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Anfal - Der Beutezug - Südkurdistan

Genozid am kurdischen Volk

Die militärische Anfal-Operation umfasste acht Einsätze zwischen Februar und September 1988. 

Die erste Anfal-Operation begann am 23. Februar und endete am 19. März. Sie traf die Orte Yakhsamar, Mauma am Berg Gojar, Haladin, Sergalou und Bergalou sowie Surdah und Sekanîyan. Ziel war das Hauptquartier der Patriotischen Union Kurdistans, PUK.
Das Jafatî-Tal liegt südwestlich des Dûkan-Sees, einem der zwei großen Wasserreservoirs in Südkurdistan. Von dort wird der Strom nach Hewlêr aber auch nach Silêmanî geliefert. Den Namen hat das Tal vom dort lebenden Stamm der Jaf. Mindestens sieben chemische Angriffe wurden registriert. Die Angriffe galten dem Politbüro der PUK, der PUK-Radiostation und dem zentralen Feldlazarett. Auch das 2. regionale PUK-Kommando (malband), zuständig für die Peshmerga-Einsätze in der Region von Kerkûk, befand sich im Jafatî-Tal. Neben den PUK Einheiten befanden sich auch Gruppen der KDP-Iran und der Komala-Iran dort.

Die PUK hatte für den Februar 1988 einen starken strategischen Schlag gegen die Truppen der irakischen Zentralregierung geplant: Mit der Eroberung der Städte Ranîya, Koysinjaq und Qala Dizêh sollte die Kontrolle über den Dukan-See gesichert und damit ein wichtiger Teil der Stromversorgung unter PUK-Kontrolle gebracht werden. Seit 1985 hatte die PUK ihr gut geschütztes Hauptquartier im Jafati-Tal, die dort lebende Bevölkerung war in Selbstverteidigungseinheiten organisiert. Bereits im Juni 1987 war es zu einem kurzen Chemiegasangriff auf das Tal gekommen, eine Familie starb, als ihr Haus direkt von einer Bombe getroffen wurde.

Aufgrund von Geheimdienstberichten war die irakische Führung über bevorstehende Aktionen informiert. Sie rechneten mit einem koordinierten Angriff auf die südöstlich von Silêmanî liegende Stadt Halabdja. Mit dem Angriff vom 23. Februar startete die irakische Armee ihre Vernichtungskampagne. Bereits am gleichen Tag hieß es seitens der irakischen Führung, dass diejenigen, die in den bevorstehenden Schlachten fallen würden, „Märtyrer in der glorreichen Schlacht Saddams gegen den Iran (Qadissiayah)".

Den Luftangriffen in den frühen Morgenstunden folgten mit Tagesbeginn die Bodentruppen. Sie zogen einen dichten Belagerungsring um das Tal mit seinen knapp 30 Dörfern. Mehr als drei Wochen hielt die PUK der Belagerung stand. Anfang März aber durchbrachen die irakischen Truppen die PUK-Stellungen, fielen über die Dörfer her und machten sie dem Erdboden gleich. Die Einwohner flohen mit Unterstützung der PUK-Peshmerga Richtung Iran.

Die PUK selber gibt ihre Verluste mit ca. 250 gefallenen Peshmerga an. In der ersten Anfal-Operation lassen die irakischen Truppen die über die Berge Richtung Iran fliehenden Kurden in Ruhe. Das sollte sich später ändern. Auch in Richtung Silêmanî können einige Familien fliehen. Die PUK selber versucht ein Ersatzquartier in der Nähe von Shanakhseh, nahe der iranischen Grenze, zu errichten. Die irakische Luftwaffe bombardiert Shanakhseh mit chemischen Waffen am 22. März 1988.

Die Flucht über die winterlichen Berge kostet Opfer unter der Bevölkerung. Mehrere Menschen erfrieren. Der lebensgefährliche Weg führt durch massiv vermintes Grenzgebiet. Eine Gruppe von vielleicht 80 Personen erfriert in den schneebedeckten Bergen, als sie die Entfernung zum Zielort falsch einschätzt. Es gibt Berichte von Menschen, die aufgrund von Denunziation, oder weil sie den Falschmeldungen über eine Amnestie Glauben geschenkt hatten, in irakischer Haft verschwanden. Nie wieder hat man von ihnen gehört.

Noch während die Belagerung des Jafatî-Tals anhielt, versuchte die PUK, irakische Truppen von dort abzuziehen und gemeinsam mit iranischen Truppen eine weitere Front in der Region um die Stadt Halabdja zu errichten. Das irakische Regime aber befand sich in der Offensive: Seit einigen Tagen hatte es mit SCUD-Raketen den „Krieg der Städte" eröffnet. Berichten zufolge wurden mehr als 180 solcher Raketen von irakischen Stellungen auf Teheran abgefeuert.
Ein Angriff der iranischen Truppen bei Halabdja war der irakischen Armee sogar ganz willkommen. Und tatsächlich zwang die Niederlage bei Halabdja die iranische Führung schließlich an den Verhandlungstisch.

