge zu tun, sowie die türkische Rasse in eine
politische Einheit zu bringen, d.h. den Pantürkismus zu verwirklichen. Die Paschas Enver und Talaat inspirierten sich einerseits am Panislamismus, den Emiri Efendis Programm der Vereinigung Einheit und Fortschritt enthielt, andererseits am Pantürkismus von Ziya Gökalp.
Unser Landsmann, der ebenfalls aus dem Dersim stammende Dr. Hasan Riza, hat uns mitgeteilt, welche Personen verantwortlich und bevollmächtigt für die Spezialorganisation im Raume Kurdistan arbeiteten. Es sind folgende: Zu allererst der unter dem Übernamen “Küçük Efendi” [Kleiner Herr] allgemein bekannte und berüchtigte Kara Kemal [Schwarzer Kemal], Nail aus Yenibahçe, der Artillerieoberst Rizan aus Trabzon, der Vali von Trabzon, Cemal, der Vali von Erzurum, Tahsin, sowie aus dem Zentralkomitee von Einheit und Fortschritt Dr. Bahaettin Sakir und Dr. Fuat Sabit. Dr. Hasan Riza hat bekanntgemacht, daß diese Personen eindeutig verantwortlich und bevollmächtigt waren; die Vereinigung für den Aufstieg Kurdistans wurde später darüber vollumfänglich informiert. Wenn Hasan Riza auch anfänglich als türkischer Nationalist erschien, so hat er uns doch in den Tagen, als ich mich in Istanbul befand, über wichtige Punkte informiert und aufgeklärt.
Es ist völlig klar, daß die Mitglieder dieser “Spezialorganisation” mit den Paschas Enver und Talaat an ihrer Spitze den Mord an den Armeniern organisierten und durchführten. Dieser begann am 15. März 1915 in der Gegend von Zeytun und wurde sukzessive in den verschiedenen Gebieten Ort für Ort bis Ende 1916 vollzogen. Da ich 1915-1916 in Erzincan Dienst tat, bin auch ich Zeuge der Massaker bei der Kemah- Schlucht geworden, denen die armenischen Deportiertengruppen der Erzurum- Erzincan-Trabzon-Route zum Opfer fielen. Da ich über dieses tieftraurige Geschehen in meinem Werk über die kurdisch-armenischen Beziehungen im Detail geschrieben habe19, will ich mich hier nicht wiederholen.


Leben trotz der Verheerungen des Krieges… Nuri Dersimi heiratete Selvi, die noch sehr junge, vielleicht fünfzehn- oder sechzehnjährige Schwester eines Soldaten, der ihm als Bediensteter zugeteilt war. Dieser hatte von seinen Vorgesetzten in seinen Briefen, die er nach Hause schickte, geschwärmt und dessen Heirat mit Selvi gewünscht. In ihrem alevitischen Heimatdorf Çamsigi bei Kangal in der Provinz Sivas wurde er aufs wärmste empfangen. Man festete Tag und Nacht, spielte Saz, sang, trank und feierte Cem. Nuri besuchte auch die alevitischen Dörfer der Umgebung, knüpfte Kontakte und verbreitete seine kurdischen Ideale. Bei seinem zweiten oder dritten Besuch in Çamsigi fand die Hochzeit statt.
       Nach einiger Zeit zog Dersimi das Mißtrauen eines vorgesetzten Offiziers auf sich, der ihn nach Giresun ans Schwarze Meer versetzen ließ. Aber die Armee schickte ihn bald nach Istanbul weiter, damit er sein Veterinärdiplom erwerbe. Dort traf er am 1. September 1917 ein.

IV
Die Niederlage des osmanischen Reiches, die sich immer klarer abzeichnete, und die Verkündung der Vierzehn Punkte des Präsidenten Wilson gaben den Hoffnungen der Minderheiten auf einen neuen, selbstbestimmten Status Auftrieb. Die osmanischen Araber hatten bereits während des Krieges ihre Loyalität mit dem Sultan aufgekündet. Die Armenier waren zum Opfer eines Völkermordes geworden. Die Kurden hatten Verluste in vergleichbarer Größenordnung erlitten, einerseits weil ihre sunnitische Mehrheit loyal zum Sultan hielt und viele Männer an der Nordostfront verlor, andererseits wegen Hunger und Seuchen, die nicht zuletzt die vielen kurdischen Deportierten, die mit ähnlichen Argumenten wie die Armenier aus dem Nordosten Kurdistans vertrieben worden waren, fast restlos dezimierten20.  Dersimi bereitete sich ein Jahr lang auf sein Diplom vor, das er im September 1918 auch erhielt. Hauptsächlich war er aber mit kurdischen Angelegenheiten beschäftigt. Tag und Nacht frequentierte er den Verein für den Aufstieg Kurdistans (Kürdistan Teali Cemiyeti). Es brodelte in der seit Ende 1918 von den Aliierten besetzten Hauptstadt. Diskussionen, Spekulationen, fieberhafte Aktivitäten in den verschiedensten Gruppen und Grüppchen. Überall Spionage: von Seiten der Allierten, der Bolschwisten, der türkischen Nationalisten und der offiziellen osmanischen Regierung. Armenier und Kurden glaubten ihre Freiheit nahe, waren sich aber in keiner Weise über eine gütliche Aufteilung ihrer Gebietsansprüche einig. Viele Armenier träumten von einem Großarmenien, das Gebiete mit klarer kurdische Mehrheit schon vor dem Krieg umfaßte, und dachten, der mächtige Westen unterstütze sie wirklich.

