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Die kurdische Lebensweise

Brennpunkt: Die Kurden

Etwa 80 Prozent der Kurden gehören der so genannten „Shafi’tischen“ Richtung des sunnitischen Islams an. Als Anhänger der Shafi’i- Tradition- einer der vier Rechtsschulen im Islam- unterscheiden sich die Kurden in der Mehrheit von ihren muslimischen Nachbarn: Zwar sind auch die Türken in der Türkei und die Araber, die an der Grenze Kurdistans im Norden Syriens und Iraks leben, Sunniten. Sie folgen jedoch der hanafitischen Rechtsschule, die die islamischen Moralgesetze großzügiger auslegt.
Die Nachbarvölker im Iran, sprich die Azeri- Türken, die Luren und die Perser, sind Schiiten. Allerdings bekennen sich auch zahlreiche Kurden am südlichsten und südöstlichen Rand, das heißt im iranischen Teil Kurdistans, zum Schiismus. Sie haben sich meist auch aus den Kämpfen ihrer sunnitischen Landsleute herausgehalten. Außer den orthodoxen Muslimen sunnitischer oder schiitischer Sekten, deren Lehren Elemente verschiedener Religionen, z.B. der islamischen und der jüdischen, vermischen. Zu diesen Sekten gehören im Nordwesten Kurdistans die Gruppe der Alevi, im Süden und hrgSüdosten die Gruppe Ahl-i Haqq („Volk der Wahrheit“), sowie südwestlich und östlich der irakischen Stadt Mosul die berühmten Yezidi.

Die Anhänger der Yezidi- Religion, die es nur bei den Kurden gibt, werden fälschlicherweise häufig als Teufelsanbeter bezeichnet. Da sie noch offenkundiger als die anderen Sekten nicht islamisch sind, wurden sie von ihren islamischen Nachbarn- einschließlich ihrer kurdischen Brüder- grausam verfolgt. Zahlreiche Yezidi- Kurden flohen deshalb in den dreißiger und vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auf russisches Territorium in den Kaukasus. In Kurdistan selbst gibt es nur noch wenige Yezidi- Gemeinden. Auch christliche und jüdische Gemeinden gab es früher in Kurdistan- vor allem Bauern und Handwerker, die jedoch innerhalb der kurdischen Stammsstrukturen meist einen minderwertigen Rang einnahmen. Die Christen wurden häufig Opfer blutiger Massaker, so dass heute nur noch wenige Christen in dieser Region geblieben sind.

Die Scheichs sind die religiösen Operhäupter der Kurden. Manchmal werden sie heute noch als wundertätige Heilige verehrt. In der Regel aber gilt der Begriff Scheich für ihre Rolle als Führer und Lehrer mystischer Bruderschaften. Davon gibt es in Kurdistan nur zwei: die Derwisch Orden „Qadiri“ und „Naqshbandi“. Derwisch heißt auf persisch Bettler und auf arabisch Fakir. Ihre Ordenslehren beruhen auf der islamischen Mystik. Durch geistige Versenkung und mystische Selbstentäußerung soll die Kluft zwischen Mensch und Gott verringert werden. Bekannt sind die Derwisch Orden vor allem aufgrund ihrer rituellen Zusammenkünfte, die häufig mit Musik und Tanz abgehalten werden, wobei sich die Anwesenden in Ekstase oft selbst Wunden zufügen, ohne sich dabei aber ernsthaft zu verletzen. Der Zweck dieser „Selbstverstümmelung“ liegt einmal darin, Beweise für die übernatürlichen Kräfte der Ordensmitglieder zu liefern, und dafür, dass der Islam die einzig wahre Religion ist. Zum anderen haben die spektakulären Vorführungen den praktischen Sinn, neue Anhänger zu gewinnen.

Zahlreiche Scheichs vereinigten in der Vergangenheit die Frömmigkeit mit handfesten wirtschaftlichen und politischen Interessen. In der kurdischen Gesellschaft galt es lange als besonders verdienstvoll, für einen Scheich zu arbeiten und nicht selten nutzen die Scheichs dieses Brauchtum aus. Die meisten Scheichs gehörten der Grundbesitzerelite an und unterhielten gute Beziehungen zum örtlichen Staatsapparat. Die wirtschaftliche Macht verstärkte wiederum ihren politischen Einfluss. Darüber hinaus waren die Scheichs durch die Derwisch Orden in der Lage, mit den ihnen ergebenen Derwischen in ganz Kurdistan Kontakt aufzunehmen und so große Bevölkerungsteile, weit über Stammesgrenzen hinweg, zu mobilisieren. Auch ihre Rolle als Vermittler bei Stammeskonflikten war beträchtlich.
Teils aufgrund repressiver Maßnahmen gegen die Ordenstätigkeit seitens der Regierungen, insbesondere in der Türkei, aber auch aufgrund sozio- ökonomischer Veränderungen, wie verbesserter Infrastrukturen, verbesserter Kommunikationswege und besserer Ausbildungsmöglichkeiten, ging der religiöse Einfluss der Orden auch in Kurdistan zurück. Die Scheichs büßten in den letzten 50 Jahren in ganz Kurdistan erheblich an Macht und Einfluss ein. Überall dort, wo die Stammsstrukturen aufgelöst sind (Türkei) sowie dort, wo entweder die Regierung oder auch eine kurdische Rebellenorganisation (Irak) ausreichend Autorität besitzen, um Konflikte zu lösen, ist der Machtverlust der Scheichs am deutlichsten spürbar, da ihre klassische Vermittlerrolle entfällt. Dort, wo das nicht der Fall ist, vor allem in Iranisch- Kurdistan, ist ihr Einfluss nach wie vor groß.