Halabdja war zu dem damaligen Zeitpunkt eine pulsierende kurdische Kleinstadt. Nahe der iranisch-irakischen Grenze zogen viele Händler durch die Stadt. Durch die Ansiedlung vertriebener kurdischer Familien war die Bevölkerung von knapp 40.000 auf mehr als 60.000 angestiegen. Politisch stand die Stadt unter verdeckter Kontrolle der PUK, aber es gab noch andere sozialistische und kommunistische Organisationen. Stark vertreten war auch die von Teheran unterstützte Islamische Bewegungspartei. Aufgrund der offenen Unterstützung der Bevölkerung für die Peshmerga hatten Bulldozer und Soldaten bereits im Mai 1987 zwei Stadtteile von Halabdja plattgewalzt: Kam Ashqan und Mordana existierten nicht mehr.

Was geschah in den Tagen vor dem irakischen Luftangriff auf Halabja, dem grausamen Massaker an der Zivilbevölkerung, dessen Bilder um die Welt gingen? Am 13. März wurde über Radio Teheran verkündet, dass eine gemeinsame Offensive der PUK-Peshmerga und der iranischen Pasdaran Vergeltung für den Chemiewaffenangriff auf das PUK-Hauptquartier üben solle. Weitere Attacken folgten. Am 16. März verkündete Teheran, Pasdaran Truppen stünden östlich des strategisch wichtigen Darbendîxan Sees und kontrollierten bereits mehrere hundert Quadratkilometer irakischen Gebietes. Die iranische Artillerie hatte seit mehreren Tagen Halabdja beschossen, Gruppen von Pasdaran waren in die Stadt eingesickert und hatten sich offen als Sieger präsentiert. Irakische Militärposten wurden zerstört, die irakischen Soldaten zogen sich zurück.

Das Regime in Bagdad wartete ab, doch ein Gegenschlag, das war auch der Bevölkerung von Halabdja klar, war sicher. Am späten Vormittag des 16. März kam die Antwort in Form einer „starken Eskalation militärischer Macht und Grausamkeit", wie es in einem Funkspruch von den irakischen Behörden in Halabdja gefordert worden war. Die Luftwaffe griff an und schüttete Bomben über Bomben über der Stadt aus. Stunden dauerte der Angriff. Die Flugzeuge flogen so niedrig, dass die Menschen deutlich die irakische Symbole erkennen konnten.
Augenzeugenberichten zufolge waren bereits unter den ersten Bomben solche, die Phosphor und Napalm verstreuten. Am frühen Nachmittag konnten die Bewohner von Halabdja einen sonderbaren Geruch wahrnehmen, der von den abgeworfenen Bomben verbreitet wurde. Es roch nach Äpfeln, für manche nach Gurken, wieder andere beschrieben es süßlich, wie Parfüm. Den Symptomen zufolge hatte die irakische Armee Halabdja sowohl mit Senfgas als auch mit Sarin bombardiert. Die Menschen pressten feuchte Tücher über ihre Gesichter, versuchten Feuer zu machen.

Doch nichts half, schließlich mussten sie ins Freie, und dort sahen sie gespenstische Bilder: Menschen und Tiere lagen zu Dutzenden tot auf den Straßen, manche zusammengekrümmt in den Türeingängen, andere über dem Steuerrad ihres Autos zusammengesackt. Manche liefen hysterisch lachend herum, bevor sie tot zusammenbrachen.

Lediglich die iranischen Soldaten verfügten über Schutzanzüge und Gasmasken. Tausende von Menschen flohen im eisigen Regen, viele barfuss, in Richtung iranischer Grenze. Babys starben auf dem Weg. Flüchtende gerieten in die Minenfelder, die entlang der iranisch-irakischen Grenze alles Leben bedrohten. Wer überlebte, konnte die große Hilfe bezeugen, die von iranischen Ärzten und Soldaten jenseits der gebirgigen Grenze gewährt wurde: Notversorgung wurde geleistet, Schwerverletzte wurden in die Krankenhäuser nach Teheran oder Kermanshah gebracht.

Notdürftig verbrachten die Flüchtlinge zwei Wochen in umfunktionierten Schulgebäuden. Dann wurden sie in zwei große Flüchtlingslager gebracht: nach Sanghour am Persischen Golf und nach Kamiaran, im irakisch-iranischen Grenzgebiet in der Provinz Kermanshah. Nichts war den Menschen geblieben außer dem nackten Leben. Viele trugen Verletzungen für ihr Leben davon. Ihren Häusern in Halabdja, die nicht durch die Bombardierungen zerstört worden waren, gaben die Bulldozer und Sprengkommandos der irakischen Armee den Rest.

