Donnerstag, 23. Februar 2017, 01:17 28 Gäste online

Dêrsim - Nordkurdistan

Genozid am kurdischen Volk

Nach dem Ersten Weltkrieg hatten in Europa und im Vorderen Orient eine Reihe von Völkern des Österreichisch-Ungarischen und des Osmanischen Reiches ihre Unabhängigkeit erlangt und einen eigenen Nationalstaat gründen können. Kurdische Hoffnungen, ebenfalls einen Nationalstaat bilden zu können, gingen allerdings nicht in Erfüllung. Im Artikel 64 des Abkommens von Sèvres vom 10. August 1920 hatte es zwar noch geheißen:
"Wenn das ... kurdische Volk bzw. das in den obigen Gebieten die Mehrheit bildende Volk innerhalb eines Jahres ... den Wunsch äußert, sich von der Türkei zu trennen und gänzlich unabhängig sein möchte ... und der Völkerbund zu der Überzeugung gelangt, daß dieses Volk in der Lage ist, diesen Unabhängigkeitswunsch zu verwirklichen, und seine entsprechenden Empfehlungen ausspricht, wird sich die Türkei verpflichten, dieser Empfehlung nachzukommen und auf alle ihre Rechte und Privilegien in diesem Gebiet verzichten." zitiert nach: Sahin, Mukaddes, Kurdistan vor der Neuaufteilung; in: medico international / KOMKAR (Hrsg.), Kurdistan zwischen Aufstand und Völkermord, Köln 1991, Seiten 26 f   

Bereits das Abkommen von Lausanne vom 23. Juli 1923 teilte Kurdistan auf den Iran, den Irak, die Türkei und Syrien auf und sah nicht einmal mehr eine Autonomie für die Kurden vor.

Die republikanische Türkei unter Mustafa Kemal Atatürk unterdrückte von ihrer Gründung an die Kurden und ihre Kultur. Grundlage des neuen türkischen Staates wurde eine Staatsdoktrin, die eine Legierung aus nationalistischen, etatistischen und populistischen Elementen war und die in den kommenden Jahren auch bei den europäischen Faschisten und deutschen Nationalsozialisten Vorbildcharakter haben sollte. Schon wenige Monate nach Unterzeichnung des Lausanner Vertrages wurden im Frühjahr 1924 der Gebrauch des Kurdischen als Amtssprache und alle kurdischen Schulen, Vereinigungen und Publikationen verboten. Die Dorfnamen in Kurdistan wurden zu 90% türkisiert, ohne daß die Änderung den Einwohnern überhaupt mitgeteilt wurde. Das türkische Parlament, in dem immerhin noch 72 "kurdische Repräsentanten" vertreten waren, wurde aufgelöst. Zahlreiche Aufstände - zugleich Folge der türkischen Politik und Anlaß für immer neue und rigidere Verfolgungsmaßnahmen gegen die Kurden - prägten die Geschichte Kurdistans in den nächsten Jahren.

Am 14. Juni 1934 wurde ein Gesetz erlassen, das die Umsiedlung der Kurden in den Westen der anatolischen Halbinsel und deren Assimilierung legalisierte. Die kurdische Bevölkerung sollte über ganz Anatolien zerstreut werden, in keiner Stadt sollten mehr als 10 % Kurden leben dürfen. Selbst die Vertreibung der Kurden aus der Türkei in andere Staaten, wie man es bei der griechischen Bevölkerung Anatoliens bereits einmal exerziert hatte, wurde gesetzlich vorgesehen. An die Stelle der vertriebenen Kurden sollten türkische Siedler rücken.

Die Region Dersim hatte während des Osmanischen Reiches immer eine gewisse Autonomie bewahrt. 
Deshalb und weil man sich wegen der alewitischen Religion und der Tatsache, daß man sich wegen des Gebrauchs des Zaza auch sprachlich von anderen Kurden unterschied, hatte sich in der Region ein starkes regionales Selbstbewußtsein entwickelt. 

Die Einwohner Dersims hatten sich weder an den Hamidiye-Regimentern (einer Art osmanischer Dorfschützer) noch am Ersten Weltkrieg oder dem türkischen Unabhängigkeitskrieg beteiligt, obwohl sie durch 5 Abgeordnete in der Nationalversammlung vertreten waren. 
Schon im Jahre 1916 hatten sich aus der Befürchtung heraus, die alewitisichen Kurden erwarte ein ähnliches Schicksal wie die Armenier, die in den Jahren zuvor fast gänzlich Opfer eines Völkermordes geworden waren, bei Düzgün Baba , einem heiligen Ort der Alewiten, einige Stämme zu einem Aufstand verabredet, der aber von den osmanischen Truppen rasch niedergeschlagen worden. 
Die Region gehörte nach dem Gesetz vom 5. Mai 1932 zu den Gebieten der sogenannten vierten Zone, die evakuiert werden sollten. Ende Juni 1935 beschrieb die Tageszeitung "Tan", was mit den Einwohnern Dersims geschehen sollte, nachdem sie über die gesamte Türkei verteilt worden seien: 
"Die Menschen von Dersim, die Türken sind, reine Türken, die aus Horasan gekommen sind, von wo sie vor Timurleng (Tamerlan) geflohen sind, werden sich mit dem Rest des türkischen Volkes vermischen." 
zitiert nach: Rambout, Lucien; Les Kurdes et le Droit; Paris 1947 

Zur Durchführung der Vorhaben verabschiedete die türkische Nationalversammlung die sogenannten "Tunceli-Gesetze", die Anfang 1937 in Kraft traten. Im Bezirk Dersim wurde durch das Gesetz eine mit Sondervollmachten ausgestattete Verwaltung eingerichtet, die von der sonstigen Verwaltung in der Türkei völlig abwich, und in den Provinzen Dersim, Elazig und Bingöl wurde der Ausnahmezustand ausgerufen.
Um die kurdische Bevölkerung zur Auswanderung zu bewegen, wurde sie großem Druck und ständigen Schikanen ausgesetzt. Unter dem Vorwand, nach versteckten Waffen zu suchen, wurden ganze Dörfer durchsucht; die dort lebenden Bauern wurden erniedrigt und entwürdigt und ihre Ernten zerstört. Über Radio ließ der Militärgouverneur Abdullah Alpdogan die Bewohner Dersims auffordern, 200.000 Waffen an die türkischen Militärbehörden zu übergeben. 

Der Premierminister Ismet Pascha Inönü begab sich an Ort und Stelle, um die Truppen zu inspizieren. Die Machtprobe begann im Frühjahr 1937.
(Kendal in "Kurdistan und die Kurden - Türkisch/Kurdistan")

