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Die Revolte von 1880: Scheich Obeidullah Nehri

Erhebungen im osmanischen Reich

Die letzte bedeutende kurdische Revolte des letzten Jahrhunderts brach 1880 unter der Führung von Scheich Obeidullah aus und erfasste zugleich die osmanischen Kurden und die des Iran. Obeidullah war der Sohn Scheich Taha, den Khalfin1 als „den größten geistigen Führer der Kurden“ bezeichnet. Beim Tod seines Vaters erbte Obeidullah sein Vermögen und seinen religiösen Einfluss, der von der mächtigen Naqshbendi-Bruderschaft aufrecht erhalten und weiterverbreitet wurde, und er wurde nun seinerseits der „geistige Führer Kurdistans“. Im Dezember 1872 hatte die persische Regierung Kurden von Urmie und von Khoy aufgefordert, ihr Steuern zu zahlen. Die Kurden lehnten das glatt ab und erklärten, dass sie diese schon an den Scheich abführten, dessen Vater dieses Privileg 1836 des Qadjaren Schahs erhalten hatte.
Vor der Weigerung des Volkes ließen die persischen Autoritäten Truppen aufmarschieren. Der in seiner Autorität angegriffene Scheich wandte sich an die Pforte und bat sie, im Iran zu intervenieren, um eine Wiedergutmachung zu erlangen. Die osmanische Regierung beauftragte den Vali von Erzurum damit, die Sache des Scheich in Teheran vorzubringen. Diese Demarchen2 blieben vergeblich; der Schah wies die Ansprüche von Obeidullah zurück. Dieser Zwischenfall zeigte dem Scheich die Zerbrechlichkeit seiner Macht. Auf die osmanische Unterstützung in seinem Kampf gegen die Perser rechnend, beteiligte sich der Scheich mit einer bescheidenen Steitmacht am russisch-türkischen Krieg von 1877-1878, der auf dem Gebiet des nördlichen Kurdistans stattfand. Dieser Krieg verursachte viele Tote und Zerstörungen im Land der Kurden und brachte die zweifellos größte Hungersnot hervor, die das kurdische Volk seit mehreren Jahrhunderten erlebt hatte. Die osmanischen Soldaten und Beamten, welche die Pforte nicht mehr bezahlen konnte, terrorisierten die Bevölkerung, um ihr Lebensmittel abzupressen. In Dersim, Mardin, Hakkari, Bahdinan usw. brachen Revolten aus. In diesem Augenblick höchster Not richteten sich die Blicke der Anhänger auf den Scheich, in dem sie nicht nur einen geistigen Führer, sondern auch einen Befreier sahen. Der Scheich entsandte einen Botschafter nach Istanbul, um das Ende der Verfolgung des Volkes und Entschädigung für die begangenen Erpressungen zu fordern, zugleich bereitete er sich auf die Machtprobe vor, indem er zu beiden Seiten der Grenze Truppen rekrutierte. Der Scheich knüpfte Kontakte mit dem Sherif von Mekka und dem Khediven3 von Ägypten, um ihre Unterstützung zu erreichen und schickte Emissäre zu den russischen Konsuln in Erzurum und Van, um der zaristischen Regierung hinsichtlich der Kurdenfrage auf den Zahn zu fühlen. Aber Russland, das gerade erst einen Krieg mit dem osmanischen Reich hinter sich gebracht hatte, war mit der Niederwerfung der turkmenischen Revolte beschäftigt. Aber der englische Vizekonsul in Van stattete Obeidullah 1879 einen Besuch ab4. Nach dieser Visite erhielt die Streitmacht des Scheich britische Waffen und Munition unter dem Vorwand der Hilfe für die hungerleidenden Regionen, angeblich ohne Wissen der osmanischen Behörden. Diese waren tatsächlich aber ganz auf dem Laufenden und versuchten, den Zorn Obeidullahs auf Persien zu lenken. In den ersten Augusttagen 1880 fand in Shemdinan eine große Versammlung unter Leitung des Scheichs und Beteiligung von 220 Stammesfürsten und Scheichs statt, um einen Schlachtplan zu beschließen5.