Auch die kleinen Vororte von Halabdja, Zamaqî und Anab, in denen kurdische Flüchtlingsfamilien nach den Grenzvertreibungen Ende der 70er Jahre untergekommen waren, existierten nicht mehr.
Das irakische Regime überließ die zerstörte Stadt weitgehend iranischer Kontrolle. Über Teheran kamen nur wenige Tage nach der Massenvergasung internationale Berichterstatter nach Halabdja und fotografierten die Toten: Kinder, tot, unter dem schützenden Körper des toten Großvaters. Frauen, tot, mit ihren toten Babys im Arm. Dutzende, Hunderte, Tausende von Toten lagen auf den Straßen und erfüllten die Luft mit unerträglichem Gestank.

Niemand weiß genau, wie viele es waren. Ein kurdischer Forscher sammelte bei persönlichen Befragungen die Namen von mehr als 3.200 Menschen. Andere Quellen sprechen von mindestens 4.000 und möglicherweise sogar 7.000 Toten.

Die Bilder aber, und das war den wenigsten klar, die in aller Welt in Entsetzen ausbrachen, bezeugten lediglich die Spitze eines Eisbergs. Halabdja war Vorbote der grausamen, systematisch vorbereiteten und durchgeführten Vernichtungskampagne Anfal gegen die südkurdische Landbevölkerung in den nördlichen Provinzen des Irak.

Tariq Aziz, der damalige Außenminister des Irak bemerkte lediglich: „Eine bedauerliche Sache ist der Verlust von Halabdja. Angehörige des Jalal Talabanî-Clans befinden sich in der Gegend, und diese Verräter kollaborieren mit dem iranischen Feind! Die Massenvergasung von Halabdja war also eine Kollektivstrafe für diejenigen, die mit ihren Sympathien und materiell die PUK-Peshmerga lange Kriegsjahre über unterstützt und begleitet hatten.

Am 18. März 1988 wurde schließlich das, was vom PUK-Hauptquartier in Sergalou im Jafati-Tal übrig geblieben war, von den irakischen Truppen gestürmt. In einem Kommunique teilt die Armeeführung am 19. März mit: „Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen. (...) Als Ausdruck des Willens unseres großen irakischen Volkes, haben die tapferen Streitkräfte und die guten ehrbaren Nationalisten unseres kurdischen Volkes als Antwort auf den Verrat dieser verwirrten Clique (gemeint ist die PUK), haben die tapferen Badr-Einheiten, die tapferen Al-Qa'qa-Einheiten, die tapferen Al-Mu'tasim-Einheiten (...) unter der Leitung von Generalleutnant Sultan Hashem ... die Anfal-Operation durchgeführt!“

Die zweite Anfal-Operation traf vom 22. März bis zum 1. April 1988 die Region Qara-Dagh. Das fruchtbare Land von Qara-Dagh erstreckt sich von den Glazerda-Bergen südlich der Provinzhauptstadt Silêmanî bis zu den Zerda-Bergen westlich des Darbendîxan-Sees. Sieben Chemiewaffenangriffe wurden registriert. Sie trafen die Orte Dûkan, Masoyi, Sayw Senan, wo ein Feldlazarett der PUK auch für die Versorgung der Zivilbevölkerung offenstand, weitere Angriffe galten einem PUK-Quartier in Balagjar und den Dörfern Ja'faran und Serko nahe Qara Dagh. Erste Luftangriffe, auch mit chemischen Bomben, hatte es bereits im Februar gegeben.

Als die ersten Chemiebomben am 22. März auf den Ort Sayw Senan fielen, hatten die Peshmerga zusammen mit der Bevölkerung gerade das Neujahrsfest Newroz gefeiert. Der chemische Tod kam um die Mittagszeit zu den Menschen von Sayw Senan. Bis dahin hatten sie immer mit unverwüstlichem Optimismus jeden Gedanken, dass auch sie einmal Ziel der irakischen Angriffe werden könnten, zurückgewiesen. Pfeifend und zischend fielen die ersten Bomben und verbreiteten ihren Rauch mit dem Geruch von Äpfeln und Knoblauch. Es waren wohl mehr als 80 Menschen, die bei diesem Angriff den Tod fanden. Ein Augenzeuge, der später half, die Toten zu begraben, beschreibt ein grausames Bild: „Ihre Nasen bluteten, es war, als ob ihre Gehirne explodiert seien."

Noch am gleichen Tag und am nächsten Morgen fielen weitere chemische Bomben auf Dörfer in der Region Qara Dagh. Die irakischen Truppen folgten den Luftangriffen, vom Süden her kommend. Wie Treiber, die das Wild für die Jäger aufscheuchen, durchkämmten die Soldaten die kurdischen Dörfer. Hunderte von kurdischen Familien suchten sich über die Hügel von Qara Dagh in Richtung Silêmanî nach Nordwesten in Sicherheit zu bringen. Doch die hohe Gebirgskette der Glazerda setzte ihrer Flucht ein Ende.

Am Fuß der Berge wimmelte es nur so von irakischen Truppen. Nachdem bei Kontrollen Waffenverstecke der Peshmerga gefunden wurden, begannen die Soldaten Hunderte und Tausende, die sich nicht in Sicherheit bringen konnten, festzunehmen. Die Gefängnisse der Geheimpolizei in Silêmanî quollen über von Festgenommenen. Sie wurden nach Aktivitäten der Peshmerga in ihren Dörfern befragt und danach, ob ihre Söhne, Brüder, Väter zu den Peshmerga gehörten.

