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Der Löwe des Daroghas

Kurdische Fabeln

In einem fernen Land war ein König, der seine Untertanen sehr knechtete. Er tat, was immer ihm in den Sinn kam. Sein hof war voll von Wesiren(Vertreter des Königs), Moschiren(Berater d. K. ), Gesiren (Folter- u. Henkersknecht, sowie, Spion d. K.) Sardaren(Oberbefehlshaber d. königl. Krieger), Sarbaren(Günstling d. K.) und Lügnern.
Er hatte auch einen Darogha( sorgt im Namen des Königs für Ruhe und Ordnung in der Stadt), der Samal hieß. Dieser war ein großer Mann mit breiten Schultern, einem gedrungenen Hals und hervortretenden Augen. Er war harmlos, unnütz und frönte den Freuden des Gaumens. Die Höflinge dachten alle, der Darogha sei sehr mutig und er könne alles vollbringen, was er sich vorgenommen habe, selbst einen Löwen in die Knie zwingen. Doch alles, was ihn ausmachte, was seine Gestalt, und er war zu nichts imstande. Der König machte ihm darob oft heftige Vorwürfe und hielt ihm vor, den Lohn, den er ihm bezahle, könne er genauso gut zum Fenster hinauswerfen. Deshalb beschloss der Darogha eines Tages, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.

An einem bestimmten Morgen schlenderte der Darogha in der Stadt umher. Er erblickte einen Schuhmacher, der, auf einem Löwenfell sitzend, seine Arbeit verrichtete. Das brachte ihn auf einen Gedanken. Er schickte seinen Leibwächter weg, ging auf den Schuhmacher zu und sprach ihn mit schroffer Stimme an: „ Wie heißt du?“ Der Schuhmacher, der den Darogha in seinem Wesen gut kannte, wurde von Angst erfasst und antwortete: „ Majestät, ich bin Euer gehorsamster Diener Suleiman. Doch die Leute sagen zu mir Meister Dsata, und ich habe alle Steuern gezahlt und sonstigen Pflichten erfüllt!“
Der Darogha sagte weiter: „ heute ist das Glück zu dir gekommen. Ich werde dir eine Aufgabe stellen, und wenn du sie gut erledigst, zahle ich dir jeden Tag 10 Tuman, und dein Löwenfell werde ich um 50 Tuman kaufen.“
Wie fühlte sich da Meister Dsata, der eine Strafe erwartet hatte und stattdessen von 10 und 50 Tuman reden hörte! Er ging zum Darogha hin, küsste dessen Füße und erklärte sich bereit, den geforderten Dienst zu leisten, weil er glaubte, er solle diesem neue Schuhe fertigen.

Der Darogha aber erklärte: „Die Arbeit ist sehr angenehm. Morgen in der Frühe sollst du dir dein Löwenfell überziehen, und ich werde dich an den Ohren zum Hof des Königs hinführen Dann werde ich sagen: „ Seht her, ich habe ihn auf der Jagd gefangen!“

Meister Dsata, der aus Freude über den in Aussicht gestellten Lohn wie betrunken war, wurde auf einmal eisig kalt und zitternd sagte er:“ Nein, Majestät, ich bin ein alter Mann, dem Sterben nahe, ich habe viele Kinder, ich bitte Euch, findet jemand anderen, ich kann das nicht machen!“ Der Darogha erwiderte: „ Glaube ja nicht, du darfst frei wählen. Ich werde dich dazu zwingen, und wenn du es irgendjemandem verrätst, werde ich dir die Zunge abschneiden. Heute Abend musst du dein Löwenfell zu mir bringen. Wenn du deines Lebens überdrüssig bist, dann mach, was du willst. Es soll dir auch klar sein, dass diese Arbeit einige Tage in Anspruch nehmen wird und du erst dann an deinen Arbeitsplatz zurückkehren wirst.“

Dann warf der Darogha Meister Dsata 100 Tuman hin und ging weg. Meister Dsata konnte bis zum Abend nichts mehr arbeiten, sosehr bewegte ihn das Vorgefallene, und seine Beine vermochten ihn kaum nach Hause zu schleppen. Er kaufte noch einige notwendige Güter, und zu Hause rief er seine Frau zu sich und sprach zu ihr:“ Ich muss auf Reisen gehen. Die Kinder dürfen nichts davon erfahren. Hier hast du Geld, gehe sparsam damit um. Denn das Fortgehen liegt in meiner Hand, die Rückkehr in der Gottes. Wenn ich nicht mehr zurückkehre, gehe zum Darogha hin und sage, dass du Dsatas Frau bist. Wir beide verstehen uns gut, er wird dir sicher helfen.“

Meister Dsata blieb nichts anderes übrig, als des Daroghas Befehl Folge zu leisten. Er nahm sein Löwenfell und ging zu diesem hin. Der Darogha empfing ihn herzlich. Als die anderen im Haus eingeschlafen waren, besserten sie die schadhaften Stellen im Löwenfell aus und machten sich in der Morgendämmerung des nächsten Tages zu den Bergen hin auf den Weg.