Die Vertreibungs- und Unterdrückungsmaßnahmen stießen aber auf den Widerstand der Bevölkerung, die sich bislang - nicht zuletzt wegen ihres alewitischen Glaubens - zumeist nicht an den Aufständen der - in ihrer Mehrheit kurdischen - Kurden beteiligt hatte. Nach einem Treffen der Stammesführer in Kürpik unter Führung von Seyid Riza forderten die Stämme der Region die Abschaffung der "Tunceli-Gesetze" und eine Verwaltungsreform, die ihnen ihre nationalen Rechte gewährte. Der Kampf begann, nachdem im Juni 1937 ein paar Polizisten, die nach Waffen suchten, von den aufgebrachten Dorfbewohnern umgebracht worden waren. Innerhalb weniger Tage schlossen sich zahlreiche Bewohner der Region Dersim zu Partisanen-Einheiten zusammen, die schließlich aus mehr als 80.000 Kämpfern bestanden. Sämtliche Gendarmeriestationen wurden angegriffen; es gelang den Aufständischen, die Soldaten zu vertreiben und die Herrschaft in den ländlichen Gebieten der gesamten Region Dersim zu übernehmen. Angriffe auf Mazgirt und Nazimiye scheiterten allerdings. Als Antwort darauf mobilisierte die türkische Armee alle Männer im Alter von 26 bis 28 Jahren und zog Truppen in den Nachbarprovinzen zusammen. 
Ein kurdisches Verhandlungsangebot wurde abgelehnt. Die militärischen Auseinandersetzungen eskalierten nun. Es kam zu erbitterten Kämpfen zwischen den kurdischen Widerstandskämpfern und der türkischen Armee. Anders als bei den bisherigen kurdischen Erhebungen kam es aber nicht zu Schlachten, in denen sich größere Truppenverbände gegenüberstanden. Die Bevölkerung wandte in der gesamten Region die Widerstandstaktik des Guerillakampfes an. Teilweise in Stämmen, teilweise in kleineren Gruppen fanden sich die Widerstandskämpfer zusammen und verteidigten sich, ihre Familien und ihre Dörfer gegen die türkischen Angriffe. Deshalb konnten die türkischen Truppen trotz des Einsatzes von Flugzeugen, Giftgas und Artillerie bis zum Ende des Sommer 1937 keine großen Erfolge erringen. Es gelang der türkischen Armee nicht, den Widerstand der ohne jede äußere Hilfe kämpfenden und gänzlich eingeschlossenen Bevölkerung zu brechen. Auf der anderen Seite waren die Verluste der türkischen Armee groß. Mehr als 10.000 Soldaten verloren ihr Leben. Und je geringer die strategischen Erfolge der Armee waren, desto mehr steigerten sich die von ihr angewandten Grausamkeiten. Seitens der türkischen Armee wurden kaum Gefangene gemacht; wer in türkische Hände fiel, wurde grausam umgebracht. 
Frauen und Mädchen ganzer Stämme stürzten sich von Felsen oder warfen sich in die Schluchten des Munzur oder anderer Flüsse, um nicht Opfer von Vergewaltigungen zu werden. 
In einem Brief an den britischen Aussenminister bittet Seyid Riza am 30.Juli 1937 um Unterstützung : 

"Eure Exzellenz ! Seit Jahren versucht die türkische Regierung die kurdische Bevölkerung zu assimilieren indem sie sie unterdrückt. Sie verbietet ihre Zeitungen und Bücher in kurdischer Sprache zu lesen, verfolgt Diejenigen, die Ihre Muttersprache sprechen und organisiert so die systematische Vertreibung von den fruchtbaren kurdischen Ländern in das unkultivierte Anatolien wo ein großer Teil der Flüchtlinge umkommt. Drei Millionen Kurden leben in diesem Land und bitten nur darum, in Frieden und Freiheit leben zu können, um ihr Volk, ihre Sprache, ihre Traditionen und Zivilisation zu erhalten. Im Namen des kurdischen Volkes bitte ich Eure Exzellenz das kurdische Volk mit Ihrem großen moralischen Einfluß zu unterstützen, damit diese grausame Ungerechtigkeit bald ein Ende hat. 
Ich habe die Ehre, Herr Minister, Seyid Riza von Dersim" 
British Public Record Office, FO 371/20864/E5529

Erst, als es den Türken gelang, durch Versprechungen über materielle Güter und weitgehende Rechte, die dann später aber nicht eingehalten wurden, eine Reihe von Aghas zur Zusammenarbeit zu bewegen, wurden die Dörfer in der Region Dersim eines nach dem anderen erobert und entvölkert. Der Führer des Aufstandes Seyid Riza wurde zu Verhandlungen nach Erzincan eingeladen, wobei man ihm zusagte, die Forderungen der Bevölkerung zu akzeptieren und der türkischen Armee den Befehl zur Feuereinstellung zu geben. Als er aber in Erzincan eintraf, wurden er und seine Begleiter am 5. September festgenommen und am 18. November 1937 mit zehn seiner Gefolgsleuten (darunter zwei seiner Söhne) in Elazig hingerichtet. Auf dem Weg zum Galgen soll er die folgenden Worte gesagt haben: 

Ich bin 75 Jahre alt. Ich werde auf dem Feld der Ehre fallen. Ich gehe zu den Märtyrern Kurdistans. Dersim ist unterlegen. Aber die Kurden und Kurdistan werden fortleben. Nieder mit den Unterdrückern! Nieder mit den Niederträchtigen und Verlogenen!" 
zitiert nach: Bilgin, Sakir; Laßt die Berge unsere Geschichte erzählen; Frankfurt am Main 1991; Seite 25

Nach der Hinrichtung wurden die Leichen zur Schau durch die Stadt gefahren und schließlich verbrannt. Nichts sollte von dem Führer des Aufstandes übrig bleiben. 
Auch nach der Ermordung Seyid Rizas ging der Widerstand der Bevölkerung aber weiter. Am 20. November 1937 wandten sich die Bewohner Dersims mit einem dramatischen Appell an die politische Öffentlichkeit der Türkei und den Völkerbund: 

"Die türkische Regierung schließt unsere Schulen, verbietet den Gebrauch der kurdischen Sprache, läßt die Worte Kurden  und Kurdistan aus wissenschaftlichen Werken entfernen, wendet barbarische Methoden an, um Kurden einschließlich Frauen und Mädchen zur Arbeit an militärischen Bauprojekten in Anatolien zu zwingen, deportiert die Kurden."
 zitiert nach: Deschner, Günther; Saladins Söhne: Die Kurden - das betrogene Volk; München 1983; Seite 98

Der Appell stieß aber auf taube Ohren. Die Weltöffentlichkeit schaute gebannt auf den Bürgerkrieg in Spanien, die Invasion des faschistischen Italien in Äthiopien und den chinesisch-japanischen Krieg. Was im fernen Anatolien geschah, interessierte niemanden. Die internationale Presse übernahm die türkische Propaganda, daß es sich bei dem Aufstand des Volkes von Dersim um eine Rebellion gegen Modernisierung, Reform und Bildung" handle. 
siehe hierzu: The Times" vom 16.06.1937 und Le Monde" vom 18.08.1937 

Auch die Forderung irakischer Kurdenführer, eine aus Mitgliedern neutraler Staaten zusammengesetzte Kommission zur Untersuchung der Situation, nach Dersim zu schicken, blieb ungehört. Auch ein Versuch einer Gruppe Kurden, von Syrien aus in die Türkei zu gelangen und dort eine Revolte zur Unterstützung des Aufstandes in Dersim zu initiieren, scheiterte. 
Es war die Absicht der aufständischen Kurden, sich im Winter 1937/38 in die Berge des Munzur-Gebirges zurückzuziehen und so den Attacken der türkischen Armee zu entgehen. Im Frühjahr 1938 sollte eine neue Offensive beginnen. Man hoffte, daß sich dann auch die kurdische Bevölkerung anderer Regionen dem Aufstand anschließen würde. Nicht zuletzt wegen der religiösen und sprachlichen Differenzen kam es aber zu keinem Bündnis. Schließlich konnten sogar kurdische Stämme bestochen werden, sich an der Niederwerfung des Aufstandes zu beteiligen. Wieder einmal sollte sich die kurdische Uneinigkeit als verhängnisvoll erweisen.
1938 setzte die türkische Armee über 100.000 Mann in Dersim ein, um den Aufstand niederzuwerfen. Ort für Ort, Tal für Tal wurde in der gebirgigen Region erobert. Erst im Oktober dieses Jahres konnte der letzte Widerstand der am Ende ohne Waffen lediglich um das nackte Leben kämpfenden Aufständischen gebrochen werden. 

Tausende Kurden wurden während und nach dem Aufstand Opfer der türkischen Bomben und Granaten; zehntausende mußten vor der auch mit Giftgas gegen die kurdische Zivilbevölkerung vorgehenden türkischen Armee fliehen. Wehrlose Bauern wurden mit Bajonetten niedergestochen; Kleinkinder wurden in die Luft geworfen und mit Bajonetten aufgefangen. Zahlreiche Menschen wurden bei lebendigem Leibe begraben. Gefangene Kurden wurden an Bächen und Flußläufen exekutiert; das Wasser des Munzur und Harcik war tagelang blutrot gefärbt. Symptomatisch für die Vorgehensweise der türkischen Truppen gegen die kurdische Zivilbevölkerung ist ein Bericht Dr. Nuri Dersimis (Link) über ein Massaker aus einer 1952 erschienenen Dokumentation über den Aufstand von Dersim. Tal für Tal hatten türkische Truppen das Tudsik-Gebirge durchkämmt und die Bevölkerung vor sich hergetrieben. 