Später wurden sie abtransportiert, mit Bussen in Richtung Kifrî. Hunderte Männer wurden nie wieder gesehen, nur von wenigen sind die Namen bekannt.
Während die Familien, die in Richtung Norden geflohen waren, zum Teil Unterschlupf bei Verwandten in Silêmanî oder in den Sammeldörfern außerhalb der Stadt bzw. entlang der Straße von Silêmanî nach Darbendîxan fanden, gingen die meisten Menschen, die ihr Glück in Richtung Süden, zu der hügeligen Ebene des „warmen Landes" Gêrmian versuchten, „verloren".

Sie hatten schon oft ihre Dörfer wegen irakischer Angriffe verlassen müssen und hofften, nach einiger Zeit zurückkehren zu können. Doch bald schon hörten sie, dass die ganze Region Qara Dagh von irakischen Truppen besetzt sei, ihre Häuser und Felder zerstört. Es gab keine Aussicht auf Rückkehr. Wo mehrere Familien zusammen waren, diskutierte man, und nicht wenige beschlossen, sich zu ergeben.

Von einem solchen Fall wird aus dem Dorf Omer Qala, am Fuße der Zerda-Berge berichtet. Vier alte Männer gingen mit weißen Fahnen zu den irakischen Truppen, um sich zu ergeben. „Bringt Eure Familien her", sagte der irakische Offizier. „Es wird ihnen nichts geschehen." ` Vertrauend auf diese Aussage, folgten die Familien. Sie wurden sofort festgenommen und nach Kalar, südlich von Darbendîxan, zum Hauptquartier der irakischen Armee transportiert. Danach hat man nie wieder von ihnen gehört.

Ströme von Flüchtlingen waren in diesen Tagen unterwegs auf der Hauptstraße von Darbendîxan in Richtung Süden, nach Kalar. Doch zu groß war die irakische Übermacht, und mehr als 500 von ihnen ergaben sich. Mit Militärlastwagen wurden sie abtransportiert. Auch ihr Schicksal wurde nie aufgeklärt.

Die Menschen hätten ohnehin keine Zuflucht in Gêrmian, dem freundlichen, dem „warmen Land" gefunden. Denn die dritte Anfal-Operation, die vom 7. bis zum 20. April 1988 dauern sollte, richtete sich eben gegen die hügelige Ebene von Gêrmianund ihre Bewohner. Gêrmian ist das Grenzgebiet der Soranî-Kurden. Im Süden schließt sich arabisch besiedeltes Hochland in Richtung Bagdad an. Die meisten der aktiven PUK-Peshmerga stammten aus den Dörfern Germians. Für den Guerillakampf war das Gebiet allerdings gänzlich ungeeignet.

Trotzdem hatten etliche Einheiten nach dem Fall des Hauptquartiers im Jafatî-Tal und der Niederlage in Qara Dagh den Versuch gemacht, sich nach Gêrmian zurückzuziehen. Im kleinen Ort Shêx Tawîl hatte sich eine Anzahl der versprengten Peshmerga mit Hilfe der engagierten Dorfbevölkerung neu formiert und sich der vielen Flüchtlinge, die aus Qara Dagh gekommen waren, angenommen. Das Verhältnis zwischen den Peshmerga und der Dorfbevölkerung beruhte immer auf Gegenseitigkeit: Während die Dorfbewohner die Guerilla mit Essen und Kleidung versah, erteilten die Peshmerga politischen Unterricht oder Unterricht in einfacher medizinischer Versorgung.

Alle Familien waren mindestens mit einem Gewehr bewaffnet und bildeten zivile Milizen. Doch gegen die Welle militärischer Angriffe während der dritten Anfal-Operation konnte niemand mehr etwas ausrichten. Niemals zuvor hatten die Bewohner von Gêrmian eine so große und dichte Ansammlung von Bodentruppen der irakischen Armee gesehen. Niemand sollte entkommen, Flüchtende wurden noch bei Nacht und bis tief in die Berge hinein mit dem Hubschrauber verfolgt. Von mindestens acht Seiten waren die irakischen Einheiten nach Gêrmian eingefallen, ihre Marschsäulen fächerten sich auf und ließen Raum für Fliehende nur dort, wo sie die Flüchtlinge bereits erwarteten - zum Abtransport.

Viele hatten sich in gutem Glauben den kurdischen Kollaborateuren, den Cash, ergeben. Doch wie schon zuvor in so vielen Fällen verschwanden sie spurlos. Die Truppen leisteten ganze Arbeit, keine Ansiedlung, kein Dorf blieb erhalten. Besonders in Gêrmian, dem warmen, dem freundlichen Land, verschwanden die meisten Männer, Frauen und Kinder während der Anfal-Operationen.