Im eigenen kurdischen Lager herrschte keineswegs Einigkeit. Die meisten jüngeren wollten einen unabhängigen Staat, während es anderen vorteilhafter erschien, in enger Verbindung mit den Türken die kurdische Sache vorantreiben. Die meisten sunnitischen Kurden glaubten den Kemalisten, die ihren Kampf damals als gemeinsamen Kampf der beiden islamischen Brudervölker Türken und Kurden gegen die fremden “Imperialisten” darstellten. Nach erfolgreichem Kampf und der Ausrufung der türkischen Republik sollte keine Rede mehr von einem kurdischen Volk sein.
Es ist schwierig, Nuri Dersimis Rolle in den Umbruchsjahren 1918-23 objektiv einzuschätzen, da genügend Fremdzeugnisse fehlen. Er scheint eine wichtige Rolle im antikemalistischen Lager der kurdischen Intellektuellen und Unabhängigkeitskämpfer gespielt zu haben. Es gelang ihm, von Istanbul aus einen Waffenschmuggel in den Dersim zu organisieren und sich, über Hintertürchen, zum Tierarzt der an den Dersim grenzenden Bezirke der Provinz Sivas ernennen zu lassen. Im Juni 1919 begab er sich persönlich in den Dersim und die Koçkiri-Region (im Ostteil der Provinz Sivas). In Ümraniye, dem heutigen Imranli, einer Ortschaft zwischen Sivas und Erzincan, eröffneten Nuri und seine Freunde einen Ableger des Kürdistan Teali Cemiyeti.

Koçkiri-Dersim ist jener von alevitischen und mehrheitlich zaza-sprachigen21Kurden besiedelte Raum, der bereits der osmanischen Staatsmacht und nun auch der sich neu bildenden kemalistischen Macht mit Zentrum Ankara gegenüber sehr mißtrauisch eingestellt war. Dessen heterodoxe Bewohner ließen sich durch den Aufruf Mustafa Kemals, das Kalifat mit Heiligem Krieg (Dschihad) zu verteidigen, nicht gewinnen, vielmehr abschrecken, da sie befürchteten, ein ähnliches Schicksal wie die andersgläubigen Armenier (während des Dschihad 1915) zu erleiden.
Mustafa Kemal selber bemühte sich, Mehmet Nuri auf seine Seite zu ziehen. Er lud ihn ein, als Delegierter des Dersim im September 1919 am Kongreß von Sivas teilzunehmen. Dieser Kongreß versammelte wie schon jener von Erzurum, allerdings weniger zahlreich, jene Kräfte, die sich aus verschiedenen Gründen Sorgen über den Zustand des Landes und die Politik seiner offiziellen Istanbuler Regierung machten: in der Region Erzurum waren das nicht zuletzt jene reichen Händler und Großgrundbesitzer, die eine Rückkehr der Armenier, die Rückgabe von Eigentum und eventuelle Gerichtsverfahren befürchteten und deshalb einen Verein zur Verteidigung ihrer Rechte gegründet hatten (Vilayât-i Sarkiye Erzurum Müdafaa-i Hukuk-i Cemiyeti). Es gelang Mustafa Kemal diese Leute, sunnitische Repräsentanten und weitere, auch kurdische Kräfte, für sein nationales Anliegen einzuspannen. Dessen Zielrichtung entpuppte sich, wie angetönt, erst ab 1923 als exklusiv türkisch-nationalistisch.

Dersimi schlug Mustafa Kemals Einladung aus. Wenig später ließ ihn der Vali von Sivas verhaften. Dank Vermittlung des Deputierten Hasan Hayri gewann er bald wieder die Freiheit und nahm zusammen mit seinen Gesinnungsgenossen seine fieberhafte Tätigkeit wieder auf. Ziel der Bemühungen war es, im Raume Koçkiri-Dersim den Kern eines autonomen Kurdistans zu schaffen, das am Schluß Koçkiri, Dersim, Elazig, Diyarbakir, Van und Bitlis umfassen solllte - ein regelrechtes Großkurdistan, allerdings ohne die südlichen Gebiete.
Als erstes galt es, mit viel Agitation, Propaganda und Koordination, die verschiedenen Stämme bzw. Stammesführer für einen gemeinsamen Aufstand gegen die in diesem Raume sich befindlichen türkischen Verwaltungs-, Polizei- und Militärkräfte zu sammeln und sich für den zu erwartenden Gegenschlag der türkischen Armee zu wappnen. Die Hauptperson dieser ganzen Aktion war, auch nach Aussage türkischer Militärhistoriker22, vermutlich Aliser, ein intelligenter kurdischer Dichter und Sazspieler, der ebenfalls Mitglied des Kürdistan Teali Cemiyeti war, aber nur in loser Verbindung zur kurdischen intellektuellen Elite in Istanbul stand. Ein im Dersim überlebender Armenier - nicht der einzige, der sich in jener Aufstandsbewegung engagierte - habe ihm Botendienste mit der Hauptstadt geleistet.