Vor den Bomben und Bordwaffen der Flugzeuge hatten sich Tausende von Frauen und Kindern in die weitläufige Höhlen der Hänge versteckt, die seit alters immer wieder Flüchtenden Unterschlupf boten. Als die Soldaten die Geflohenen aufgespürt hatten, bewachte man die Höhleneingänge, bis Baumaterial herangebracht worden war. "Dann wurden die Eingänge zugemauert. Andere Höhlen wurden mit Gas ausgeräuchert, und die Menschen, die hinausliefen, machte man mit Bajonetten nieder." 
Dersimi, Nuri, Kürdistan Tarihinde Dersim, Aleppo 1952, Seite 381; zitiert nach: Deschner, a.a.O., Seite 99

Auch die Bevölkerungsteile, die sich nicht an dem Aufstand beteiligt und an die türkischen Versprechungen geglaubt hatten, ihnen würde deswegen nichts geschehen, blieben nicht verschont. Selbst diejenigen, die zu einer "Übersiedlung" in den Westen Anatoliens bereit waren - vielen Menschen hatte man dort große Häuser und Reichtum versprochen -, wurden Opfer des brutalen Vorgehens der türkischen Armee.
Es sollen 400 Familien gewesen sein, die in dem kleinen Ort Kiran von den türkischen Soldaten dazu überredet wurden, aufzugeben und in die Verbannung zu gehen. Doch was geschah? Alle mußten auf dem Dorfplatz antreten. Die Frauen und Kinder wurden von den Männern getrennt. Während man die Frauen und Kinder in Scheunen einsperrte und sie bei lebendigem Leibe verbrannte, wurden die Männer der Reihe nach hingerichtet." 
Leukefeld, Karin; Solange noch ein Weg ist ..." - Die Kurden zwischen Verfolgung und Widerstand; Göttingen 1996, Seite 51

Zwischen 60.000 und 100.000 Kurden (Bumke, Peter J.; The Kurdish Alevis - Boundaries and Perceptions; in: Andrews, Peter Alford; Ethnic Groups in the Republic of Turkey; Wiesbaden 1989; Seite 514), vor allem Zivilisten, die sich nicht an den Kämpfen beteiligt hatten, wurden im Zusammenhang mit dem Aufstand von Dersim ermordet; mehr als 100.000 Menschen wurden nach dem Aufstand aus der Region Dersim - hauptsächlich in die Mittelmeerregionen - deportiert.

Auch in den folgenden Jahren flohen die Menschen vor der weiter andauernden Repressionen aus der Region in die westanatolischen Städte und nach Istanbul. Hier bauten sie in den Außenbezirken über Nacht Hütten aus Pappe und Wellblech; die ersten "Gecekondus" entstanden. 
Manche Familien gaben sogar ihre Kinder fort, damit für diese besser gesorgt werden konnte. 

Selbst die Name der Region und der Stadt wurden getilgt: die Region Dersim und seine Hauptstadt Mamiki wurden in Tunceli" umbenannt; nichts sollte mehr an die Kurden erinnern. Die gesamte Region wurde mit Polizeistationen und Kasernen überzogen. Sämtliche Verwaltungsaufgaben wurden in die Hände türkischer Beamter gelagt, die wie Besatzungsmächte auftraten; die bisherigen Selbstverwaltungs-Strukturen wurden gänzlich zerstört. Bis 1946 blieb in der Region Dersim das Ausnahmezustandsrecht in Kraft. Wie ganz Kurdistan wurde die Provinz bis 1956 zur verbotenen Zone für Ausländer erklärt. 

Jahrelang blieben Dersim und seine Einwohner von jeglicher Erntwicklung in der Türkei ausgeschlossen. Osman Mete, ein türkischer Journalist, besuchte im Jahre 1948 Dersim/Tunceli und beschrieb die Stadt so: 
"Ich bin nach Tunceli gefahren. Dies ist das frühere Dersim. Ich habe diese desolaten und entvölkerten Plätze besucht. Sie haben noch keine anderen Staatsbeamten gesehen als den Steuereintreiber und die Gendarmen. ... Unglücklicherweise ist nichts übriggeblieben von der Zeit vor der Revolte. Keinerlei Kunsthandwerk mehr, keine Kultur, kein Handel. ... Keinerlei Strahl der Zivilisation hat diese Plätze durchdrungen. Keine Schulen, kein Arzt. Sie wissen nicht, was das Wort Medikament bedeutet." 
in der türkischen Zeitung Son Posta"; zitiert nach: Aziz, Namo; Kurdistan - Menschen, Geschichte, Kultur; Bonn 1992, Seite 182

 Noch 1965 gab es in Dersim keinen Zahnarzt und keine Apotheke und auf 11.012 Einwohner kam 1 Arzt, während es in der Türkei 2.680 Einwohner waren, die ein Arzt durchschnittlich zu betreuen hatte. 

Diese 13 Jahre Aufruhr, Kampf und Revolten hatten nach einer Schätzung der KP der Türkei "mehr als 1,5 Millionen deportierte und massakrierte Kurden" zur Folge (TKP, Dogusu, kurulusu, gelisme yollari (KP der Türkei, Entstehung, Organisation und Entwicklungspfade), S.21).
Das Schauspiel war für das "progressistische Regime von Ankara" so wenig ruhmreich, dass "das ganze Land jenseits des Euphrat" bis 1965 für Ausländer zu verbotenen Zone erklärt wurde und bis 1950 in ständigem Belagerungszustand lebte.
Die Benutzung der kurdischen Sprache war untersagt; die Worte "kurdisch", "Kurdistan" aus den Wörterbüchern und historischen Werken gelöscht. Die Kurden wurden nur noch "Bergtürken" genannt.
(Kendal in "Kurdistan und die Kurden - Türkisch/Kurdistan")

erweitert durch Necana / www.kurdmania.com


“Der Beschluss des Ministerrats der türkischen Republik” über DEN VÖLKERMORD und „Tunceli-gesetz“

 von Mehmet Dogan & Ismail Kiliç

 
Art. I. Die Vertragschließenden Parteien bestätigen, dass Völkermord, ob im Frieden
oder im Krieg begangen, ein Verbrechen gemäß internationalem Recht ist,
zu dessen Verhütung und Bestrafung sie sich verpflichten.

Art. II. In dieser Konvention bedeutet Völkermord eine der folgenden Handlungen,
die in der Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische, rassische
oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören:

(a) Tötung von Mitgliedern der Gruppe;

(b) Verursachung von schwerem körperlichem

oder seelischem Schaden an Mitgliedern der Gruppe;

(c) vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen für die Gruppe,

die geeignet sind, ihre körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen;

(d) Verhängung von Maßnahmen,

die auf die Geburtenverhinderung innerhalb der Gruppe gerichtet sind;

(e) gewaltsame Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe.

[15. Konvention über die Verhütung und Bestrafung
des Völkermordes, vom 9. Dezember 1948,
(BGBI. 1954 II S. 730), Internationale Quelle: UNTS Bd. 78, S. 277]

Dersim ist das Kerngebiet des Alewitischen Zaza-Landes, das an der Wasserscheide der biblischen Flüsse Tigris und Euphrat liegt und in die Welt der Sagen als „Paradies“ eingegangen ist.
Dersim blieb bis 1937/38 - also 15 Jahre nach Gründung der Türkischen Republik - de facto Unabhängig und eine Insel der Freiheit und des Fridens am oberen Euphrat. Das Land Dersim wurde erst Schritt für Schritt und zuletzt im Jahre 1937/38 durch den Genozid total erobert.

Der Dersim-Genozid wurde Schritt für Schritt exemplarisch nach Plan vorbereitet und durchgeführt.