Die vierte Anfal-Operation vernichtete die Dörfer im Tal des Unteren Zabflusses. Binnen einer Woche, vom 3. bis 8. Mai 1988, fielen chemische Bomben auf die Dörfer Qoshtapa, Kanî und Askar, die alle südwestlich des Dûkan-Sees gelegen sind. Der Untere Zabfluss wird gespeist aus dem Wasser des Dûkan-Sees. Er schlängelt sich durch liebliche Täler, vorbei an Qoshtapa, was in türkischer Sprache „grüner Hügel" bedeutet, vorbei an Taq Taq, unter der Hauptverkehrsstraße zwischen Hewlêr und Kerkûk hindurch, vorbei an Tel Ali, bis er schließlich die Wasser des Tigris erreicht. Besonders im Mai sind Hügel und Wiesen und das Flusstal mit Blumen übersät, egal ob Krieg über dem Land liegt oder Frieden.

Die Menschen am Unteren Zabfluss hatten enge Verbindungen zu „ihren Peshmerga". Schon zu den Zeiten des alten Mullah Mustafa Barzanî gab es Peshmerga-Camps in der Umgebung, seit 1984 hatte die PUK einen wichtigen Kommandoposten dort. Nachdem alle Rückzugsmöglichkeiten im Jafatî-Tal, Qara Dagh und Gêrmian für die PUK-Einheiten verschlossen waren, versuchten sie, das Tal des Unteren Zabflusses zu erreichen. Davon waren auch die irakischen Truppen ausgegangen. Sie hatten daher dieses Gebiet als Ziel für die nächste Anfal-Operation vorgesehen.

Die irakischen Truppen waren allerbester Laune in diesem Frühling. Nicht nur, dass die vorhergehenden Anfal-Operationen den Peshmerga der PUK und der kurdischen Landbevölkerung einen vernichtenden Schlag zugefügt hatten. Auch an der iranischen Front konnten sie einen großen Sieg verbuchen. Am 17./18. April hatten sie in einer Vernichtungsschlacht, bei der mehr als 10.000 iranische Soldaten ihr Leben verloren, die strategisch wichtige Fao-Halbinsel am Persischen Golf zurückerobert. Die Niederlage der iranischen Truppen war nur noch eine Frage der Zeit.

Die irakischen MIG Jets flogen ihren Angriff am späten Nachmittag des 3. Mai. Kurz vor der Dunkelheit zählten die Bewohner von Askar acht dumpfe Explosionen, der Rauch stieg in weißen Säulen auf und verbreitete den Geruch von Pfefferminz und Knoblauch. Acht Menschen waren sofort tot. Im wenig entfernten Qoshtapa wurden die Menschen erst aufmerksam, als sie die merkwürdigen Explosionen hörten. Die Jets selbst erregten kaum ihre Aufmerksamkeit, sie waren daran gewöhnt. Vermutlich starben mehr als 200 Menschen an den Folgen des chemischen Gases. Eine alte Augenzeugin berichtet von einer toten Frau, die ihr Baby noch an der Brust hielt. So ereilte sie der chemische Tod, und so wurde sie schließlich beerdigt.

Noch in der gleichen Nacht versuchten die Menschen, durch die Berge und über Ziegenpfade zu fliehen. Die irakischen Truppen hatten den Staudamm am Dûkan-See geöffnet, so dass das Wasser des Unteren Zab schnell anstieg und vielen Familien den Fluchtweg in den Norden versperrte. Schon am nächsten Tag fielen die irakischen Truppen über die verlassenen Dörfer her und machten sie dem Erdboden gleich. Dutzende von Familien, vor allem Frauen und Kinder, die versucht hatten, sich in Höhlen in Sicherheit zu bringen, wurden festgenommen und in Sammeldörfer gebracht. Manche von ihnen verschwanden für immer.

In verschiedenen Marschsäulen setzten die Truppen in den zwei folgenden Tagen ihre Angriffe auf die Dörfer am Unteren Zab fort, den restlichen Widerstand vernichteten sie schließlich. Am 8. Mai war das Land still, nur Brandgeruch wehte über den zerstörten Dörfern und den Gräbern.

Was geschah mit den Deportierten? Wieder waren es IFA-Lastwagen, die, die Menschen zu verschiedenen Sammelpunkten brachten, einige nach Koysînjaq, andere nach Taq Taq. Wie Vieh wurden die Menschen zusammengepfercht. Doch selbst in dieser Situation zeigte sich immer wieder Widerstandswille. So berichten Augenzeugen davon, wie eine junge Frau im Sammellager in Taq Taq plötzlich aufsprang, ihr Baby an sich presste und an den wachhabenden Soldaten vorbei davonlief. Die eröffneten zwar das Feuer auf sie, doch konnte sie entkommen.

Die Sammellager waren nur vorübergehend; alle Menschen wurden, oft mit unbekanntem Ziel, weitertransportiert. Die meisten von ihnen kamen wohl ins Gefängnis der Geheimpolizei in Kerkûk. Weiter ist nichts von ihnen bekannt.

