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Die große Sehnsucht der Sowjet-Kurden (Teil 1)

Rotes Kurdistan

Mit der Oktoberrevolution kam für die Völker in Russland, Kaukasien und den Mittleren Osten die Hoffnung auf Freiheit auf. Diese Gebiete, die große Flächen auf der Weltkarte einnehmen, werden von Menschen verschiedenster Völker besiedelt. Mit der Revolution vom 17.Oktober ist den ansässigen Völkern das Recht auf eine (Sowjet-) Republik, und den fremden Völkern, also denjenigen, die im nach hinein eingewanderten, das Recht auf Selbstverwaltung und nationale- kulturelle Autonomie anerkannt worden. Das beste Beispiel für das Mosaik verschiedenster Völker in diesem Teil der Welt bietet Kasachstan mit der Anzahl von 102 verschiedenen ansässigen Völkern.
Einer dieser Völker sind die Kurden. Die Einwanderung der Kurden in den Kaukasus wird  mit 3 Schüben beschrieben. Der Zeitpunkt der ersten Einwanderungswelle fällt in die Ära des  zaristischen Russlands, und hierzu werden auch stets die mit den Osmanisch- Russischen Kriege verbundenen Völkerwanderungen hinzugezählt. 

Auch wenn hierfür keine schriftlich-historischen Dokumentationen vorliegen, so wurde dies jedoch von Zeitzeugen in diesem Sinne so beschrieben. Die zweite Einwanderungswelle wird zeitlich mit der Ära unmittelbar nach der Oktoberrevolution mit der Festsetzung der Grenzlinien und der somit innerhalb der Sowjetunion verbleibenden Völker, ihrer Anerkennung dieses Realität, und ihrem alternativlosem Beschluss der Anerkennung der neuen Staatsbürgerschaft, beschrieben. Als signifikantes, zeitlich überschneidendes Ereignis mit der dritten Einwanderungswelle wird der Agirî (Ararat)- Aufstand in Nordkurdistan genannt. 

Ararat-Aufstand, Anführer ÎIhsan Nurî Pasha mit Gefolgsleuten (1929)Bild: Ararat-Aufstand, Anführer ÎIhsan Nurî Pasha mit Gefolgsleuten (1929)

Die - mit den Einwanderungswellen aus der Zarenzeit, der ihm folgenden Sowjetunion und der mit der nachrevolutionären Ära - eingewanderten Kurden forderten somit auch ihren „Anteil“ am  Ganzen.

„Ihrem Anteil“ kamen die Kurden in der Sowjetunion, welche auch mit der Oktoberrevolutions- Devise von der „Freiheit der Völker“ gegründet wurde, in dem heutigen zu Azerbaycan zugehörigen Gebiet rund um die Stadt Lacîn. Das autonome Gebiet des „Roten Kurdistan“ (Kurdistana Sor) wurde im Jahr 1923 gebildet. Jedoch währte das Rote Kurdistan nicht sehr lang; aus Gründen, die bis heute noch nicht bis ins letzte Detail offengelegt sind. Rot-Kurdistan wurde im Jahr 1929 wieder aufgelöst.

40 Mio. Rubel Budget für Rotes Kurdistan durch Lenin

Als Hauptursache für den Zusammenfall Rot- Kurdistans, welches als gemeinsame Heimstatt für die aus ganz Kaukasien zusammengeführten Kurden gedacht war, benennen einiger der befragten kurdischen Zeitzeugen die umfangreichen Interventionen von Nariman Bagirov (damaliger Generalsekretärs der Kommunistischen Partei Azerbaycans) in Moskau.