Wie sie dort angekommen waren, zog sich der Schuhmacher sogleich das Löwenfell über. Als er damit fertig war, nahm ihn er Darogha an einem Ohr, ergriff mit der anderen Hand den Krummsäbel in seinem Gürtel und zog, einem Kriegshelden gleich, mit dem Löwen zur Stadt hin. Als die Leute auf dem Weg den Darogha eine so bewundernswerte Tat vollbringen sahen, eilten sie zu dem Hofe des Königs hin und erzählten:“ Majestät, vernehmt die wunderbare Kunde: Der Darogha hat einen Löwen gefangen und führt ihn soeben am Ohr zu dem Hofe Eurer Majestät.“

Der König stand sofort aus seinem Thronsessel auf, vergaß die Krone aufzusetzen und lief zu den anderen Schaulustigen hinaus, um den Einzug des Darogha zu sehen. Und seine eigenen Augen gewahrten, was ihm berichtet worden war. Der Darogha erblickte den König und rieg ihm zu: „Majestät, genug ob der Scham wegen meines Unvermögens, das hier ist nichts Besonderes, es gereiche aber zur Ehre Eures Thrones!“

Und die Gefolgsleute des Königs priesen die große Tat des Daroghas, und dieser beschrieb in prahlerischen Worten, wie er sie zuwege gebracht hatte. Dann sprach der Darogha zum König: „ Dieser Löwe ist sehr wild, niemand kann ihn beherrschen. Wenn ihr erlaubt, nehme ich ihn mit in mein Haus und sperre ihn in einen Käfig.“ Der Darogha erhielt vom König zahlreiche Geschenke, nahm den Löwen wieder am Ohr und brachte ihn zu seinem Haus.

Die Nachricht, dass der Darogha Samal einen Löwen gefangen hatte, ging von Mund zu Mund und verbreitete sich in Windeseile in der ganzen Stadt. Schließlich kam sie auch dem König des Nachbarreiches zu Ohren. Er sandte einen Boten zum König, der meldete, man habe einen Tiger und man könne dem Kampf der beiden miteinander beiwohnen. Als der König diese Nachricht vernahm, sagte er:“ Ich bin sicher, dass der Löwe, wenn er gegen den Tiger kämpft, siegreich sein wird.“ Es wurden der Ort und die Stunde festgelegt, da der Löwe mit dem Tiger kämpfen sollte, und die beiden Könige sorgten für die gebührende Vorbereitung der Veranstaltung.

Als Meister Dsata dies hörte, begannen ihm die Knie zu schlottern. Er lief zum Darogha und sprach: „ Endlich habt Ihr meinen Tod beschlossen! Habt Erbarmen mit mir! Was Ihr mir gegeben habt, gebe ich Euch zurück. Ich bin ein alter Mann, kann nicht mehr gehen. Der Tiger wird mich mit einem Schlag vernichten, und ich werde viele Kinder hinterlassen.“
Der Darogha, der nicht damit gerechnet hatte, dass die Dinge einen solchen Verlauf nehmen würden, sah keinen anderen Ausweg, als dass der Schuhmacher den Kampf aufnähme, und sprach: „ Warum bist du so ängstlich? Du bist ein Löwe, und er ist ein Tiger. Wenn du ihn einmal wie ein Löwe anbrüllst, wird er weglaufen.“

So zwang der Darogha den Schuhmacher, auf dem Kampfplatz gegen den Tiger anzutreten. Viele Schaulustige waren gekommen, um dem Kampf zwischen dem Löwen und dem Tiger beizuwohnen. Der Löwe und der Tiger standen einander auf dem Kampfplatz gegenüber. Wie oft hatte Meister Dsata auf dem Weg dorthin voll Angst den Namen Gottes in den Mund genommen! Doch auch dem Tiger ging es nicht besser. Seine ganze Kraft hatte ihn verlassen, und voll Schrecken blickte er den Löwen an.

Als die beiden von ihren Leinen befreit waren, merkte der Tiger, dass die Schritte des Löwen noch langsamer und kraftloser als die seinen waren. Er fasste Mut und brüllte den Löwen an.

Den Löwen ergriff eine große Angst, und er lief zurück. Von allen Seiten ertönte Jubelgeschrei, Freudengesänge wurden auf den Sieg des Tigers angestimmt, Trommelwirbel wurde laut.

Als der König das sah, wurde er ärgerlich. Er befahl, den Löwen wieder dem Tiger gegenüberzustellen, weil er natürlich nicht wusste, warum der Löwe die Flucht ergriffen hatte.

Dem Darogha hingegen war alles klar vor Augen. Er ging zu Meister Dsata hin und gab ihm ein Paar so starke Ohrfeigen, dass ihm gewiss der Kopf fort geflogen wäre, wenn er nicht im Löwenkleid gesteckt hätte. Noch einmal begann Meister Dsata zu jammern und flehte den Darogha an, der möge ihn gehen lassen.

Der Darogha aber drohte ihm: „ Wenn du nicht hingehst und den Tiger besiegst, werde ich dir heute Abend den Garaus machen.“ Dem Löwen blieb also nichts übrig, als wieder auf den Kampfplatz zurückzukehren. Mit zitternden Knien näherte er sich dem Tiger. Der Tiger blieb dort, wo er war, stehen, bis der Löwe ganz nahe an ihn herangekommen war.

Dann sprach er zu ihm: „ Was ist mit dir? Warum läufst du weg? Ich bin auch nur der Brotbäcker von dem anderen Königshof. Sie haben genauso wie ihr den König auf den Leim geführt, damit sie ihr Brot essen können und ich das meine. Komm, balgen wir uns ein wenig, damit die Leute ihren Spaß haben und wir unser Brot verdienen. “

Der Löwe des Daroghas und andere kurdische Fabeln

Publiziert am: Dienstag, 11. April 2006 (8772 mal gelesen)
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