Aus einem „strengst geheimen“ Buch , das vom „Generalstab der Gendarmerie des Innenministeriums der Türkischen Republik“ in 30er Jahren in seiner Zeit 100 Exemplare nur für vertrauten Personen herausgegeben wurde, geht folgendes hervor:

„Seit dem Yavuz Selim... Obwohl diese Volksstämme in vier Jahrzehnten mindestens vierzig mal niedergemetzelt und exemplarisch bestraft wurden, nahmen die Aufstände kein Ende an.“ [Dersim, Ministerium für Innere Angelegenheiten der Türksichen Republik, Generalstab der Gendarmerie, III, S. IKS - Nr. 55058, Seite: 222-223]

In der Anklageschrift der einigen führenden Persönlichkeiten Dersims, die in Elazig (Xarpêt) im Jahre 1937 hingerichtet wurden, stand folgendes:

„In den letzten 30 Jahren fand in Dersim 11 mal eine Konfrontation mit der Armee statt. Sobald die Dersimer sich in der Klemme befanden, verzogen sie sich wie früher wieder mal in die Kutu-Deresi, Kalan-Deresi, Ali Bogaz, und wenn dies ihnen nicht möglich war, auf dem Bakir-Berg oder Tujik Baba. Der Armee war es niemals möglich, Kutu-Deresi zu betreten oder den Bakir Dag zu besteigen.“ [Die Tageszeitung „Ulus“, 28. Oktober 1937].

In den 1930er Jahren hatten alle führenden Persönlichkeiten der neu gegründeten Türkischen Republik mit persönlicher Anteilnahme über den Dersim-Genozid beraten, geplant und durchgeführt.

Den ersten Start zum Dersim-Genozid hatte der Vater der Republik Mustafa Kemal Atatürk in seiner Parlamentseröffnungsrede im Jahre 1936 proklamiert und sagte:

 „Wenn es etwas Wichtiges in unseren inneren Angelegenheiten gibt, dann ist es nur die Dersim-Angelegenheit. Um diese Narbe, diesen furchtbaren Eiter in unserem Inneren, samt der Wurzel anzupacken und zu säubern, müssen wir alles unternehmen, egal was es koste, und die Regierung muss mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet werden, damit sie dringend erforderliche Entscheidungen treffen kann. “

[Ebubekir Pamukcu, Dersim Zaza Ayaklanmasinin Tarihsel Kökenleri, Yön Yayincilik, Istanbul, 1992]

Die ehemaligen Ministerpräsidenten und die späteren Staatspräsidenten Ismet Inönü und Celal Bayar sowie der Oberbefehlshaber der Armee Feldmarschal Fevzi Çakmak und der Minister des Inneren und der spätere Ministerpräsident Sükrü Kaya haben persönlich die Gebiete von Dersim besichtigt und entsprechende Berichte verfasst. Aufgrund der erstellten Berichte, wurden die Pläne des Dersim-Genozids systematisch entworfen und dann später realisiert.

Im Jahre 1934 hat das Türkische Parlament das „Zwangsevakuierungsgesetzt“ beschlossen.

Ein „Tunceli-Gesetz“ wurde im Jahre 1935 beschlossen, die Übersetzung des Originalgesetzestextes wird als Anlage beigefügt. Dieser Gesetzesbeschluß war ein ungeheuerlicher Skandal der Rechtsgeschichte. Es ist unglaublich aber wahr: als dieses Gesetz beschlossen wurde, existierte keine Provinz Namens Tunceli. Die Vollstrecker des Tunceli-Gesetzes wollten überhaupt nicht, daß der eigentliche Name „DERSIM“ bei diesem Gesetz erwähnt wird. Denn die Umbenennung Dersims auf den Namen Tunceli müsste eigentlich zuerst im Parlament beantragt und beschlossen werden.

Dieses Gesetz war die totale Kolonialisierung Dersims. Die Pläne dafür lagen bereits vor.

Die totale Besatzungspläne des Oberbefehlshabers der Armee Feldmarschall Fevzi Çakmak im Jahre 1931 über Dersim lauten wie folgt:

„Vorerst soll Dersim wie eine Kolonie betrachtet werden, unter der türkischen Obrigkeit soll das Dersimtum vernichtet und danach schrittweise dem türkischen Rechtswesen unterworfen werden.“

„Die höheren Verwaltungsbeamten sollen eine Ermächtigung bekommen, vergleichbar mit der Ermächtigung im Verwaltungswesen einer Kolonie.“ [Dersim, Ministerium für Innere Angelegenheiten der Türkschichen Republik, Generalstab der Gendarmerie, III, S. IKS - Nr. 55058, Seite: 218-219]

Nach den Berichten von Halis Pascha, der als Oberbefehlshaber der Armee die militärische Säuberungsaktionen im Jahre 1930 in Pülümür (Ost-Dersim) leitete, schlägt folgendes über die führenden Persönlichkeiten von Dersim vor:

„Ich halte die Deportation dieser Personen und ihrer Familien für eine Dauer von 15 Jahren auf die Insel im Beyþehir See und auf die anderen Inseln, auf den früher die Kasaken lebten, für geeignet. Daneben können die wenigen Agas mit Hilfe von Bestechungen oder ähnliche Möglichkeiten unschädlich gemacht werden“.

[Dersim, Ministerium für Innere Angelegenheiten der Türkschichen Republik, Generalstab der Gendarmerie, III, S. IKS - Nr. 55058, Seite: 223]

Mit der persönlichen Teilnahme von Mustafa Kemal Atatürk und Generalfeld-Marschall Fevzi Çakmak in der Kabinettsitzung am 04.05.1937 wurde der Befehl zum Dersim-Genozid erteilt, der als Anlage beigefügt wird.

Dieser Tag „04. Mai 1937„ ist der Anfang des Dersim-Genozids.

Die Kemalisten haben den Zeitpunkt des Dersim-Genozids sehr gut durchgedacht und den Genozid in einer Zeit durchgeführt, in der der Zweite Weltkrieg stattfand. Somit ist es den Türken gelungen, ihr Verbrechen an den Dersimern vor der Weltöffentlichkeit geheim zu halten.

Mit dem o.g. Befehl hat die türkische Armee das Land Dersim umzingelt und ein unglaubliches Massaker verübt. Es ist von der Ermordung von mindestens 70.000 Menschen die Rede.

Wie die vielen kemalistischen Autoren selbst damals zugaben und schrieben, wurde der Armee befohlen, in Dersim kein einziges Lebewesen am Leben zu lasssen. Mit dieser Intensität wurden die erteilten Befehle umgesetzt:

„Der Beschluß, daß in Dersim kein einziges Lebewesen im Leben gelassen werden sollte, wurde strengstens befolgt“ [Hasan Izzettin Dinamo, Kutsal Baris, Band VIII, Seite 369, Istanbul]

Hulusi Ibrahim Yahyagil, pansionierter Oberst, schreibt in seinem Buch mit dem Titel „Die Zeugen erzählen Said-i Nursi“, dass er als Offizier an dem Dersim Massaker 1938 teilgenommen habe:

„Im Jahre 1938 wurden wir als Staatsdiener entsandt, um die Aufständischen in Dersim niederzumetzeln. Der Zustand, den sie als Aufstand bezeichneten, war, dass einige Bergdörfler in jenem Jahr keine Steuern gezahlt hatten. Der Befehl, der uns erteilt wurde, war mit einem Wort ausgedrückt:‘Vernichtung!’...

‘Lasst niemanden am Leben, Jung-Alt, Kind-Frau usw.’. Die meisten dieser Menschen waren Rafizi (“Rotköpfe” - ‘Alewiten’ sind gemeint). Aber konnte man mit solch einer Vorgehensweise sie zum Guten bringen? Ich war Truppenkommandeur...” [M.Kalman, Belge ve Taniklariyla Dersim Direnisleri, Nûjen Yayinlari, Oktober 1995, Istanbul, Seite: 396-397]

Der bekannte kemalistische Autor Kemal Bilbasar, der als Unteroffizier in der Feldgendarmerie in Hozat während des Genozids diente, schreibt in seinen beiden Romane “Cemo“ und “Memo“ über Dersim und sagt folgendes:

“Es ist jedem bekannt, Menschen, die sich bei dem Aufstand nicht beteiligt haben, sind zwangsweise in die angrenzenden Städte der alten Dersims deportiert worden. Viele Menschen, die das Vorhaben des türkischen Staates gegen Dersim nicht verstanden haben oder - aus welchem Grund auch immer - die sich in einem Form von Wiederstand nicht organisieren konnten, kamen leider nicht ungeschoren vom unsäglichen schmerzlichen Ende. Viele von denen wurden zwangsdeportiert.

