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Das Mykonos-Attentat

Das Mykonos-Attentat war kein Einzelfall

Vor fünf Jahren wurden in Berlin führende Exil-Kurden im Auftrag des iranischen Geheimdienstes ermordet.

Der 17. September 1992 in Berlin-Wilmersdorf: In einem Hinterzimmer des griechischen Restaurants "Mykonos" dabattiert eine Gruppe Männer die politische Lage im Iran. Eingeladen hat Sadegh Charadkandi, seit 1989 Generalsekretär der Demokratischen Partei Iranisch-Kurdistans (PDKI). Die Männer sind Vertreter unterschiedlicher iranischer Oppositionsgruppen. Gegen 23 Uhr, das Restaurant ist fast leer, nähern sich zwei Maskierte den Tisch. Der eine zieht etwas unter dem Tisch. Der andere zieht ein Maschinengewehr unter dem Arm hervor. Er schießt. Vier Menschen sterben in dem Kugelhagel, unter ihnen Charafkandi.
Ein Augenzeuge berichtet später, der Generalsekretär sei mit zwei oder drei Schüssen gezielt ermordet worden, ebenso wie drei weitere Funktionäre der iranischen Kurden: Fattah Abdoli, Homayoun Ardalan und Mohammadpour Dehkordi. Die deutsche Polizei nimmt im Laufe der nächsten Monate zwei Iraner und drei Libanesen fest. Im Mai 1993 klagt die Bundesanwaltschaft zwei von ihnen des Mordes und die anderen der Beihilfe an. Als Auftraggeber nennt sie den iranischen Geheimdienst VEVAK.

Szenenwechsel: Der 13. Juli 1989, drei Jahre vor "Mykonos", ein Donnerstag: Der damalige Generalsekretär der Kurden-Partei PDKI, Abderrahman Ghassemlou, spricht in einer Wiener Wohnung mit zwei kurdischen Oppositionellen und drei Iranern über mögliche Lösungen des Kurden-Konfliktes in seinem Heimatland. Plötzlich fallen Schüsse: Ghassemlou und die beiden anderen kurdischen Exilpolitiker sterben durch Kopfschüsse. Augenzeugen berichten später, der Tatort habe ausgesehen wie der Schauplatz einer Hinrichtung. Die Iraner überleben. Einer von ihnen soll Djafari Saharudi gewesen sein, ein enger Vertrauter des damaligen iranischen Parlementspräsidenten Haschemi Rafsandjani. Saharudi wurde von einem Querschläger schwer verletzt, einer der Attentäter flüchtete in die exterritoriale Botschaft Teherans in Wien, der dritte konnte fliehen. Unter bis heute ungeklärten Umständen ließen die Österreicher die beiden Iraner ausreisen, einen von ihnen hat die Staatspolizei sogar zum Wiener Flughafen eskortiert.

Wien 1989, Berlin 1992: Die Umstände des Attentats von Wien sind bis heute ungeklärt, das Urteil zum Berliner "Mykonos-Attentat " aber sorgt bis heute für diplomatischen Streit zwischen dem Iran, der Europäischen Union und besonders der Bundesrepublik Deutschland. Eines jedoch ist in beiden Fällen klar: Sowohl in Wien als auch in Berlin wurde der kurdischen Opposition in Iran sozusagen der Kopf abgeschlagen. Im April hat ein deutsches Gericht vier der fünf Angeklagten im Mykonos-Prozeß schuldig gesprochen. Den Befehl für den Mord haben nach Auffassung des Gerichts ranghohe Mitglieder der iranischen Staatsführung gegeben. Erstmals stand Teheran in Europa offiziell als Drachtzieher eines Mordanschlages auf Oppositionelle da.

Daß dieses Urteil Folgen für die Mullahs in Teheran und ihre Terrorakte im Ausland hatte, glaubt auch Mustafa Kisabacak, Bundesvorsitzender der als gemäßigt geltenden kurdischen Organisation KOMKAR in Deutschland.