Nachdem er einen Augenblick beabsichtigt hatte, zugleich gegen die Perser und Osmanen Krieg zu führen, wurde er sich der Gefahr, gegen beide zugleich kämpfen bewusst, und entschied sich dafür, zunächst Iran anzugreifen. Die Offensive begann im Oktober 1880. Die kurdischen Truppen, deren Zahl sich auf 80 000 Mann belief, befreiten Sadbulak (Mahabad), Meyandiya (Mian...), Maraga6 schnell und näherten sich Tabriz, der Hauptstadt von Aserbaidschan. Da es ihnen aber offenbar an Disziplin mangelte und sie von ihren leichten Siegen geblendet waren, gaben sich die kurdischen Soldaten der Plünderung hin und eroberten Tabriz nicht, diesen strategischen Ort, dessen Einnahme den Ausgang des Krieges hätte stark beeinflussen können. Von Panik ergriffen wandte sich der Schah an die Hohe Pforte und forderte, den Aktivitäten des Scheichs ein Ende zu bereiten. Die schnellen Siege von Obeidullah, seine große Popularität und seine Absichten, ein Kurdistan zu schaffen, hatten schließlich ernste Beunruhigung bei der türkischen Regierung hervorgerufen, die bis dahin geglaubt hatte, den Scheich gegen die Perser benutzen zu können. Sie konzentrierte Truppen in Kurdistan. Diese schlossen die kurdischen Streitkräfte ein. In die Zange genommen von der osmanischen Armee und der des Schahs, der sich einige feindliche kurdische Stämme angeschlossen hatten, befahl der Schah seinen Kommandanten, die von ihm kontrollierten Gebiete zu räumen und sich aus dem Iran zurückzuziehen. Die Pforte wandte gegenüber Scheich Obeidullah und seiner Umgebung keinerlei Gewalt an. Sie rechnete damit, sich erneut der Streitkräfte des Scheichs gegen Persien bedienen zu können, wenn sich dies als notwendig herausstellen sollte. 
Der Sultan Abdulhamid II. erwies sich als hinterlistig und paternalistisch7, er schickte den kurdischen Führern Geschenke und lud den  Scheich zu einem Besuch ein. Die Ankunft des Scheich Obeidullah in der osmanischen Hauptstadt war der Beginn einer wahren diplomatischen Schlacht zwischem dem persischen und osmanischen Reich. Der Botschafter des Sultans in Teheran forderte von der Regierung Reparationen für die vom Scheich 1870, 1876 und 1881 erlittenen Schäden. Von Russland beraten drehte Teheran den Spieß um und forderte seinerseits Entschädigungen für die durch den Feldzug von Obeidullah in Aserbaidschan verursachten Schäden und Verluste. Im August 1882, mitten in diesem diplomatischen Krieg, entfloh der Scheich aus Istanbul. Der kurdische Führer machte sich keine Illusionen mehr über die Möglichkeit der Befreiung seines Volkes mit Hilfe des Sultans, er wollte sich zunächst vom osmanischen Joch befreien, wenn nicht mit der Unterstützung, dann wenigstens mit der Neutralität Russlands. Dieses, das die Vorteile seiner „Protektion“ im Iran und seiner Machtpolitik in der Türkei so ausgiebig genoss, war kaum bereit, seine Beute loszulassen. Die Pforte ihrerseits, die von den Verhandlungen des Scheichs mit den Russen Wind bekommen hatte, schickte im Oktober 1882 ihre Truppen aus, um ihn gefangen zu nehmen. Mit seiner Familie in Mekka exiliert, sollte der Scheich Obeidullah wenige Jahre später dort sterben. Mit dem Verschwinden des Scheich Obeidullah endet die Ära der großen feudalen kurdischen Revolten des 19. Jahrhunderts.


  • (1): N. A. Khalfin, Borba za Kurdistan (Der Kampf um Kurdistan), Moskau 1963
  • (2): diplomatische Schritte
  • (3): osmanische Vizekönige von Ägypten
  • (4): N. A. Khalfin, op. cit., S. 118, der die Archive der auswärtigen Politik Russlands zitiert.
  • (5): P. I. Averianov, Kurdy v voinakh Rossii s Persiei i Turtsiei v techenie XIX stoletia, Tiflis 1900, S. 228; zitiert von N. A. Khalfin.
  • (6): Iran
  • (7): patriarchalisch
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Publiziert am: Mittwoch, 28. Dezember 2011 (5774 mal gelesen)
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