Nun was nachdenklich ist, ist das, wie ich vorher auch gesagt habe, waren die militärische Operationen im Jahre 1938 nicht nur begrenzt gegen die aufständischen Gebiete wie Kutuderesi, Tujik Dagi gerichtet gewesen, sondern umfassten diese militärische Operationen auch die Städte, aus denen die Bevölkerung ihre Steuern freiwillig an den Staat entrichteten und freiwillig zum Militärdienst gingen, wie Pertek, Mazgirt, Nazimiye sowie Kreis Städte und Dörfer der Pülümür. Und sogar hier in diesen Gegend lebende viele unschuldige Menschen wurden ermordert. Die Militärische Operationen im Jahre 1938 waren nicht nur innerhalb der Grenzen Dersims beschränkt, sondern sie dehnten sich bis hin nach Erzincan. Dies habe ich von einem Angehöriger einer im Jahre1938 zwangsdeportierten Familie Namens Hasan Hayri Binici erfahren“. [M. Kalman, Belge ve Taniklariyla Dersim Direnisleri, Seite 415]

Neben unter anderem tausenden von Zeugen, hat z.B. der spätere Oberbefehlshaber der Luftstreitkräfte Muhsin Batur in seinen späteren Memoieren erwähnt, dass er wegen des Scham- und Reuegefühls über „diesen Fall“ nicht schreiben wollte:

„Eines Tages bekam unser Regiment einen Befehl... Nach einer bestimmten Truppenübungszeit mussten wir nach Dersim... Am Berghang von Harput, etwas weiter entfernt von Elazig liegend, stationierte sich unsere Truppe und nach einer Weile sind wir in Pertek einmarschiert, den wir als ersten Haltepunkt beschlossen hatten, wir haben dort für zwei Monate eine Sonderaufgabe erfüllt. An dieser Stelle entschuldige ich mich bei meinen Lesern und verzichte darauf, über diesen Abschnitt meines Lebens zu erzählen.“ [Muhsin Batur, Anilar-Görüsler-Üç Dönemin Perde Arkasi, S. 25]

 Atatürks Adoptivtochter Sabiha Gökcen, die erste Pilotin in der Türkei, die Dersim bombardiert hatte, sagte dem Journalisten der Zeitschrift ‘Nokta’ anlässlich des 50jährigen Jahrestages des Dersim-Genozids:

„Nokta: Wie wurde Ihnen der Angriffsbefehl erteilt.

Gökcen: Ich war damals in der Armee beschäftigt. Die Truppe zu der ich angehörte, wurde mit dieser Aufgabe beauftragt. Wir machten uns auf dem Weg. Bevor wir flogen, wussten wir was zu tun war. Das Ziel war direkt Dersim.

Nokta: Wann war die Ankunft Atatürks in das Operationsgebiet.

Gökcen: Er kam Ende 1937 anlässlich der Eröffnung einer Brücke in Pertek. ...Im Operationsgebiet wurden Besichtigungen durchgeführt, manchmal auch mit Atatürk. Ich zeigte ihm die Kriegsgebiete...“

Der langjährige ehemalige Außenminister der Türkei Ihsan Sabri Çagliyangil, der von Ankara als Sonderbeauftragte für die Durchführung der Hinrichtungen einiger führender Persölichkeiten Dersims (Sey Riza und seiner Freunde) im November 1937 nach Elazig (Xarpêt) entsandt wurde, erzählt in seinen Memoiren folgendes:

„(...)

Es waren Monate vergangen, Seyit Riza und seine Gefährten wurden verhaftet. Die Gerichtsverhandlungen liefen. Genau zu dieser Zeit wollte Atatürk nach Diyarbakir zur Eröffnungsfeier der auf dem Fluss Murat neu erbauten Brücke Singec Köprüsü (Singec-Brücke). Er wollte über dem Landweg zur Brücke Singec Köprüsü. Der Polizeipräsident Herr Sükrü Sökmensüer sagte mir „Atatürk wird die Brücke Singec Köprüsü eröffnen. Der Dersim-Aufstand beendet. Sechs tausend ‘weiße Hosen’ aus dem Osten sind nun in Elazig. Sie wollen Atatürk darum bitten, dass Seyit Riza am Leben bleibt. Lassen wir keine Gelegenheit dazu, dass die ‘weißen Hosen’ vor Atatürk treten.“

 

1937 am Samstagnachmittag, dem gesetzlichen Wochenendtag: Atatürk wollte am Montag nach Elazig kommen. Was von uns verlangt wurde war, „Wenn jemand hingerichtet werden soll, so soll es auch geschehen“, d.h. bevor die ‘weißen Hosen’ vor Atatürk treten, sollten die Hinrichtungen bereits vollstreckt worden sein. Zu dieser Zeit waren der Gouverneur von Elazig Herr Sükrü, der Staatsanwalt Herr Senihi, der Polizeidirektor Herr Serezli Ibrahim, der Stellvertreter des Staatsanwaltes, der ein Freund von mir gewesen ist.

Sükrü Sökmensüer gab mir den Befehl: „Bekomme von den Zivilisten alle Informationen in der politischen Abteilung des Polizeipräsidiums heraus“. Der Schutz Atatürks vom Bahnhof bis zum Volkshaus ist eure Aufgabe.“ Mit sechs Männern, unter ihnen vor allem Macar Mustafa, machte ich mich auf dem Weg. Per Zug kamen wir in Elazig an. Ich ging zum Polizeidirektor Herrn Ibrahim. Er sagte mir, ‘Es ist unmöglich, dass der Staatsanwalt etwas tut, was gegen die Regeln verstoßen würde.’

 

Ich ging zum Staatsanwalt. Legte ihm den Sachverhalt dar. Er berichtete mir, dass er vom Justizministerium schon eine Chiffre (streng geheime Anweisung) bekommen hätte, die Gerichte aber samstags keine Gerichtsverhandlungen durchführten und somit am Wochenendtag kein Urteil zu bekommen sei. Er fügte hinzu: ‘Ich kann die Gerichte nicht beeinflussen.’

Wir aber wollten, dass das Urteil gefällt wird, bevor Atatürk kommt und die Angelegenheit des Seyit Riza somit beendet und abgeschlossen wird. Ich wurde extra dafür von der Regierung beauftragt und hierher geschickt, damit ich diesen Sachverhalt erledige.

Der Stellvertreter des Staatsanwaltes, ein ehemaliger Mitschüler von mir im Fach Jura, sagte mir: ‘Sag dem Gouverneur, der Staatsanwalt solle ein Attest bekommen, und ich tue was du willst.’

Wir wollten, dass das Gericht an dem Wochenendtag tagt und das Urteil sofort vollstreckt wird.

Der Staatsanwalt erhielt ein Attest. Mein Freund vertrat als Stellvertreter den Staatsanwalt. Danach traf ich den Richter in seiner Wohnung. Er diktierte gerade das Urteil des Gerichtes. Während wir redeten, war er damit beschäftigt, das Urteil mit der Schreibmaschine tippen zu lassen. Wir befanden uns in der CHP-Ära. Man nahm sich in acht (man war sehr genau).

Der Richter sagte mir: „Am Samstag kann keine Gerichtsverhandlung stattfinden, das Gericht wird am Montag tagen und das Urteil fällen. Am Dienstag können wir das Urteil vollstrecken.“

Damals existierte im Vierten Gebiet kein Berufungsrecht.

Abdullah Pascha sollte das Urteil als Kommandeur des Ausnahmezustandsgebietes bestätigen. So schrieb er auf ein leeres Blatt: ‘Das obige Urteil wird hiermit bestätigt’, und signierte das leere Blatt. Wenn oben gestanden hätte Abdullah Paschas Erhängung, müsste er selbst erhängt werden. Ich sagte: ‘An dem genannten Tag kommt doch Atatürk, so wird der Zweck doch nicht erreicht.’ Der Richter unterbrach mich, und sagte: ‘Wir können nichts anderes tun.’ Ich fragte ihn:

„Kommt es vor, dass ihr auch nach 17.00 Uhr Gerichtsverhandlungen fortsetzt?’