Die folgenden Ereignisse sind unter dem Namen “Aufstand von Koçkiri-Dersim” (1919-22) bekannt oder besser gesagt recht wenig bekannt geworden, obwohl es sich um den ersten wichtigen kurdischen Aufstand gegen die kemalistische Regierung handelte (der damals noch die offizielle, von den Alliierten anerkannte Istanbuler Regierung mit dem Sultan gegenüberstand)23. Es die erste der sich wiederholenden Geschichten von kurdischer Rebellion und massiver türkischer Repression, fehlender kurdischer Einheit und nicht eingehaltenen Versprechen, verbrannten Dörfern und tauben Ohren. Und auch hier die Mär vom ausländischen Komplott, obschon sich, nach dem Rückzug der Russen, keine Großmacht mehr für jene isolierte Gegend interessierte und die Dersimer selber die Option, die Alliierten um Hilfe zu ersuchen, zurückgewiesen hatten.
Bewaffnete Zusammenstöße größeren Ausmaßes fanden im Frühjahr 1921 statt. Am 10. März verhängte die Regierung von Ankara das Kriegsrecht.
In einem Telegramm vom 11. März 1921 an die vor Jahresfrist gegründete türkische Nationalversammlung in Ankara schraubten die Aufständischen ihre Forderungen bereits gewaltig zurück:

Wir verlangen die Errichtung einer eigenen Provinz mit einem
kurdischen Vali, der aus der Region stammt, mit eigener Verwaltung
und eigenem Gerichtswesen. Diese Provinz muß aus den Gebieten mit
einer kurdischen Mehrheitgeformt werden und die Bezirke Koçkiri,
Divrigi, Refahiye, Kuruçay und Kemah enthalten.

Schon 1921 diskutierte die Regierung von Ankara nicht mit kurdischen “Gaunern” (eskiya), wie sie die Aufständischen nannten, außer um sie aus taktischen Gründen hinzuhalten. Sie beauftragte Nurettin Pascha, den Kommandanten des Zentralheeres, mit der Niederschlagung des Aufstandes. Dieser gab Direktiven der folgenden Art aus:

Man muß das Vertrauen des Volkes gewinnen (…) und die Anstifter
verhaften (…) Ihre Güter sollen konfisziert, ihre Häuser verbrannt
werden. Wenn es sich nicht um Einzelpersonen handelt, sondern um
die Bewohner eines Dorfes, soll mit dem ganzen Dorf entsprechend
umgegangen werden.
Je nach Ergebnis der Militäroperationen wird befohlen werden,
entweder den Koçkiri-Stamm so zu schwächen, daß er sich nicht mehr
erheben kann oder ihn aufzuteilen und zu deportieren.24

Der Aufstand scheiterte.
Die von vielen Brutalitäte begleiteten Militäroperationen waren in den damaligen Parlaments- und Regierungskreisen - man ist gezwungen zu sagen: anders als heute - heiß umstritten. Untersuchungskommissionen wurden nach Koçkiri-Dersim gesandt. Vom Oktober 1921 an diskutierte die Nationalversammlung die Ereignisse in geheimer Sitzung25. Ohne Mustafa Kemals Protektion wäre es zu einem Verfahren gegen Nurettin Pascha gekommen.
Celâl Bayar, 1950-60 türkischer Staatspräsident, meinte über den Koçkiri-Dersim- Aufstand:

Scheich Said wollte eine kurdisch-islamische Republik errichten. (…)
Dem Dersim-Aufstand lag eine gänzlich kurdische Ideologie
zugrunde. Sie wollten ohne Umschweife eine autonome kurdische
Regierung errichten. (…) Nach meiner Meinung ist der Aufstand von
Koçkiri wichtiger als alle anderen.26

V
Nachdem die Armee ihr Werk gründlich beendet hatte, gewährte Mustafa Kemal allen Aufständischen eine Amnestie, mit Ausnahme von Aliser und Nuri Dersimi, was deren wichtige Rolle bestätigt. Nuri blieb in nächster Nähe von Seyit Riza, seinem      Schutzherrn, und beschäftigte sich mit Sekretariats- und Publikationsarbeiten. Immer wieder bemühte er sich, Stammeskonflikte zu schlichten, nicht immer mit Erfolg. Eine Zeit lang betätigte er sich als Lehrer und brachte seinen Schülern bei, Kurdisch mit lateinischen Buchstaben zu schreiben. Man betrachtete ihn als einen Mann von großer Wichtigkeit, als einen höchst ehrenwerten Drahtzieher des Koçkiri-Aufstandes und nicht bloß als irgendeinen Molla und Hodscha - wie seinen Vater und Großvater.
Die türkische Regierung kassierte 1931 (?) das Todesurteil gegen Nuri Dersimi und sprach ihm einen Gutshof im Dorf Holvenk bei Elazig zu. Nuri verschweigt in seinen beiden Büchern, daß dieser Hof Armeniern gehört hatte27. Er ließ sich mit seiner Familie dort nieder, kam aber nicht zur Ruhe. Immer wieder führten die Behörden Hausdurchsuchungen durch. Seine Frau Selvi wurde wegen der ständigen Spannung krank. Selbst die engsten Freunde zögerten allmählich, ihn zu besuchen. Staatsergebene Günstlinge, von denen es im republikanischen Elazig zu wimmeln begann, schrieben einen Brief an den Ministerpräsidenten Ismet Pascha (Inönü), worin sie Nuri Dersimi als Feind der Türken und kurdischen Nationalisten denunzierten.