Die ökonomische Basis der Kurden ist die Landwirtschaft. Allerdings sind die Kurden nicht, wie viele denken, Nomaden, sondern in ihrer Mehrheit sesshafte Bauern. Viele von ihnen halten sich Vieh, vor allem Schafe und Ziegen. Hauptanbauprodukte sind Weizen, Gerste und Linsen. Während in den fruchtbaren Ebenen im Süden Kurdistans Getreide im Überschuss produziert wird- dieses Gebiet gilt als Kornspeicher des Iraks und Syriens-, wird in den Bergen kaum über den Eigenbedarf hinaus produziert. Dafür sind die Bergbauern meist auch Besitzer des Landes, das sie bebauen, während die Bauern des Flachlandes ihre Äcker nur gepachtet haben oder ihren Lebensunterhalt als saisonale Lohnarbeiter für die Grundherren oder den Staat verdienen. Die ungünstigen Besitzerverhältnisse- auch in den Bergen ist das Land wegen des islamischen Erbrechts meist in winzige Parzellen zersplittert- bewirken, dass viele Bauern aus Kurdistan in die industriellen Zentren abwandern. Zudem wurden die kurdischen Regionen von den Zentralregierungen meist ökonomisch vernachlässigt. Die Aussichten, die Unterentwicklung in den Bergregionen in nächster Zeit zu überwinden, sind gering. Zwar befindet sich in der kurdischen Provinz Kirkuk der größte Teil der irakischen Erdölreserven, doch die irakische Regierung weigert sich bislang, die Kurden an diesem Reichtum teilhaben zu lassen.

Auch wenn die Kurden selbst nicht müde werden, die kurdische Einheit, ihren gemeinsamen nationalen Befreiungswillen, ihre Solidarität und ihre vereinte Stärke zu rühmen, hat es eine geschlossene Bewegung nie gegeben. Die Geschichte der Kurden ist bist in die jüngste Zeit geprägt von Stammesrivalitäten und blutigen innerkurdischen Konflikten, die meist ein gemeinsames Handeln verhinderten. Immer wieder verbündeten sich kurdische Stämme mit den Persern, den Arabern oder den Türken gegen die eigenen Brüder. Sie schreckten nicht zurück mit dem Feind zu kooperieren, um einen konkurrierenden Stamm von der Macht fernzuhalten. Bis heute beruht die Anhängerschaft kurdischer Parteien nicht allein auf programmatischen oder ideologischen Vorlieben, sondern ist durch Stammesbindungen mitgeprägt.

Überall in der arabisch- islamischen Welt suchten Zentralregierungen durch materielle Vergünstigungen, durch bessere Ausbildung, aber auch durch Zwangsumsiedlungen solche Stammesbindungen zu brechen, da die Stammesmitglieder nicht einer Regierung, sondern nur ihren lokalen Führern gegenüber loyal und damit für die Regierenden gefährlich waren. Andererseits waren solche Stammesrivalitäten immer auch Mittel, die Kurden für die eigenen Ziele zu „instrumentalisieren“ und sie gegeneinander aufzuhetzen. Heute hat die so genannte „De- Tribalisierungs- Politik“ der Staatsregierungen, die bewusst auf die Zerstörung der Stammesstrukturen zielt, vielerorts Erfolg gezeigt: Im Irak und insbesondere in der Türkei lösen sich die Stammesstrukturen zunehmend auf. Im ländlichen Kurdistan sind sie jedoch immer noch mehr oder minder prägend. Hinzugefügt werden muss, dass die kurdische Gesellschaft zwar traditionelle eine ausgeprägte Stammesgesellschaft ist, aber nicht alle Kurden in der Vergangenheit Mitglieder eines Stammes waren. Ihre Bedeutung war allerdings sehr gering da sie meist wirtschaftlich benachteiligt wurden.