‘Aber ja doch, viele. Es gibt Tage, an denen wir bis neun oder zehn Uhr Gerichtsverhandlungen durchführen’, antwortete er.

‘Also dann, wenn ihr fünf Stunden vom Ende der Gerichtsverhandlung beeinträchtigt, könnt ihr nicht auch fünf Stunden vom Beginn an beeinträchtigen? D.h. wir eröffnen am Sonntag Abend bei Tagesanbruch die Gerichtsverhandlung. Der Montag beginnt ab 24.00 Uhr ‘, erwiderte ich.

Der Richter sagte: ‘Der Strom fällt aus.’ ‘Darauf haben wir auch eine Lösung gefunden. Wir können das Gefängnis mit den Autoscheinwerfern beleuchten. Ins Volkshaus bringen wir Druckluftlampen.’ ‘Wir haben keinen Samiin[1]‘, sagte er. ‘Dafür haben wir auch eine Lösung. Wir lassen auch Samiin bringen.’ ‘Wie viele Personen sollen erhängt werden?’ fragte ich. ‘Das kann ich nicht vor dem Urteil sagen.’ Aber er fügte hinzu: ‘Der Staatsanwalt verlangte die Erhängung von 27 Personen.’ - ‘Sollen wir unsere Vorbereitungen danach orientieren?’, fragte ich. ‘Ich weiß nicht’, erwiderte er

‘Bist du gekommen, um mich hinzurichten?’

Das Strafvollzugsgesetz schrieb vor, dass die Personen, die erhängt werden, sich nicht sehen. Wir versuchten, diese Bedingung zu erfüllen. Wir stellten auf jedem Platz jeweils ein Tischchen, insgesamt vier. Der Gouverneur fand einen Henker Zigeunerabstammung. Nachts um zwölf Uhr gingen wir zum Gefängnis. Mit den Autoscheinwerfern beleuchteten wir die Umgebung. Das Gefängnis hatte 72 Angeklagte. Wir brachten die Angeklagten zum Gericht. Der Zigeuner kam auch mit. Er verlangte pro Hinrichtung zehn Türkische Lira. Wir akzeptierten. Die Angeklagten konnten kein Türkisch. Das Urteil wurde gefällt. Sieben der Angeklagten wurden zum Tode verurteilt, für einige von ihnen lautete das Urteil auf Freispruch, für die anderen unterschiedliche Haftstrafen. Da der Richter im Urteilsspruch nicht den Begriff Hinrichtung sondern die Todesstrafe verwendete, verstanden sie das Urteil nicht richtig. Sie jubelten: ‘keine Hinrichtung’. Wir nahmen Seyit Riza mit und stiegen ins Automobil ein. Seyid Riza saß zwischen dem Polizeidirektoren Ibrahim und mir. Der Jeep hielt auf dem Platz neben dem Gendarmeriequartier. Seyit Riza begriff die Lage erst, nachdem er die Tischchen sah. ‘Ihr werdet uns erhängen’, wandte sich mir zu und sagte: ‘Bist du extra aus Ankara gekommen, um mich zu erhängen?’ Wir sahen uns an. Ich stand zum ersten mal mit jemanden, der hingerichtet werden sollte, von Angesicht zu Angesicht. Er lächelte mich an. Der Staatsanwalt fragte, ob er beten wollte. Seyit Riza wollte nicht. Wir fragten ihn nach seinem letzten Wort (Wunsch). „Ich habe nur 40 Lira und eine Uhr. Gebt sie meinem Sohn“, sagte er. In diesem Augenblick wurde gerade die Hinrichtung von Findik Hafiz (Lacê Qemer Agay Findiq Aga) vollstreckt. Während er erhängt wurde, riß das Seil zwei mal. Als Findik Hafiz hingerichtet wurde, stellte ich mich vor das Fenster, damit Seyit Riza es nicht sah. Seine Hinrichtung war beendet und wir brachten Seyit Riza auf dem Platz. Es war kalt und es gab keine Menschenseele in der Gegend. Aber Seyit Riza sprach in die Leere, als ob er eine Rede zu einer Menschenmasse halten würde.

‘Wir sind Nachfahren von Kerbela. Wir sind unschuldig. Es ist eine Schande. Eine Grausamkeit. Ein Mord’, sagte er. Es überlief mich kalt. Dieser alte Mann lief mit gleichmäßigen, scharfen Schritten dem Zigeuner entgegen und schubste ihn. Seyit Riza nahm das Seil und hängte es an seinen Kopf trat den Stuhl und verwirkliche seine Hinrichtung selbst. Es ist schwierig, Mitleid mit dem vom Schicksal verhängten Ende eines Mannes zu haben, der so hartherzig ist, dass er einen Offizier, der genau so alt war wie sein Sohn, umzubringen. Aber ich konnte mich nicht davor zurückzuhalten, Achtung vor dem Mut dieses alten Mannes zu haben. Meine Nerven waren sehr angeschlagen. ‘Mir ist kalt, ich gehe zum Hotel’, sagte ich zum Polizeidirektoren. Als Seyit Riza hingerichtet wurde, war die Stimme des Sohns von Seyit Riza zu hören: ‘Macht mich zum Diener, Sklaven, Hirten. Habt Erbarmen mit meiner Jugend, tötet mich nicht!’

Ich bekam von Atatürk einen gehörigen Verweis.

Ich fühlte mich sehr schlecht. Nachdem ich ins Hotel ging schrieb ich zwei Seiten mit der Schreibmaschine. Als Überschrift schrieb ich:

‘Wir sind unschuldig. Wir sind Nachfahren von Kerbela. Es ist eine Schande. Eine Grausamkeit. Ein Mord!’

Atatürk kam einen Tag später nach Elazig, weil er dachte, dass wir die Angelegenheit nicht rechtzeitig beenden könnten. Der Zug, mit dem er angekommen war, hatte Halt auf einem toten Gleis gemacht. Atatürk schlief, man hatte ihn nicht wecken wollen. Am Morgen habe ich dem Berichterstatter der Zeitung Ulus, der aus dem Zug von Atatürk ausstieg, vorgelesen was ich geschrieben hatte. Er wollte es haben. ‘Man wird es nicht drucken’, sagte ich. Später lasen sie es Sükrü Kaya vor. ‘Es geht nicht’, soll er gesagt haben. Inzwischen sagte man mir, dass Atatürk mich zu sich gebeten hätte. Als ich dort war, frühstückte er gerade. Er zeigte mir ein Foto. Man hatte Seyit Riza fotografiert, als er hing. ‘Was soll das Foto, Herr Polizeipräsident?’, fragte er mich. ‘Ich weiß nichts davon’, sagte ich. ‘Dann weißt du nicht, was um dich herum passiert’, sagte er und ergänzte. ‘Schnell, geh und besorge das Negativ dieses Fotos und vernichte alle Fotos, die entwickelt wurden.’ Ich verließ und recherchierte. Macar Mustafa, unser Zivilpolizist, hatte, nachdem ich den Tatort der Hinrichtung verließ, Fotos gemacht. Er hatte sie irgendwo entwickeln lassen und dem Gehilfen von Sükrü Kaya gegeben. Während des kurzen Gespräches stellte ich fest, dass Atatürk über alle Details Bescheid wusste. Er mochte so etwas nicht. Atatürk war ein demokratisch eingestellter Mensch. Ich vernichtete sofort die Negative, die gedruckt wurden. Zwei der Fotos nahm ich an mich. Ich ging zu Atatürk und überreichte ihm ein Foto und sagte: ‘Ihr Befehl ist erfüllt’.- ‘Sind alle vernichtet worden?’, fragte er. ‘Ja, sind sie, Nur zwei Fotos habe ich behalten’, erwiderte ich. ‘Was soll mit denen geschehen?’, fragte Atatürk. ‘Wenn Sie es erlauben, möchte ich eins Seiner Exzellenz geben, eins möchte ich behalten’. ‘Was willst du mit den Fotos?’, fragte er. ‘Wenn Sie erlauben, möchte ich meine Memoiren niederschreiben’. Atatürk sagte ‘Gut, dann gib mir eins’. Ich gab’s ihm. Atatürk stieg aus dem Zug aus und machte sich auf dem Weg zum Volkshaus. Er fuhr nicht mit seinem Auto. Er ging mitten durch die Menge der ‘weißen Hosen’. Ich hatte meine Hände in den Hosentaschen, und hielt in jeder Hand jeweils eine Pistole. Die ‘weißen Hosen’ schauten, ohne etwas zu sagen. Sobald einer im Begriff war, einen Schritt zu machen, würden wir es verhindern. Atatürk kam endlich lebendig am Volkshaus an und machte sich auf dem Weg zur Brücke Singec Köprüsü. Ich war auch in der Truppe. Atatürks Sekretär Velid fragte mich ‘Hast du eine Aufgabe?’. Ich war schlecht drauf und antwortete: ‘Ich habe Ärger von Atatürk bekommen’. ‘Dann las uns nach Arap Baba in Harput gehen’, sagte er. Wir gingen und kehrten frühzeitig zurück. Atatürk kam abends von der Brücke Singec Köprüsü zurück. “