Die Atmosphäre im Osten der jungen Republik, die nach ihrer Konsolidisierung nationalistische Urstände feierte, war eisig für Leute wie Nuri Dersimi. Kurden und Kurdisch gab es offiziell nicht mehr, nur mehr Bergtürken und unzivilisiertes Bergtürkisch. Die Kurden hatten den kürzeren gezogen: Koçkiri (1921), Scheich Said (1925), Ararat (1930)… Dazwischen manche weniger bekannte Aufstände mehr. Nur der verzweifelte Abwehrkampf Seyit Rizas gegen einen hochgerüsteten Nationalstaat stand noch aus. Der junge Nationalstaat glaubte an sich und ans Recht des Stärkeren. Seine Ideologen taten die kurdische Opposition pauschal als religiös-reaktionär ab. Im Hinblick auf die “Befriedung” und “Zivilisierung” Dersims wurde 1937 ein Regierungsbezirk (valilik) Dersim mit dem völlig dezentralen, aber regierungstreuen Zentrum Elazig gegründet, welchem Abdullah Alpdogan, der Schwiegersohn von Nurettin Pascha, vorstand. Bezeichnenderweise war er zugleich Militärkommandant.
In seiner schwierigen Situation wandte sich Dersimi an die höchsten Behörden und begab sich selbst nach Ankara, um einen Ausweg zu finden. Er sprach beim Landwirtschaftsministerium vor und bat, daß man ihm im Austausch mit seinem Grundbesitz bei Elazig etwas Entsprechendes im Westen des Landes gebe oder ihm zu einer Arbeit in seinem Beruf verhelfe. Die Antwort war negativ. Die Binnenmigration in den Westteil des Landes, wo Hunderttausende von Kurden nach ihm ein bißchen mehr Freiheit und Wohlstand suchen würden, blieb ihm verwehrt.
Zurück in Elazig wurde er von Abdullah Alpdogan vorgeladen. Bei dieser Vorladung wurde ihm restlos klar, daß er nicht mehr im Land bleiben konnte.
Eine tiefe Unruhe ergriff ihn, wie Selvi später aussagte. Er sah voraus, wie aussichtslos der Kampf seines Freundes Seyit Riza werden würde; dennoch unterstützte er ihn in seiner Absicht, Widerstand bis zum bitteren Ende zu leisten, da von der Gegenseite nicht die geringste menschenwürdige Konzession zu erwarten sei. Riza seinerseits unterstüzte Dersimis Fluchtpläne. Dieser verpflichtete sich, alles in seiner Macht Stehende zu tun, die Weltöffentlichkeit über die Kurden und ganz besonders über die traurige Lage des inmitten der Türkei völlig abgeschirmten Dersim zu informieren.

Wenig später, anfangs September 1937, verabschiedete sich Nuri Dersimi von den Seinen auf dem Bahnhof von Elazig. Zwei, drei Täge später gelang es den Militärs, Seyit Riza zu verhaften. Am 18. November 1937 wurde der Fünfundsiebzigjährige in Erzincan erhängt.
Nuri Dersimis Schreiben vom 20. November ist der in Argumente gefaßte hilflose und doch aussagekräftige Ausdruck von Trauer und Empörung, gerichtet an die letzte Instanz, an die er als Dersimer noch glaubt, sich wenden zu können, den Völkerbund.

V
Nuri Dersimi, ein Verlierer und Versager? Er und seine Freunde haben die Phase des Interregnums zwischen Osmanischem Reich und türkischer Republik nicht nützen können, um eine kurdische Autonomie zu begründen. Der Moment war eigentlich außerordentlich günstig, Mustafa Kemal voll beschäftigt mit dem Kampf gegen die Griechen und die Franzosen. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker lag in der Luft…
In Tat und Wahrheit war es wohl ein Ding der Unmöglichkeit, die Kluft zwischen alevitischen und sunnitischen (kaliftreuen) Kurden zu groß, der nationalkurdische Kitt zwischen den Stämmen zu schwach, das Ideal im Kopf und die Realität der Stammesgesellschaft zu weit auseinander… Und von der grundlegend wichtigen Absprache mit den Armeniern, mit denen man sich im Dersim über Jahrhunderte - bis und mit 1915 - recht gut vertragen hatte, gab es keine Spur.