Die häufigste anzutreffende Aussage jedoch, sieht in die Interessenverstrickung zwischen Armenien, Azerbaycan und Stalin, dem damaligen Führer der Sowjetunion als Grund für den Zerfall. Diese Meinung beinhaltet auch die Geschichte, die auch mit entsprechenden Schriften Lenins untermauert wird, dass Lenin selbst vor der Gründung Rot- Kurdistans die Reservierung eines Gründungsbudget in Höhe von 40 Mio. Rubel für die Entwicklung der technisch- industriellen Infrastruktur und den Bildungseinrichtungen Rot- Kurdistan angeordnet haben soll. Nach dem Tod Lenins, soll Stalin dieses Budget jedoch in die Kassen Armeniens gelenkt haben. Nach diesen Ereignissen soll Rot- Kurdistan auch wegen der damals schon vorherrschenden territorialen Streitigkeiten zwischen Armenien und Azerbaycan geopfert worden sein.

Nach dem Zusammenbruch von Rot- Kurdistan wurde der Widerstand Seitens der Sowjet-Kurden nicht aufgegeben. Acht Jahre nach dem Zerfall Rot- Kurdistans wurde in Armeniens Hauptstadt Yeriwan 1937 erstmalig die Zeitung „Riya Teze“ herausgegeben.

Bild: Riya Teze,, gegründet 1937, seit dem Jahr 2000 in Lateinischen Buchstaben

Der Zweite Weltkrieg hinterließ auch in diesen Jahren unüberhörbar seine Wirkung auf diese Gebiete. Die damalige Sowjetführung brachte unverhohlen sein Misstrauen gegenüber dem befürchteten „Verrat“ durch die Minderheiten im Grenzgebiet zur Türkei und dem Iran zum Ausdruck. Josef Stalin, der Generalsekretär der Kommunistischen Partei und Führer der Sowjetunion ließ durch seinen damaligen Innenminister Lawrenti Beria alle Völker in eine Zone 200km entfernt von den Grenzen deportieren.

Die aus dem Kaukasus deportierten Kurden setzten nun ihren Widerstand im Exil des Mittleren Ostens fort. Erst nach dem Tod Stalins konnten die Kurden wieder aus dem Exil in den Kaukasus zurückkehren. Diesmal nach der Herausgabe der Zeitung „Riya Teze“ aus dem Jahr 1937, wurde im Jahr 1957 in Yeriwan die Gründung eines Radios mit kurdischsprachigen Sendungen realisiert, sowie die Gründung eines zwei Jahre währenden Kurdischen Sprachinstitutes verwirklicht.

Zeitzeugen berichten

Während die nach Armenien zurückgekehrten Kurden sich auf institutioneller Ebene etablierten, strebten die im Mittleren Osten verbliebenen Kurden mit großem Eifer weiterhin an der Revitalisierung Rot-Kurdistans. Neben Mehmet Babayev, dem Führer dieser Bewegung, der heute noch in Baku lebt, wurde 1961 eine 9-köpfige Delegation, bestehend aus Timur Ali, Hüseyine Nebo, Mehmet Emin Aziz, Hüseyin Sadikov, Çerkezê Beko, nach Moskau entsandt. Die Delegation äusserte ihre Anliegen den Sekretären von Nikita Chruschtschow, dem damaligen Generalsekretär der KP. 

Obwohl dem Treffen Seitens des persönlichen Sekretärs von Chruschtschow eingewillt wurde, wurde die Delegation von den Chruschtschow- Beratern (Vader und Shumonsky?) empfangen und das Fehlen des Generalsekretärs entschuldigt. Daraufhin wurde von der kurdischen Delegation eine vorbereitete schriftliche Zusammenfassung ihrer Forderungen mit der Bitte um Weiterleitung abgegeben, und den Anwesenden auch nochmal mündlich dargelegt.

Prof. Hüseyin Sadikov, einer der Mitglieder der damaligen kurdischen Delegation beschrieb die Begegnung wie folgt: “Wir berichteten dem Sekretär, über unserer Exil, über die uns eigene Sprache, Kultur, Geschichte und Identität, die uns als Volk ausmachte, über die Umstände, die uns zu schaffen machten. Daß 1923 in unserem Namen Rot- Kurdistan gegründet wurde und wir zu unserem Schutz, gegen die weitere Entzweiung und Assimilierung unseres Volkes und zur Aufrechterhaltung unserer Kultur wir die Wiederbelebung eines Rot- Kurdistan wollten.” Sadikov fügte hinzu, daß nie eine Antwort aus Moskau auf diese Forderung kam.