[Ihsan Sabri Çaglayangil, Anilarim, Seite 51-52, Yilmaz Yayinlari, 1990]

 In diesem Abschnitt wurde auf die Aussagen der Zeitzeugen verzichtet. Die Aussagen der Zeugen und der Überlebenden vom Dersim-Genozid werden später in einer Sonderausgabe der Weltöffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Zum Beweis des Völkermordes an den DersimerInnen (alewitische Zazas) wurden in erster Linie Quellen der Gründer und der höchsten Repräsentanten des türkischen Staates herangezogen.

Beschluss des Ministerrats über exemplarisch -abschreckende Vernichtungsaktion Tuncelis im Jahre 1937

STRENG GEHEIM

BESCHLUSS

 

Das Ministerium                                                                                                         4. Mai 1937

Beschlussdirektorium

Beschluß-Nr.:

Mit der persönlichen Teilnahme des Atatürk und des Generalfeld-Marschalls (Fevzi Çakmak-Anmerkung des Übersetzers) am 04.05.1937 wurden die Protokolle über die Ereignisse in Tunceli genau untersucht und eingehend geprüft und der unten folgende. Beschluß gefasst:

1.        
Die gesammelten Streitkräfte haben mittels eines starken und äußerst wirkungsvollen offensiven Angriffes über Nazimiye, Keçigezen (Asagi Bor), Sin bis zur Grenze Karaoglan anzukommen.

2.
Diesmal ist das aufständische Volk aus diesem Gebiet zu sammeln und in ein anderes Gebiet zu deportieren. Während dieser Zusammenlegungsaktion sind einerseits alle Waffen dort zu sammeln, andererseits die Festgenommenen mit der gleichen Intensität zu deportieren. Zum jetzigen Zeitpunkt sind seitens der Regierung alle Maßnahmen hinsichtlich der Deportation von 2000[2] Personen geschaffen worden.

ACHTUNG:

Wenn man sich nur mit Angriffsaktionen begnügen würde, würden die Aufstandsquellen für immer dort weiter existieren. Aus diesem Grunde sind alle, die eine Waffe benutzt haben und benutzten an Ort und Stelle bis zum Schluss in die Lage zu bringen, dass sie keinen Schaden mehr anrichten können[3] die Dörfer sind gänzlich zu vernichten und ihre Einwohner[4] zu deportieren.

Vermerk: Nach der Ankunft der Truppen aus Malatya und Ankara in das Kriegsgebiet und der Übung und Erholung der Kriegstruppen auf dem Kriegsfeld, außerdem Stationierung der Bataillonstruppe aus Diyarbakir in das Kriegsgebiet vergeht eine Woche, somit ist der geeignete Angriffsdatum der 12. Mai.

Vermerk: Ohne Rücksicht auf das Geld zu nehmen, muss versucht werden, so viele Menschen wie möglich aus ihnen zu gewinnen, um sie für das Ziel benutzen.

Unterschrift

Nr. 12: GESETZ ÜBER DIE VERWALTUNG DER PROVINZ TUNCELI

GENEHMIGUNGSDATUM: 25. DEZEMBER 1935

Veröffentlichung im Amtsblatt und Datum: 2. Januar 1936 - Nr.: 3195

Gesetz-Nr.: 2884

VERWALTUNGSTEIL

Paragraph 1

Es wird für die Provinz Tunceli eine Person im Rang des Generalleutnants zum Gouverneur und Kommandanten/Befehlshaber ernannt werden, der seine Beziehungen zur Armee aufrechterhalten wird und im Besitze aller Kompetenzen entsprechend seines Ranges ist.

Der Gouverneur und Kommandant wird, entsprechend der Regelung, mit der Bedingung der Zustimmung des Nationalen Verteidigungsministeriums aufgrund des Vorschlages des Innenministeriums und des Beschlusses des Ministerrates ernannt.

Dieser Gouverneur und Kommandant ist ebenfalls der Inspekteur des neu gebildeten Vierten Generalinspekteursamtes.

Paragraph 2

Der Gouverneur und Kommandant ist in seiner Provinztätigkeit im Besitze aller Kompetenzen, die auch gesetzlich den Ministern innerhalb ihrer Tätigkeit der Provinzverwaltung und über die Beamten der Provinzverwaltung zustehen.

Falls der Gouverneur und Kommandant es als erforderlich sieht, ändert er die Grenzen und Zentren der Kreise und Bezirke, die die Provinz darstellen und teilt diese Änderung dem Innenministerium mit.

Paragraph 3

Die Bürgermeister der Kreise und Kreisdirektoren dieser Provinz können, entsprechend der Regelung, nach Vorlage der Bestätigung des Verteidigungsministeriums, mit dem Vorschlag des Kommandanten und der Bestätigung des Innenministeriums mittels eines Beschlusses und mit der Bedingung, dass sie ihre Beziehungen zu der Armee fortsetzen, aus den Offizieren der Armee ernannt werden.

Die Gehälter und Ränge dieser Personen und der Offiziere bei der Provinzverwaltung bleiben weiter bestehen. Ihre Dienste hier zählen zu den Armeediensten und ihre Gehälter werden entsprechend ihres Ranges aus dem Etat des Verteidigungsministeriums gezahlt.

Paragraph 4

Die Kosten des Umzugs der Beamten und Diener, deren Ernennung durch den Gouverneur und Kommandanten erfolgt, werden übernommen.

Paragraph 5

Der Gouverneur und Kommandant macht gegenüber die Offiziersbeamten von  seiner Ermächtigung der Festlegung von Disziplinarmaßnahmen Gebrauch, die die Militärgesetze ihm einräumen, um die strenge Disziplin in der Armeebeamtenschaft aufrechtzuerhalten.

Die übrigen Beamten betreffend, macht er direkten Gebrauch von seinen Rechten wie Gehaltskürzung, niedrigerer Rangeinstufung, die ansonsten außer der Warn- und Tadelungsstrafen, durch andere Gesetze von den Disziplinarkommissionen ausgeübt und die als Straftaten registriert werden. Die Zurückstufung in die niedrigere Klasse und Entlassung aus der Beamtenschaft werden nach den Beschlüssen der Disziplinarkommission durchgeführt.

Das Gesetz über das richterliche Urteil bleibet weiter bestehen. Aber der Gouverneur und Kommandant hat die Befugnis, die Gerichtsbeamten und -sekretäre nach der Verordnung für Richter, nachdem sie ebenfalls durch ihre Direktoren bestraft werden können, zu bestrafen.

Paragraph 6  

Die Aufgabe des Generalprovinzrates unter der Leitung des Gouverneurs oder einer von ihm zu ernennenden Person übernimmt eine Kommission, die aus den Mitgliedern des Provinzverwaltungsrates und den Kreisdirektor der Kreisstädte besteht. Die Tätigkeit der ständigen Kommission unter der Leitung des Gouverneurs oder einer von diesem ernannten Person, wird von einem Ausschuss ausgeübt, der aus dem Finanz-, und Bildungsdirektor, Bebauungs- und Landverkehrsoberingenieur oder sonstigen diese Aufgaben ausführenden Personen besteht. Die Regeln des Sonderprovinzverwaltungsgesetzes haben ihre Gültigkeit.