Nuri Dersimi und die Armenier… Am Ende des Kapitels, das von der armenischen Niederlage bei Erzurum (1918) und der mißglückten Einigung zwischen Dersimkurden und Armeniern handelt, heißt es: Wenn ich über diese Ereignisse schreibe, empfinde ich einen tiefen Schmerz und erkenne, wie notwendig es ist, die kurdischen und die armenischen Intellektuellen aufzuwecken28. Nuri Desimi hatte seit früher Kindheit ungetrübten Kontakt zu armenischen Nachbarn gepflegt; ein Großteil der Dörfer im Dersim war ja ethnisch gemischt. So bedauerte er zutiefst, daß sich der Weg der beiden Völker schroff getrennt hatte. In seinem ersten Buch, “Dersim innerhalb der Geschichte Kurdistans”, überwiegt Kritik nach beiden Richtungen sowie Trauer, während seine postum herausgegebenen Memoiren zum Teil aggressive Töne anschlagen und masslos übertreiben.29
Es ist interessant, in diesem Zusammenhang die armenische Seite zu hören, die in der entscheidenden Zeit vom Ende der Herrschaft Abdulhamits bis zu Mustafa Kemal, und ganz besonders in den Umbruchsjahren Ende des Weltkrieges völlig im nationalen Denken gefangen blieb. Dies mag verständlich sein anbetracht des Völkermordes; zudem entsprach es dem allgemeinen Zeitgeist im spät- und postosmanischen Raum. Politisch fruchtbar war es nicht. Rouben, ein sozialistischer Revolutionär, der in den Jahren vor der jungtürkischen Revolution als armenischer “Fedaï” (so die Selbstbezeichnung) einen Guerillakrieg gegen die osmanischen Behörden und kurdische Agas führte und zeitweise mit dem Dersim verbündet war, schrieb folgende selbstkritischen Worte:

Es war möglich, unter dem Postulat der Gleichheit und Gerechtigkeit,
das Volk gegen die kurdische Stammesautorität zu mobilisieren. Wir
haben diese Gelegenheit verpaßt, da wir psychologisch nicht bereit
waren, die nationale Schranke zu überschreiten und im
gesamtosmanischen Zusammenhang zu denken. Zwar kam uns von
Zeit zu Zeit der Gedanke, die armenische Selbstbezeichung unserer
Organisation aufzugeben, um daraus die “Revolutionäre Osmanische
Vereinigung” zu machen, aber der Gedanke verwirklichte sich nie.
Hier liegt unser Fehler.30

Nuri Dersimi war denn auch vor allem darüber erbittert, daß der armenische Kampf sich einen Deut um kurdische Rechte kümmerte und dafür erst noch westliche Unterstützung genoss. Es wurmte ihn auch, daß in den Darstellungen des Völkermordes - für den er Talaat und Enver Pascha als hauptverantwortlich betrachtete - die Kurden meist global beschuldigt wurden, obwohl gerade seine Heimatregion vielen Armeniern Unterschlupf geboten hatte. Es trieb ihn zur Verzweiflung, daß vom Leiden der Kurden während des Weltkrieges in der ausländischen Presse nie die Rede war und schon gar nicht davon gesprochen wurde, was armenische Partisanen Kurden angetan hatten.
Trotz allem sah Nuri Dersimi das Schicksal der beiden Völker eng verbunden und hörte nicht auf, sie als Brudervölker zu bezeichnen.

VII
Nuri Dersimi war ein intelligenter und sehr emotionaler Mensch. Seine Stärke scheint die Sympathie gewesen zu sein, die er bei anderen weckte, sei das bereits als Halbwaise in seiner frühen Kindheit oder in Schule und Studium, im alevitischen Cem und bei all den einflußreichen Persönlichkeiten, mit denen er zu tun hatte und die er für die kurdische Sache zu gewinnen suchte. Ganz besonders lag ihm dabei die Vermittlung und Versöhnung zwischen Stammesführern am Herzen; dabei hatte er Erfolge und steckte manche Niederlagen ein.
Baytar Nuris Bücher sind keine distanzierten analytischen Arbeiten. In keinem Moment verbirgt der Autor seinen Standpunkt. Er nimmt Partei und läßt immer wieder seine eigene Erfahrung und seine Emotionen zu Wort kommen. Seine Sprache ist warm, es ist nicht des harte, repetitive Vokabular einer Propagandaschrift. Als wäre er ein mündlicher Erzähler wiederholt er mehrfach manches, das ihm am Herzen liegt, indem er es etwas umformuliert oder ergänzt. Bisweilen übertreibt er, und seine Stimme überschlägt sich gleichsam, oder er gleitet ab in einen nationalistischen Diskurs mit entsprechender Mythologisierung. Meist erscheint der Autor jedoch als ein hartnäckiger (selten fanatischer) Eiferer und Idealist, der wichtige Wahrheiten zu sagen hat.
Die Tatsache, daß er seine beiden Bücher erst nach langen Jahren des Exils verfaßte (griff er auf frühere Notizen zurück?), hat ihre Auswirkungen. Immer wieder meldet sich zwischen den Zeilen oder auch explizit das Heimweh. Oder Bitterkeit stellt sich ein über seine unveränderliche Exilsituation und über die Lage der Kurden in der Türkei, wo es nach Seyit Riza für drei Jahrzehnte keinerlei kurdische Opposition mehr geben konnte. Auch scheint er im Exil seine alevitisch-kurdische Prägung - selbst vor der Asylbehörde hatte er sich als alevitischer Kurde ausgegeben - zugunsten einer kurdisch-nationalen Ideologie zurückzunehmen.
Diese ganze Tonlage und das Zusammenspiel verschiedener Diskursebenen macht den Reiz der Lektüre von Dersimis Schriften aus und mindert - mit der nötigen Vorsicht - deren Quellenwert nicht. Sie sind im Gegenteil von höchstem Wert für die Geschichte Dersims in der Umbruchzeit zwischen Osmanischem Reich und türkischem Nationalstaat. Gleichwertige Zeugnisse fehlen.