Die fünfte, sechste und siebente Anfal-Operationen ereigneten sich zwischen dem 15. Mai und dem 26. August 1988. Die Chemiebomber folgten erneut dem sich zurückziehenden PUK-Widerstand in die wilden Bergtäler von Shaqlawa und Rawandûz, wo sich noch Bären an den rauhen Berghängen tummelten. Zwölf Luftangriffe mit Chemiewaffen sind dokumentiert: zwei im Smaquli-Tal, in Wara, Kaniberd, Shêx Wasan, Beiro und Balîsan, in Garawan, Bileh und Seran, in Faquian und Akoyan. Einige der Namen sind uns bereits begegnet:

Schon im Mai 1987 waren die Dörfer im Balîsan-Tal Ziel von Giftgasangriffen der irakischen Luftwaffe. Die Dorfzerstörungen zogen sich weit bis ins Qandîl-Gebirge hinein und entlang der nördlichen Grenze des Dûkan-Sees. Die Angriffe trafen diesmal sogar Dörfer, die nicht sehr eng mit den Peshmerga der PUK zu tun gehabt hatten. Zum Beispiel das Dorf Wara, ein traditionell moslemisches Dorf, das eher mit der Regierung zusammengearbeitet hatte.

Am späten Nachmittag des 15. Mai kreisten irakische Jets über dem Dorf und warfen kurz darauf ihre tödliche Fracht ab. Mehr als 30 Tote wurden von den Bewohnern in einem Massengrab nahe der Dorfgrenze beerdigt, darunter viele Kinder. Auf dem Dorfplatz, wo die Bewohner von Wara ein Festessen zum bevorstehenden Ende des Ramadan vorbereitet hatten, lagen die Tiere vom Giftgas tot oder daran sterbend, das Gemüse kochte in den Töpfen auf dem Feuer.

Eine Woche später kamen die Bomber erneut und zerstörten weitere Dörfer in der Umgebung. Dann kamen, aus drei verschiedenen Richtungen, die irakischen Truppen und besetzten die Dörfer. Nicht sofort wurden sie dem Erdboden gleichgemacht, einige wurden erst Ende 1988 vollständig zerstört. Die Menschen flohen aus den Dörfern nach Südosten, mit dem Ziel, nahe Ranîya ein Sammeldorf zu erreichen. Andere flohen in die nördlichen Berge, um in den Iran zu entkommen.

Nicht alle hatten Glück, einige verliefen sich und landeten in einem Cash-Dorf, in der Nähe von Xalifan. Dort wurden sie von irakischen Militärs umstellt. Sie wurden fotografiert, mussten ihre Personalien angeben und kamen in ein Zeltlager, das mit Stacheldraht umgeben war. Auch von hier wurden die Menschen später auf IFA-Lastwagen verfrachtet und in Richtung Kerkûk, wahrscheinlich in das große Sammellager Topzawa, davongefahren. Man hörte nicht mehr von ihnen.

Auch wenn aufgrund des starken Widerstandes der PUK-Peshmerga die fünfte, sechste und siebente Anfal-Operation aus irakischer Sicht weniger zielgerichtet und erfolgreich verlief als die vorherigen, so waren die Folgen für die Landbevölkerung doch verheerend. Ihre Vorräte waren vernichtet, ihre Häuser zerstört, ihr Vieh war getötet, ihre Felder verbrannt. Viele von ihnen kehrten erst nach dem Aufstand 1991 in ihre Heimat zurück, um die Zerstörung selber zu sehen.

Am 17. Juli 1988, während der sechsten Anfal-Operation, erklärte der iranische Präsident Ali Khamenei gegenüber der UN, dass sein Land die UN-Resolution 598 anerkennen werde. Diese Resolution des UN-Sicherheitsrates forderte einen umgehenden Waffenstillstand im Iran-Irak-Krieg sowie eine Beobachtertruppe der Vereinten Nationen. Damit war der PUK eine sichere Nachschubbasis entzogen.

Das Hauptquartier beschloss den teilweisen Rückzug Ende Juli 1988. Als sich die Bevölkerung gemeinsam mit den Peshmerga aus den Dörfern zurückzog, wurde sie erneut Ziel einer massiven Giftgasattacke durch die irakische Luftwaffe. Mindestens 13 Menschen starben. Erneut wurden den Flüchtenden falsche Versprechungen von den Cash (kurdische Vaterlandsverräter) gemacht, denen sie, wider besseren Wissens, Glauben schenkten. Als sie sich in den Stationen der Geheimpolizei meldeten, wurden sie festgenommen und später in Richtung Kerkûk abtransportiert. Ihr Schicksal ist unbekannt.