"Der Iran hat sich nach dem Urteil im Mykonos- Prozeß natürlich nicht getraut, im europäischen Ausland ähnliche Attentate auszuüben. Aber in der Türkei sind nach dem Urteil einige Exil-Iraner ermordet aufgefunden worden. Politische Morde an Exil-Iranern gehören in der Türkei inzwischen fast zum Alltag - obwohl der iranische Staat als Auftraggeber verdächtigt wird. Dieser Verdacht wurde von offiziellen Stellen öfters geäußert, wurde doch bis heute keiner dieser Morde aufgeklärt."

Dabei ist man schon im Persischen Reich nie zimperlich mit den nach unterschiedlichen Angaben zwischen 3,5 und 5 Millionen Kurden im Land umgegangen. Bereits im Jahr 1945, als die Souveränität des Schahs über das sowjetisch besetzte Aserbeidschan und Kurdistan zusammenbrach, formierte sich unter Qazi Mohammad die "Demokratische Partei Kurdistans". Unter ihm gelang es den Kurden, von den Sowjets die Zustimmung zur Gründung eines autonommen Staates zu erreichen - an 22. Januar 1946 rief Qazi Mohammad die Republik von Mahabad aus. Doch die war wohl allzu abhängig von der Präsenz der sowjetischen Truppen, wie sich rasch zeigte. Auf internationalen Druck hin zog die Rote Armee im Mai 1946 ab - als Entschädigung erhielten die Russen das Nutzungsrecht an iranischen Ölfeldern.

Für die Kurden blieb mithin zu wenig Zeit, die junge Republik zu festigen. Das Ergebnis: Die iranische Armee sah ihre Chance und stieß im November 1946 zunächst nach Aserbaidschan, im Dezember nach Mahabad vor. Um ein Blutbad zu verhindern, gab Qazi Mohammad ohne nennenswerten militärischen Widerstand auf. Er und seine Kabinettsmitglieder sollten das mit dem Leben bezahlen - Qazi Mohammad wurde wurde öffentlich auf jenem Platz hingerichtet, auf dem er zuvor die kurdische Republik ausgerufen hatte.

Der Schah hatte den Befreiungskrieg der irakischen Kurden zwischen 1960 und 1974 zunächst unterstützt - aber offenbar nur, um die 1958 in Bagdad etablierten arabisch-sozialistischen Revolutionsgerichte zu destabilisieren und so ein Übergreifen der Baath-Politik auf Persien zu verhindern. Mit dem Algier-Abkommen vom 6. März 1975 zwischen dem Iran und Irak fand Schah Reza Pahlevi allerdings eine ihm wohl genehmere Lösung. Mit dem Vertragswerk konnte er die anstehenden Fragen bilateral regeln - für die Kurden das Ende ihrer Hoffnungen.

Auch die schiitische Revolution unter Ayatollah Khomeini brachte den Kurden keine neuen Lösungen: Zwar führten sie zunächst Verhandlungen mit den neuen Herrschern im Land. Doch die Zugeständisse an die Kurden wurden nicht eingehalten. An eines scheinen sich die Nachfolger des Ayatollah Khomeini aber sehr wohl zu halten: In einer noch im Revolutionsjahr 1979 verbreiteten Erklärung hatte Khomeini die Kurden wegen ihrer anhaltenden Rebellionen als "korrupte Leute mit Kontakten zu anderen Staaten" bezeichnet. Ihre Führer, so Khomeini wörtlich, müßten "so schnell wie möglich hingerichtet werden". Und tatsächlich: Seit den Attentaten auf Abderrahman Ghassemlou in Wien und seinen Nachfolger Sadegh Charafkandi im Restaurant Mykonos in Berlin ist es merklich ruhig geworden um die Kurden in Iran.
Kai Horstmeier

Publiziert am: Sonntag, 29. April 2007 (5872 mal gelesen)
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