Nuri liebte die Menschen um sich herum und empfing viel Liebe, viel väterliche, geschwisterliche und freundschaftliche Liebe (von der Frauenliebe schreibt er nicht). Er  konnte sich von religiösen Stimmungen hinreißen lassen.31 Besonders fällt einem  europäischen Leser aber auf, wie viel er von seinen Tränen schreibt, so oft, wie man es sonst kaum in der Biographie eines Mannes antrifft. Hüngür hüngür aglamak - ungehemmt weinen und schluchzen. Tränen der Trauer, Wut, Scham, Empörung, des Heimwehs, Mitgefühls oder der Freude. Ohne Damm die Tränen des Exils: Wenn ich nicht weine, wer sollte dann weinen? Ich bin gekommen, um hier zu sterben, entwurzelt von meiner Heimat. Seine Berge, Weiden, Schafe und sein Schnee stehen mir vor Augen. Dieses Heimweh trifft mein Innerstes. Wenn ich nicht weine, wer sollte dann weinen? habe er zu einem Kurden, der ihn 1965 in Aleppo besuchte, gesagt.32

Über die Beziehung zu Selvi sowie zu seinen Adoptivkindern - er scheint keine eigenen Kinder gehabt zu haben33- teilt er wenig mit; nur andeutungsweise wird sein Schmerz deutlich, als er vom Tod seiner Tochter Fato im Dersim des Jahres 1938   schreibt: Dersim erlebte in den Monaten September bis November des Jahres 1938 seine schwierigsten und herzzerreißendsten Tage. Reihenweise warfen sich sich kurdische Mädchen und Frauen dem Tod in die Arme, indem sie sich in Abgründe stürzten oder sich erschossen, um den Türken nicht in die Hände zu fallen. (…) Unter denen, die sich in die Iksor-Schlucht warfen, war auch mein vierzehn Jahre altes Mädchen Fato.34
War Fato bei ihrem Tod vierzehn, wie oben gesagt, oder zwölf, wie Nuri in einem Brief an Feride schreibt? Numerische Inkohärenz, die nichts ändert an der Botschaft…
Dersimi verlor zur selben Zeit seine drei (Halb-)Brüder Hidir, Pertek und Ismail. Alle drei wurden festgenommen und erschossen, ohne daß sie, wie es scheint, mit dem Aufstand Seyit Rizas direkt zu tun gehabt hätten. Dersimis Sohn Ali war bereits während des Koçkiri-Aufstandes umgekommen.
Die alevitische Lebenseinstellung läßt den Tränen viel Raum, sie fließen immer dann, wenn man der Passion von Alis Familie bei Kerbela oder des Martyriums Pir Sultans gedenkt. Kerbela findet immer wieder statt.
Nur einmal scheint Mehmet Nuri Dersimi gar keine Tränen mehr gefunden zu haben: am Tiefpunkt seiner Existenz, als er sich von Selvi verabschiedete, um den Weg ins Exil anzutreten. Mit Hinweis auf das notwendige Opfer für die kurdische Sache versuchte er die aufgelöste junge Frau, die ihm entgegen aller Absicht auf den Bahnhof nachgelaufen war, zur Besinnung zu bringen. Kein befreiendes Weinen mehr - Angst vor der Zivilpolizei - beklemmende Ungewissheit.

 Zwischen ihm und ihr, beziehungsweise einem familiären Glück, scheint immer wieder sein politisches Engagement gestanden zu haben. Aus politischen Gründen hatte er sich mit Selvis Familie verkracht, sie aus Çamsigi weggeholt und in einem Dorf von Seyit Riza wohnen lassen, während er meist unterwegs war. Wochenlang hatte sie sich bei der Niederschlagung des Koçkiri-Aufstandes in einer Höhle verstecken müssen. Und als das Ehepaar in Holvenk endlich wirklich beieinander lebte, war Nuris Existenz in der “Osttürkei” unmöglich geworden. Nuri schrieb damals Selvis Vater einen Brief:

       Von jetzt an bin ich nicht mehr da. Faßt mich als jemanden auf, der nicht mehr existiert. Mein hiesiges Tun ist mißlungen. Nimm Deine Tochter und bring sie zu Dir nach Hause.35


 * Dieser Beitrag versucht einen hierzulande praktisch unbekannten kurdischen Autoren des 20. Jahrhunderts näher zu bringen und macht nicht mehr als einen ersten Schritt in Sachen Quellenforschung, Diskurs- und Themenanalyse.

2Aus einem Brief von Dersimi aus dem Jahre 1952 an die Zeitschrift Dicle Kaynagi in Istanbul(abgedruckt im Anhang der zweiten Auflage des Hatiratim, S. 268). 