Der kurdische Stamm ist, nach der Definition von Martin van Bruinissen, „eine sozi-politische und im allgemeinen auch territoriale( und daher ökonomische) Einheit, die auf wirklicher oder vermeintlicher Abstammung und Verwandtschaft basiert und eine charakteristische innere Struktur aufweist“. Ziel der Bildung eines Stammes oder auc einer Stammesföderation, bei der sich mehrere Stämme zusammenschließen, ist also die Organisation und die Sicherung der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Interessen seiner Mitglieder. Üblicherweise gliedert sich ein kurdischer Stamm in mehrer Unterstämme, die wiederum in kleinere Einheiten, beispielsweise in Clans unterteil sind. Neben den „patri- linearen“ Verwandtschaftsbeziehungen gibt es aber auch hierarchisch geordnete Zusammenschlüsse, die einen rein politischen oder religiösen Hintergrund haben und trotzdem den Stämmen ähnliche Strukturen und Regelmechanismen kennen. Die kurdische Bezeichnung „ashire“ steht für den Stamm bzw. die Stammeskonföderation. Unterstämme, die auf dem Verwandtschaftsprinzip aufbauen, heißen auf kurdisch „taife“ oder „tire“ und die kleinsten Familieneinheiten werden „khel“ genannt. In Kurdistan ist das „Vater- Bruder- Tochter- Heiraten“ immer noch weit verbreitet: Der junge Mann muss sehr viel weniger bezahlen, wenn er seine Cousine väterlicherseits zur Ehefrau nimmt, als wenn er eine Fremde heiraten würde. Dem Mädchen bleiben kaum noch Chancen ihren Vetter abzuweisen, hat er sich einmal für sie entschieden.

Der Führer eines Stammes, aber auch die Führer der Unterstämme werden Agha genannt. Sie sind heute meist Vorsteher ihres Dorfes. Die Frage, wer oberster Führer wird, regeln die verschiedenen Stämme unterschiedlich. Gewöhnlich vererbt sich die Führerschaft eines Stammes innerhalb der gleichen Familie. Es gibt aber auch Beispiele, wo die Führung von einer Familie auf andere, inzwischen mächtigere, gewechselt hat. Manche Stämme pflegen eine feste Nachfolgerschaft vom Vater auf den ältesten Sohn. Andere lassen die Stammesältesten (die „rî spî“, wörtlich Weißbärte) entscheiden: Stärke, Mut, Gerechtigkeit, Großzügigkeit, diplomatisches Geschick und gute Verbindungen zu Politik und Verwaltung sollen dann den neuen Agha auszeichnen. In der Praxis ist die Bestimmung des Aghas jedoch oft ein unverhüllter Machtkampf zwischen den verschiedenen Dynastien und einzelnen Stammesmitgliedern, verbunden mit Manipulation, ökonomischem Druck bis hin zur Gewalt.
Die feudale Struktur der kurdischen Gesellschaft zeigt sich insbesondere in der ökonomischen Tradition: Die Dorfbewohner mussten ihrem Agha Abgaben entrichten- in Form von zum Teil beträchtlichen Anteilen ihrer Getreideernten und Viehherden, in Einzelf#llen von bis zu 80 Prozent der Erträge. Meist waren die Aghas Großgrundbesitzer und viele schreckten nicht davor zurück, die Bauern hemmungslos auszubeuten. Und auch heute noch ist der Einfluss der Aghas groß. Traditionelle wird jeder Stamm mit einem bestimmten Territorium assoziiert und umgekehrt. Oftmals tragen die Regionen und die Ortschaften die dort liegen, den gleichen Namen wie der Stamm, der dort ansässig ist.

Zwar ist zumindest Ackerland inzwischen nicht mehr Stammes-, sondern laut Gesetz voll und ganz Privat- oder Staatseigentum, doch in der Praxis kann so ein Acker keineswegs nach Belieben verkauft werden: er muss möglichst an einen Stammesangehörigen oder besser noch an jemanden aus dem gleichen Dorf verkauft werden. Andernfalls ist Unfrieden vorprogrammiert. Weideflächen rings um ein Dorf gelten immer noch als Gemeineigentum. Einige Stammesregeln sind also auch heute noch bestimmend.
Konflikte bis hin zur Blutfehde gehörten lange zum Alltag der Kurden. Führungsstreitigkeiten, politische Differenzen, Verletzungen des Weiderechts, Diebstahl und ähnliches konnten die Ursache solcher Konflikte sein. Nicht nur staatliche Repressionen und Großmachtpolitik sind also die Gründe dafür, dass stammesübergreifende bzw. übergeordnete politische Organisationen bislang nicht von Dauer waren. Zwar gab es in der Vergangenheit eine ganze Reihe kurdischer Fürstentümer, die Emirate, an deren Spitze ein „mîr“ oder ein „bey“ stand, der in seiner Rangfolge über den lokalen Stammesführern angesiedelt war. Die Emirate zerbrachen jedoch entweder in der Konfrontation mit anderen (kurdischen) Emiraten oder aber mit der Zentralregierung. Es wäre deshalb falsch, den Kurden von alters her ein starkes nationales Zusammengehörigkeitsgefühl zu unterstellen. Die Kurden fühlten sich zuerst als Mitglieder eines Stammes und erst dann als Teil einer kurdischen Nation. Ihre Loyalität galt zuerst ihrem Stammesführer und erst dann einer übergeordneten politischen Partei oder Bewegung. Erst seit dem 20. Jahrhundert- parallel zur Auflösung der Stammesstrukturen, der Modernisierung und der Verstädterung- kann man von einem Erwachen des kurdischen Nationalbewusstseins und – mit Einschränkungen- von einer kurdischen Nation sprechen.


Michaela Wimmer, Joachim Spiering, Bernhard Michalowski: Brennpunkt: Die Kurden

Publiziert am: Sonntag, 05. März 2006 (13899 mal gelesen)
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