Am 8. August 1988 stimmte die Teheraner Führung dem Waffenstillstandsangebot  von Saddam Hussein zu, der achtjährige Krieg zwischen Iran und Irak war beendet. Die iranische Niederlage bedeutete auch für die südkurdischen Peshmerga das Ende. Ihnen blieb nur die Flucht in Richtung iranischer Grenze. Ende August zerstörten die letzten PUK-Einheiten die Reste ihres Hauptquartiers im Balîsan Tal und zogen sich zurück. Bereits am folgenden Tag hatte die irakische Armee die ehemaligen PUK-Stellungen und sämtliche Dörfer der Region Balîsan besetzt.

Die komplette Niederlage der PUK war das Startsignal für das Regime in Bagdad zur achten und letzten Anfal-Operation. Sie dauerte vom 28. August bis zum 6. September 1988 und richtete sich gegen die Peshmerga-Stellungen der südkurdischen KDP. Deren Hauptquartier Zewa Shkan befand sich hoch im Zagrosgebirge des Dreiländerecks Türkei-Iran-Irak in der Bahdinan-Region, in der nördlichsten Provinz Dohûk. Dieses Gebiet ist klassisches Guerilla-Land: Hohe Berge wechseln sich ab mit tiefen, für schwere Waffen unzugänglichen Tälern. Wilde Bäche und Flüsse fließen aus dem nördlichen und östlichen Hochgebirge in Richtung Süden und Westen, nur wenige Straßen und Brücken ermöglichen für schweres Gerät und Fahrzeuge ein ungehindertes Durchkommen.

Von der gesellschaftlichen Struktur her sind die Menschen eher konservativ geprägt, folgen ihren Aghas oder Shêxs. Weder kulturell-politisch aufgeschlossen wie beispielsweise die Provinz Silêmanî, noch industriell erschlossen wie die Regionen um Hewlêr oder Kerkûk, lebt die kurdische Landbevölkerung in Bahdinan gemäß alten Traditionen. Hier schöpfte die konservative Demokratische Partei Kurdistans, KDP, ihre Unterstützung aus alten Stammesstrukturen.

Es gab unter diesen Stämmen aber auch solche, die in Konkurrenz zur KDP standen und bereits ihren eigenen „Frieden" mit dem Zentralregime in Bagdad geschlossen hatten. Auf ihre Zurückhaltung oder gar Unterstützung konnte die irakische Armee jedenfalls bei dieser letzten Anfal-Operation zählen.

Bis zu 400 Dörfer sollten in dieser Operation zerstört werden. Die nördlichste Provinz war seit Jahren schon einer besonders rigiden Kontrolle seitens der Zentralregierung ausgesetzt. Um den Nachschub für die Peshmerga zu unterbinden, war eine faktische Lebensmittelblockade verhängt worden. Nur auf Schmuggelpfaden und unter Lebensgefahr konnte die Bevölkerung das umgehen.

200.000 Soldaten bot die irakische Führung für die letzte Anfal-Operation auf. Sie wurden unterstützt von der Luftwaffe, von den Nationalen Verteidigungsbataillonen der Cash und von einem Chemiewaffenkontingent der Armee.
Bereits 1987 waren zwischen 40 und 50 Dörfer in der Region zerstört worden. Nun sollte es noch härter kommen: 49 Dörfer wurden seit dem 25. August 1988 aus der Luft mit Giftgas, Senfgas und Sarin, angegriffen. Zunächst traf es das KDP-Quartier in Zewa Shkan, wo zehn tote Peshmerga registriert wurden. In den folgenden Tagen flog die irakische Luftwaffe in den frühen Morgenstunden ununterbrochen Angriffe auf weitere Dörfer in den Garabergen und nördlich entlang der Grenze zur Türkei.

Mehr als 60 Menschen starben sofort. Hunderte aber, vor allem Kinder, starben erst in den folgenden Tagen und Wochen. Als im Jahre 1992, also vier Jahre später, Mitarbeiter der US-Organisation „Ärzte für Menschenrechte" Bodenproben im Dorf Birjînnî südöstlich von Zaxo nahmen, fanden sie noch hohe Rückstände von Sarin und Senfgas.
Die Menschen flohen nach Norden, Richtung Türkei. Doch bald nach den ersten Luftangriffen blockierten die irakischen Truppen die wenigen Straßen, die über die Berge führten und ebenso die Hauptverbindungsstraße zwischen Zaxo und Kanî Masî. Die Menschen saßen in einer Falle. Viele starben durch irakische Giftgasbomben, andere, die es nicht mehr über die Grenze schafften, wurden festgenommen und abtransportiert. Wohin, und was aus ihnen geworden ist, darüber gibt es keine Informationen.

Die Angriffe wurden fortgesetzt über den Garabergen, die sich südöstlich der Stadt Sersing erstrecken. Viele Menschen aus diesen Dörfern lebten bereits in Höhlen in den Bergen, da es in den vorherigen Jahren immer wieder zu Luftangriffen der irakischen Armee gekommen war.