Dieser Beitrag verwendet folgende Quellen zu Mehmet Nuri Dersimi:

• Dersimi, Mehmet Nuri, Kürdistan Tarihinde Dersim (Dersim in der Geschichte von Kurdistan),  Aleppo, 1952 (Neudruck 1988 und 1990)
• Dersimi, Mehmet Nuri, Hatiratim(Meine Memoiren), Stockholm (Roja Nû Yayinlari), 1986. 2. Auflage in modernisiertem Türkisch, mit wertvollen Fußnoten und Anhang, besorgt durch Mehmet Bayrak, Ankara (Öz-Ge), 1992
• Aday, Nesimi, “Nuri Bey gitmeseydi, onu da asarlardi”, Gündem, 25.6.1993 (Es handelt sich  um die Zusammenfassung eines Gespräches mit Nuris erster Frau Xatun Hanim, mit Vornamen Selvi, im Frühjahr 1993)
• Dikili, A., “Ben burada Kürtlerin içinde mezarimi yapayim…”, Berxwedan, 15.1.1993 (Es handelt sich um ein Interview mit Nuris zweiter Frau Feride)
• Çiyan, Hûmanê, “Li ser biranina Veteriner Dr. Nuri Dêrsimi. Xalo dibêje û ez dinivisim”, Ajadi, Nr. 5-6, Istanbul, Juni 1992.

3Spätere Begriffsprägung in Abgrenzung zum Genozid und terminologischer Nähe zu “ethnischer Säuberung”. Vgl. van Bruinessen, Martin, “Genocide in Kurdistan? The Suppression of the Dersim Rebellion in Turkey (1937-38) and the Chemical War against the Iraqi Kurds (1988)”, in: Andreopoulos, George, Genocide - Conceptual and Historical Dimension, S. 141-70, , Philadelphia (University of Pennsylvania Press), 1994.

452 Stammesführer werden am Ende des Briefes mit ihrem Stempelabdruck aufgeführt, der den Namen des jeweiligen Stammesführers in arabischen oder lateinischen Lettern enthält. Wurden Nuri Dersimi diese bemerkenswerten Stempel vor seiner Flucht überbracht?

5Vermutlich ist hier noch die Ortsbezeichnung Aktepe (Kirikhan) zu ergänzen, wo Nuri Dersimi im Haus Koco A as, eines alevitisch-kurdischen Stammesführers, Unterschlupf fand (Hatiratim, S. 192).

6Mehr Gehör (aber ohne konkrete Auswirkungen) hat Dersimi bei der Commission chargée de l’organisation et du contrôle des premiers élections dans le Sandjak, die anfangs April 1938 aus Genf nach Antakya reiste, gefunden. Ihr gehörten der Engländer Reid als Delegationschef, der Belgier Lagrange, der Holländer van der Mandere, der Norweger Reimers und die beiden schweizerischen Sekretären Anker und Secrétan (?) an. Reid schreibt im Schlußbericht vom 20.8.1938 (Völkerbundarchiv, Reg. Nr. 34651, S. 38): “Dès son arrivée dans le Sandjak, la Commission fut assaillie de demandes verbales ou écrites de représentants de communautés, de délégations et de personnes isolées sollicitant une  audience.” Dersimi gehörte zu den vielen, die vorstellig wurden. Mit Koco A a zusammen traf er sich mit ihr in deren Sitz, dem Hotel “Tourisme” in Antakya, um über Dersim zu informieren (Hatiratim, S. 195).

7Schreiben des Eastern Department, Foreign Office vom 5.10.1937, das Bezug nimmt auf einen Brief der Botschaft in Istanbul vom 23.9.1937, welchem ein vom 30.7.1937 datiertes und der britischen Botschaft in Istanbul zugestelltes französischsprachiges Schreiben im Namen Seyit Rizas beigelegt war. Kopie des Originals s. Kalman, M., Belge ve taniklariyla Dersim Direni?leri, Istanbul 1995, S. 311. Siehe auch Zeitschrift Nokta vom 28.6.1987.

8Brief an Feride, o.O., o.D. Anhang 1 der Hatiratim-Ausgabe von M.Bayrak, S. 263.

9Ein Dorf mit rund 150 Einwohnern, je hälftig Armenier und alevitische Kurden. Siehe Kévorkian& Paboudjian, Raymond& Paul, Les Arméniens dans l’Empire ottoman à la veille du génocide, Paris (Les Editions d’Art et d’Histoire ARHIS), 1992, S. 382.

10The Missionary Herald, S. 211, Boston, 1909.

11Wird “Dschem” ausgesprochen. Das sind alevitische Gottesdienste und Gemeinschaftsfeste unter Leitung eines Dede, der sich als Seyit auf seine Verwandtschaft mit Mohammed und Ali beruft. Die Cem werden mit Ansprachen, Gesang, Saz, Tanz und gemeinschaftlicher Mahlzeit begangen. Die Aleviten besuchen die Moscheen nicht und fühlen sich der Scheriat, dem islamischen Gesetzeskanon, nicht verpflichtet. Sowohl unter Türken als auch unter Kurden sind sie eine bis heute oft diskriminierte Minderheit; die Mehrheit ist sunnitisch. Ausführlicheres zum kurdischen Alevismus in Kieser, H.L., “L’alévisme kurde”, in Les Kurdes et les Etats, hg. von H. Bozarslan (=Doppelnummer von Peuples Méditerranéens/ Mediterranean Peoples, n° 68-69), S. 57-76, Paris, 1994.