Paragraph 7

Der Gouverneur und Kommandant kann die Aufgabe des Bürgermeisters, wenn es nach seiner Auffassung erforderlich ist, den Kreis- und Bezirksdirektoren der Kreisstädte übertragen.

RECHTSTEIL

ERSTER ABSCHNITT

ERMITTLUNGSVERFAHREN

Paragraph 8  (...)

Paragraph 9

Die Staatsanwälte der Republik machen beim Ermittlungsverfahren von denselben Rechten Gebrauch, die auch den Ermittlungsrichtern zustehen.

Paragraph 10

Beim Ermittlungsverfahren können die Staatsanwälte der Republik die Angeklagten und die Zeugen getrennt oder zusammen gegenüberstellen.

ZWEITER ABSCHNITT

VERFAHRENSREGELN DES ÖFFENTLICHEN RECHTS

Paragraph 11

Die Staatsanwälte der Republik können die Angelegenheiten, bei denen sie eine Vorermittlung nicht als notwendig ansehen, mittels der Anklageschrift direkt an das Gericht zuleiten. Die Staatsanwälte können sogar bei den Angelegenheiten, bei denen die Vorermittlung per Gesetz zwingend vorgeschrieben ist, von dieser Ermächtigung Gebrauch machen.

Paragraph 12

Die Ermächtigung über die Genehmigungserteilung einer Verfahrenseröffnung bei den Rechtsstreitigkeiten, die einer Genehmigung bedürfen, unterliegt dem Gouverneur und Kommandanten.

DRITTER ABSCHNITT

VORERMITTLUNG

Paragraph 13

Die Berufung der Bestimmungen hinsichtlich der Ablehnung des Richters seitens des Angeklagten sind ausgeschlossen.

 
Paragraph 14

Die Vorermittlung im Beisein des Schreibers durch die Staatsanwälte der Republik darf nicht bei der Erstermittlung wiederholt werden.

Paragraph 15

Es darf nicht gegen den Beschluss der Eröffnung des Erstermittlungsverfahrens widersprochen werden.

Paragraph 16

Über die im Paragraph 10 aufgeführte Berechtigung verfügt auch der Vernehmungsrichter.

Paragraph 17

Die Staatsanwälte sind verpflichtet, die Anklageschrift innerhalb von zwei Tagen nach Abschluss der Vorermittlung niederzuschreiben.

Paragraph 18

Die Anklageschrift wird nicht dem Angeklagten erteilt.

Paragraph 19

Die Ermittlung der die schweren Bestrafung erfordernden Delikte findet unter der Festnahme des Angeklagten statt, und die Bestimmungen über die Freilassung des Festgenommenen vor dem Prozess unterliegen der Genehmigung des Gouverneurs.

Paragraph 20

Die Forderungen des Angeklagten über die Wiederherstellung des Erstzustandes ist ausgeschlossen.

Paragraph 21

Das Berufungsrecht über das Verhaftungsurteil bei der Erstermittlung seitens des Angeklagten ist ausgeschlossen.

VIERTER ABSCHNITT

GERICHTSVERHANDLUNG

Paragraph 22 (...)

Paragraph 23

Die Bestimmungen der Paragraphen 13, 19 und 21 werden auch bei der Gerichtsverhandlung angewandt.

Paragraph 24

Eine Verspätung zwingende Situationen ausgenommen, erfolgt die erforderliche Zustellung und innerhalb von fünf Tagen nach der Zustellung der Anklageschrift findet die Gerichtsverhandlung statt.

Falls der Angeklagte mit erwiesenen Beweismitteln verklagt wird, wird sofort nach der Gerichtsverhandlung ein Urteil gefällt. Liegen keine Hindernisgründe vor, wird der Prozess nach der ersten Gerichtsverhandlung abgeschlossen. Der Staatsanwalt der Republik ist verpflichtet seine Anklage bei derselben Gerichtsverhandlung vorzutragen.

Paragraph 25

Falls Verschiebungs- oder Vertagungsfristen nicht erforderlich sind, vergehen nicht mehr als fünf Tage.

Paragraph 26

Ist der Staatsanwalt der Republik der gleichen Auffassung, genügt es, dass die Zeugenaussagen, die durch die Staatsanwälte der Republik und den Vernehmungsrichter bei der Erstermittlung festgestellt wurden, nur vorgelesen und somit akzeptiert zu werden.

Paragraph 27

Nach der Sammlung der Beweise teilt der Staatsanwalt der Republik sofort die Beschuldigung/Anklage dem Gericht mit. Aus Gründen, wie die Dauer des Prozesses in mehreren Gerichtsverhandlungen und der Erfordernis der Bearbeitung der Akte, kann dem Staatsanwalt der Republik eine Frist von fünf Tagen gewährt werden, um die Beschuldigung vorzubereiten.

Paragraph 28

Um die Verteidigung vorzubereiten, kann dem Angeklagten und seinem Verteidiger eine Frist von zwei Tagen gewährt werden. Das Urteil ist innerhalb von drei Tagen nach Abschluss der Gerichtsverhandlung mitzuteilen.

Paragraph 29

Für die innerhalb der Provinz in den Strafgerichten gefällten Urteile gilt nicht das Berufungsrecht, und diese sind nicht unanfechtbar.

Paragraph 30 (...)

FÜNFTER ABSCHNITT

VERSCHIEDENE BESTIMMUNGEN

Paragraph 31

Falls es aus Sicht des Gouverneurs und Kommandanten aus Sicherheitsgründen erforderlich ist, ist er ermächtigt, die Deportierung der Personen und Familien aus den Einwohnern und ihre Angehörigen von einem Ort zum anderen innerhalb der Provinz anzuordnen oder das Wohnen der genannten Personenkreise innerhalb der Provinzgrenze zu verbieten.

Paragraph 32

Der Gouverneur und Kommandant ist berechtigt, die strafrechtliche Verfolgung einer Person aufzuschieben oder die Strafaufhebung zu beschließen.

                         Diese Aufschiebung oder Aufhebung verhindert nicht Regelung über die Verjährungsfristen.

Paragraph 33

Solange der Gouverneur und Kommandant eine Aufhebung der Strafe nicht als erforderlich ansieht, wird befohlen, die Todesstrafe zu vollstrecken.

Paragraph 34

Falls Bewohner von Tunceli in Elazig, Malatya, Sivas, Erzincan, Erzurum, Gümüshane, Bingöl Straftaten nach dem Strafgesetz der Türkischen Republik vergangen haben und wenn diese festgestellten Straftaten in einem Zusammenhang mit den Straftaten innerhalb der Provinz Tunceli stehen, werden die Straftäter und ihre Gehilfen nach diesem Gesetz durch die Behörden und Gerichte in Tunceli strafrechtlich verfolgt.

Paragraph 35

Die Bestimmungen dieses Gesetzes sind rückwirkend wirksam.

Paragraph 36 (...)

Paragraph 37

Dieses Gesetz ist vom Veröffentlichungsdatum an bis 1. Januar 1940 gültig.

Paragraph 38

Diese Gesetzesbestimmungen werden durch den Ministerausschuss durchgeführt.
31.12.1935[5]  

_____________________

[1] Beisitzer bei der Hinrichtung.

[2] Die Zahl ”2000 Personen” umfasst nur die führende Persönlichkeiten des Volkes-Anmerkung des Übersetzers. Quelle: M.Kalman, Belge ve Taniklariyla Dersim Direnisleri, Nujen Yayinlari, Oktober 1995, Istanbul, Seite 180-195

[3] Gemeint ist, dass sie zu vernichten sind - Anmerkung des Übersetzers.        

[4] Die meisten Einwohner wurden mit Maschinengewehren ermordet und verbrannt - Anmerkung des Übersetzers

[5] Ergänzung: Die o.g. Gesetzesbestimmungen wurden mit dem erlas von verschiedenen Gesetzen bis Ende 1946 verlängert
Johannes Düchting

Publiziert am: Mittwoch, 28. Dezember 2011 (9278 mal gelesen)
Copyright © by Kurdistan Portal

Druckbare Version  Diesen Artikel an einen Freund senden

[ Zurück ]