“Wir fuhren hin und kamen mit leeren Händen wieder zurück”

Mehmet Emin Aziz, ein weiteres Mitglied der Delegation bringt die Moskau-Reise mit folgendem Satz auf den Punkt: “Wir fuhren hin und kamen mit leeren Händen wieder zurück”.

Emin Aziz, der Heute immer noch in der kasachischen Stadt Almati lebt, beschreibt diese Tage mit Tränen in den Augen: “Wir erklärten ihnen unsere Forderungen. Sie hörten uns gut zu, sagte aber zum Schluß nur: “Wir werden euch kulturelle Autonomie geben. Ihr könnt also in Kirgizistan ein, in Kasachistan drei, in Azerbaycan und Turkmenistan jeweils ein Kulturzentrum eröffnen.”, daraufhin erwiderte Babayev, daß wir deren Existenz bereits kannten, und mit dieser Sorte von Kulturzentren schon zu genügen Bekanntschaft geschloßen hätten, wir aber diese nicht, sondern Gebiete bräuchten, auf dem wir gemeinsam mit unserem Volk zusammenleben könnten. Als Chruschtschows Sekretär nach diesen Worten Babayevs sah, daß wir sehr entschlossen waren mit unseren Forderungen, erwiderte er, daß er sie Chruschtschow persönlich erst übermitteln müsse, daß solche ernsten Forderungen gut überlegt sein sollten, da diese Gebiete nun Azerbaycan zugeschlagen worden seien und man nun deswegen auf Azerbaycan keinen Druck ausüben wolle, aber daß man die Forderungen der KP von Azerbaycan und dem Parlament übermitteln werde. Mit diesen Worten beendete er das Treffen.”

Mit einem aus Ironie und Schmerz gemischten Lächeln fügte Aziz noch an: “Ja, wir sehen, daß diese Leute, die uns vor 41 Jahren sagten, daß darüber gut nachgedacht werden sollte, Heute noch darüber am nachdenken sind” und daß diese Entscheidung aus Moskau weder er selbst, noch seine Kinder, noch die weiteren Generationen zu erwarten hätten.

1961 traf aber tatsächlich eine Nachricht aus Moskau ein. Wie schon damals mündlich der Delegation mitgeteilt, wurde die Position schriftlich wiederholt. Diejenigen die damals den Kampf für Rot-Kurdistan führten, mußten einsehen daß ihr Kampf aussichtslos war und entschloßen sich daraufhin eine Weile keine weiteren Forderungen zu stellen. Die Hoffnung auf die Erfülung ihrer Forderungen durch die Öffnungen Chruschtschows wurden durch die Kurden die nach Moskau gereist waren, und mit leeren Händen zurückkehrten, darauf beschränkt auf neue Gelegenheiten zu warten und ihre Beziehungen im Abseits zu führen.

In den Ären nach Chruschtschow, mit den neuen Generalsekretären wie Breschnew oder Andropow wurde Seitens des Komitees die Konditionen als nicht viel Besser bewertet. Diese lange Periode des Wartens dauerte bis zur Gorbatschow-Ära an.

Als Gorbatschow in das Amt des Generalsekretärs trat und seine Reformschritte einleitete, mit denen auch wieder die territorialen Auseinandersetzungen Armeniens und Azerbaycan wegen Berg-Karabach anfingen, wurde das Errichtungskomitee für Rot-kurdistan wieder aktiv.
Übersetzung ins Deutsche von Sekevir / www.kurdmania.org)
Originalartikel : http://www.lekolin.org/

Publiziert am: Mittwoch, 28. Dezember 2011 (7376 mal gelesen)
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