12D.h. in einer Politik, die davon ausging, eine Zukunft sei nur auf türkisch-nationaler Grundlage möglich und entsprechend in Schule, Behörden und Armee das türkische Element hervorstrich. Gleichzeitig -in unlöslicher Spannung - schrieb die Regierung den Panislamismus auf ihr Banner, um den Besitz der nichttürkischen (v.a. arabischen) Teile des Reiches zu rechtfertigen.
                                                    - 21 -
13Dieses und die folgenden Zitate aus Hatiratim, S. 73ff.

14Verträge, welche die Ausländer in der Türkei teilweise der osmanischen Gerichtsbarkeit und Steuerhoheit entzogen und dem für sie verantwortlichen Botschafter oder Konsul unterstellten.

15Drei Viertel der ausländischen Interessen im osmanischen Reich wurden von Entente-Staaten, darunter prominent Frankreich, kontrolliert. Ein Großteil der osmanischen Erträge diente somit direkt der Schuldentilgung.

16 D.h. dem sicheren Tod ins Auge schauten.

17Dieses Lied ist im Gegensatz zum übrigen osmanisch geschriebenen Text in Kurmanci-Kurdisch notiert.

18Hamidiye (alaylari): vom Sultan Abdulhamid begründete (sunnitisch-)kurdische Kavallerieregimente ausserhalb der regulären Armee.

19Damit meint Dersimi ein längerer Kapitel in seinen Memoiren (Hatiratim), das den Titel “Das Thema Armenier” (Ermeni meselesi) trägt.

20Zu den kurdischen Deportationen vgl. meinen Beitrag über die Missionen in diesem Buch. Zur Demographie vgl. die allgemeinen Angaben des World Missionary Atlas: “In the territory under Turkish control the population has decreased since 1914 from about 15,000,000 to approximately 9,000,000. This decrease is due to death or deportation of one and three-quarter millions of Armenians, two and a quarter million Greeks, and to the deaths during the War of about two million Turks, Kurds and other Moslems” (Institute of Social and Religious Research, New York, 1925, S. 189). Justin McCarthy gibt einen Bevölkerungsverlust von gut einer Million in den sechs östlichen Provinzen (Erzurum, Van, Bitlis, Mamüretülaziz= Elazi , Diyarbakir und Sivas) zwischen 1912 und 1922 an (nach der Tabelle in Olson, Robert, The Emergence of Kurdish Nationalism 1880-1925, University of Texas Press, 1991, S. 20). -

21Die Mehrheit der Kurden in Türkisch-Kurdistan spricht kurmanci, nicht alle zaza-sprachigen Kurden sind auch Aleviten.

22U.a. Apak, Rahmi, Türk ‹stiklal Harbi - ‹ç Ayaklanmalar (1919-1921), Bd. 6, Ankara 1964, S. 153.

23Einzige Veröffentlichung in europäischer Sprache darüber: Kieser, H.L., “Les Kurdes alévis face au nationalisme turc. L’alévité du Dersim et son rôle dans le premier soulèvement kurde contre Mustafa Kemal (Koçkiri 1919-1921)”, MERA (Middle East Research Associates) Occasional Papers, No. 18, Amsterdam, Juli 1993.

24Aus dem erwähnten Werk von Apak, S. 156f. und 162.

25Nachzulesen in deren Protokollen: Türkiye Büyük Millet Meclisi Gizli Celse Sabitlari, Ankara 1980, S. 252-280 und 513-519.

26Tercüman gazetesi, 10.9.1986 (Kurtul Altu : “Celâl Bayar Anlatiyor; Kritik Olaylarin Arkasi bölümü”). Zitiert nach Mehmet Bayraks Anmerkung in Pa?a Kadri Cemil (= Zinar Silopî), Doza Kurdistan, Ankara 1991 (1969), S. 243.

27 Vgl. den eingangs erwähnten Artikel in Gündem vom 25.6.93.

28Kürdistan Tarihinde Dersim, S. 119

29Vgl. Hamit Bozarslans Beitrag zu den kurdisch-armenischen Beziehungen in diesem Band. 

30Rouben, Mémoires d’un partisan arménien - fragments, traduit de l’arménien par Waïk Ter-Minassian, Paris (Editions de l’Aube), 1990, S. 239.

31Kürdistan Tarihinde Dersim, S. 97

32Çiyan, Hûmanê, “Li ser biranina Veteriner Dr. Nuri Dêrsimi. Xalo dibêje û ez dinivisim”, Ajadi, Nr. 5, Istanbul, Juni 1992.

33Nach der mündlichen Aussage von Selvi, Özgür Gündem, 25.6.1993.

34Kürdistan Tarihinde Dersim, S. 319.

35Nach der mündlichen Aussage von Selvi, Özgür Gündem, 25.6.1993. Selvi taucht nach der Abschiedszene auf dem Bahnhof in Dersimis Schriften nie mehr auf, außer daß er ihr wenige  Wochen nach seiner Flucht noch einen Brief überbringen ließ (Hatiratim, S. 192).
Hans-Lukas Kieser
Veröffentlicht in H.-L. Kieser (Hg.), Kurdistan und Europa. Beiträge zur kurdischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts / Regards sur l'histoire kurde (19-20e siècles), Zürich 1997, S. 187-216.

Publiziert am: Mittwoch, 11. Juli 2007 (7030 mal gelesen)
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