Den Mitarbeitern von Middle East Watch berichtete eine junge Frau, Khadija, die in einer der Höhlen mit ihren neun Kindern lebte, von dem Giftgasangriff am Morgen des 25. August. Ihre ältere Schwester, Aisha, war gerade hinausgegangen, um die Frühstücksteller zu waschen. Khadija hörte eine Reihe mächtiger Explosionen. Es war, als wären die Bomben direkt über ihnen abgeworfen worden, der Eingang der Höhle füllte sich schnell mit weißem Rauch. Dieser Rauch, so erzählt sie, roch wie „die Medizin, die wir auf die Äpfel sprühen". Allen, die sich in der Höhle befanden, wurde schwindelig, das Atmen fiel ihnen schwer. Ihre Augen brannten und begannen zu tränen. Zwei jungen hatten sich unter den Büschen außerhalb der Höhle versteckt und versuchten, sich in Sicherheit zu bringen. Sie rannten los, doch aus den Flugzeugen wurde mit Maschinengewehren auf sie geschossen. Beide starben. Als der Rauch sich eine Stunde später verzogen hatte, gingen die übrigen hinaus und suchten Aisha, die ältere Schwester. Sie lag nicht weit von der Höhle entfernt, konnte aber nicht sprechen. Sie hatte sich erbrochen, ihre Haut war schwarz. Das Gras um sie herum war verbrannt, ihr Vieh lag tot herum. Aisha starb wenige Stunden später. Als die Familie sie nachts vor der Beerdigung wusch, war die Haut völlig schwarz und ausgetrocknet und blieb an ihren Fingern hängen.

Und weiter ging die Zerstörung, immer nach dem gleichen Muster: Den Giftgasangriffen folgten die Truppen, die, die Dörfer besetzten und alles bis auf den Boden zerstörten.
Manchen Menschen gelang die Flucht in die Berge, wo sie sich in Höhlen zu verstecken suchten. Doch viele wurden auch hier aufgetrieben und ermordet, oder aber, sofern sie sich ergaben, festgenommen und abtransportiert. Nur wenige Tage nach Beginn der letzten Anfal-Operation hatten die irakischen Truppen mit Unterstützung der kurdischen Kollaborateure Bahdinan weitgehend besetzt. Zehntausende von Menschen waren auf der Flucht in die Türkei.

Die Zahlen der Flüchtlinge schwanken zwischen 65.000 und 80.000. Recherchen, die in den Jahren 1992 und 1993 durch Mitarbeiter der Middle East Watch mit kurdischen Hilfsorganisationen durchgeführt wurden, ergaben bei 36 zerstörten Dörfern eine Zahl von mehr als 600 Männern, die verschwunden sind. Zahlen der irakischen Armee selbst belegen, dass in der letzten Anfal-Operation knapp über 3.000 Männer, darunter auch „Saboteure", also kurdische Peshmerga, festgenommen worden seien. Niemand der Verschwundenen ist in den Jahren seit der Anfal-Kampagne lebend wieder gesehen worden. Man muss davon ausgehen, dass es Massenexekutionen gab, denen sie zum Opfer gefallen sind.

Im übrigen lautete der Befehl von Al-Majid ohnehin, alle Männer zwischen 15 und 60 Jahren zu töten. Manche wurden dort, wo sie festgenommen wurden, erschossen, andere erst in den Verliesen der Geheimpolizei, wieder andere an unbekannten Orten im Süden des Landes. Allein in Bahdinan wurden, irakischen Quellen zufolge, 13.395 Menschen festgenommen: Peshmerga, die sich ergeben hatten, solche, die gefangen genommen worden waren, Männer, Frauen, fast 7.000 Kinder. Als Saddam Hussein am 6. September 1988 die Anfal-Kampagne mit einer „Amnestie" für die Festgenommenen beendete, wurden aus dem Gefängnis Salamiyeh noch Dutzende von gefesselten Männern in Busse verfrachtet und mit unbekanntem Ziel weggefahren.

Anfal, der Beutezug, hatte ein ganzes Volk bis ins Unerträgliche gedemütigt, seine Lebensgrundlagen zerstört, Familien auseinandergerissen, seinen militärischen Widerstand zerschlagen und vertrieben. Keine Heimat war den Überlebenden geblieben, das Nichtwissen über den Verbleib ihrer Angehörigen bedeutet noch Generationen später ein psychologisches Trauma.

Jede Hoffnung auf Zukunft wurde in den staatlich kontrollierten collective towns, den Flüchtlingsdörfern für die „Anfal-Menschen", zunichte gemacht. Der Verrat, den die eigenen Leute, die kurdischen Cash, begangen hatten, wiegt schwer und wird Vertrauen und Selbstbewusstsein noch auf Generationen hin behindern. Die Cash machten gute Beute und - wie Al-Majid es angeordnet hatte - bereicherten sich am Elend ihres eigenen Volkes: Kühe, Ziegen, Teppiche, Matratzen, Decken, Uhren, Gold und Bargeld, Schmuck, Bilder und Schuhe, Lebensmittel - kaum etwas, was die Raubzüge nicht hergaben.

Publiziert am: Donnerstag, 02. November 2006 (7651 mal gelesen)
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